Ein gutes Leben für alle – und wie Klimaschutz dazu beitragen kann.

Was bedeutet eigentlich ein „gutes Leben für alle“ – und ist es innerhalb unseres aktuellen Wirtschaftssystems überhaupt möglich? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch den dritten und letzten „Zukunftsdialog“ der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) am 16. Juni 2025 in der Wiener C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik. Dort tauschten sich Personen aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über Wege zu einer sozial-ökologischen Transformation aus. Es diskutierten Hanna Simons von WWF Austria und Umweltökonomin Sigrid Stagl von der WU Wien mit Moderator Rudi Anschober (ehemaliger Bundesminister für Soziales und Gesundheit). Deutlich wurde dabei: Ein gutes Leben für alle gilt als gemeinsames Ziel, auch wenn die politischen Vorstellungen über den Weg dorthin weit auseinandergehen und noch viele Fragen offenbleiben.

Zwischen Lebensstandard und Lebensqualität.

Zu Beginn stand die zentrale Frage im Raum, ob Klimaschutz nicht vielmehr als Chance verstanden werden sollte und als eine Möglichkeit, ein gutes Leben für alle zu schaffen, statt ihn als Verzichtsdebatte wahrzunehmen. Hanna Simons griff diesen Gedanken auf und betonte die Notwendigkeit einer klaren Trennung zwischen Lebensstandard und Lebensqualität. Während der Lebensstandard sich primär auf materiellen Wohlstand – etwa Einkommen, Besitz und Konsumniveau – beziehe, sei Lebensqualität im Kern davon unabhängig und umfasse immaterielle Faktoren wie Gesundheit, soziale Beziehungen oder individuelle Entfaltungsmöglichkeiten.

Das gegenwärtige Problem bestehe jedoch darin, dass Lebensqualität häufig nur über einen hohen Lebensstandard erreichbar sei. Zugang zu guter Bildung, Gesundheitsversorgung oder kultureller Teilhabe ist in vielen Gesellschaften stark an ökonomische Ressourcen gekoppelt. Für die Perspektive eines „guten Lebens für alle“ bedarf es daher einer Entkopplung dieser beiden Dimensionen: Elemente der Lebensqualität müssen unabhängig vom materiellen Wohlstand gesichert und allen Menschen zugänglich gemacht werden.

Klimaschutz zwischen Utopie, Regeln und Beteiligung.

Mehrmals wurde betont: Klimaschutz muss aus der Ecke des Verzichts und der Verbote herausgeholt werden. Die dominante Erzählung, dass Klimaschutz Rückschritt bedeute, sei eines der hartnäckigsten Narrative gegen das aktiv angegangen werden müsse.
Simons betonte kritisch, dass es bislang nicht gelungen sei, positiven Narrativen ausreichend Raum zu geben. Stattdessen dominierten drei „Märchen“: Klimaschutz bedeute Verzicht, individuelle Verantwortung stehe über politischem Handeln, und Klimaschutz führe zurück in die Vergangenheit.

Um dem etwas entgegenzusetzen, brauche es überzeugende Antworten auf wichtige Fragen: Wie sieht ein klimaneutrales Österreich konkret aus? Wie fühlt sich ein gutes Leben an, wenn Städte grüner, Luft sauberer und Lebensräume gerechter gestaltet sind? Beispiele aus der Praxis zeigen, dass Klimaschutz Lebensqualität steigern kann. In Städten wie Paris oder Amsterdam haben autofreie Zonen, mehr Grünflächen und sichere Radwege zu besserer Luft, weniger Lärm und mehr Raum für Begegnung geführt.

Solche positiven Zukunftsbilder sollten stärker Teil des öffentlichen Narrativs werden. Sie machen sichtbar, dass ökologische Transformation nicht Verzicht, sondern auch Lebensqualität für alle bedeuten kann. Damit solche Visionen gesellschaftlich wirksam werden, braucht es jedoch auch politische Rahmensetzungen und den Mut zur Regulierung. Maßnahmen wie ein Tempolimit zeigen exemplarisch, dass Klimaschutz oft weniger eine Frage der Kosten als des gesellschaftlichen Willens ist – und dass kollektives Wohlergehen manchmal eben auch individuellen Verzicht in einem gemäßigten Rahmen bedeutet.

Wirtschaft neu denken – auch in Österreich?

Die Diskussion machte deutlich, dass ein gutes Leben für alle nicht gegen, sondern mit einer Transformation der Wirtschaft möglich ist. Klimaschutz ist laut Sigrid Stagl nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Ein Umbau zu erneuerbaren Energien schafft Arbeitsplätze, fördert lokale Wertschöpfung und macht Österreich unabhängiger von fossilen Importen. Diese Vorteile müssen in den Vordergrund gestellt werden und durch positive Zukunftsbilder verankert werden, sodass Klimaschutz nicht länger als Bedrohung, sondern als Gewinn für alle wahrgenommen wird. Diese Green-Growth-Argumentation, die Vorstellung, dass ökologischer Umbau und wirtschaftliches Wachstum Hand in Hand gehen, ist nicht unumstritten. Denn wie realistisch ist das Versprechen eines „grünen Wachstums“ und wo trifft er auf ökologischen und sozialen Grenzen? Daher fordern Vertreter*innen der Degrowth Bewegung, Wohlstand neu zu definieren und Wachstum grundsätzlich zu hinterfragen.

Doch bleibt die Frage: Wie kann ein solcher Wandel konkret aussehen? Ein inspirierendes Beispiel dafür bietet Uruguay: Dort gelang es, innerhalb weniger Jahre und mit einem breiten politischen Konsens nahezu vollständig auf erneuerbare Energien umzusteigen. Eine vergleichbare Entwicklung scheint in Österreich jedoch noch in weiter Ferne. Aber wieso ist das so? Laut Stagl liege das nicht an dem fehlenden Wissen oder an der mangelnden Möglichkeit, sondern viel mehr an jenen, die blockieren – durch Strategien wie gezielte Falschinformation. Es fehle an offenen, partizipativen Räumen, in denen ein faktenbasierter, demokratischer Austausch möglich ist.

Partizipation ist dabei der Schlüssel. Ein gutes Leben für alle kann nur gelingen, wenn Strukturen geschaffen werden, die es allen Menschen ermöglichen, Teil der Lösung zu sein. Das zentrale Ziel müsse sein, so Stagl, die Bedürfnisse aller Menschen zu erfüllen – nicht bloß individuelle Wünsche zu bedienen. Was es jetzt braucht, sind positive Zukunftsbilder, klare politische Rahmenbedingungen und Regierungen, die Verantwortung übernehmen und den Wandel aktiv gestalten.

Reflexion: Ist ein gutes Leben für alle innerhalb des Kapitalismus möglich?

Die Veranstaltung setzte einen wichtigen Impuls und rief eine zentrale Frage in Erinnerung: Kann ein gutes Leben für alle innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems gelingen? Solange Profite systematisch über das Gemeinwohl gestellt werden und globale Lieferketten auf Kosten von Mensch und Natur funktionieren, stellt sich die Frage des Nutzens der Ökonomie für die Gesellschaft. Ein grundlegender Paradigmenwechsel scheint ebenso notwendig wie schwer umsetzbar.

Märkte als Instrument zur Ressourcenverteilung können durchaus nützlich sein. Doch wenn es um die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse geht, braucht es politische Rahmensetzungen – und eine Abkehr vom Dogma eines unbegrenzten Wachstums. Gleichzeitig stellt sich die Frage, für wen dieses „alle“ im „guten Leben für alle“ eigentlich gilt. Denn eng damit verbunden ist der Aspekt der Klimagerechtigkeit, der am Ende der Vortragsrunde noch einmal deutlich wurde. Die Frage, wer von Klimaschutzmaßnahmen profitiert und wer die Kosten trägt, durchzieht sämtliche Ebenen der ökologischen und sozialen Krisen. Damit rücken weiterführende Überlegungen in den Fokus: Wie kann ein gutes Leben für sozial benachteiligte Gruppen im eigenen Land – aber auch für Menschen im Globalen Süden – gewährleistet werden?

Die Veranstaltung machte deutlich: Es braucht nicht nur neue ordnungspolitische Rahmungen, sondern auch eine gesellschaftliche Verständigung darüber, welche Bedürfnisse wirklich zentral für unsere Lebensqualität sind – und welche Formen von Konsum, Mobilität oder Energieverbrauch ökologische und soziale Grenzen überschreiten. Ebenso wurde deutlich, dass dabei nicht alle gleichermaßen betroffen sind: Wer profitiert, wer trägt die Kosten, und wessen Anliegen werden politisch zuerst gehört? Diese Fragen gilt es nun gemeinsam zu beantworten.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Christine Miess

 

Weiterführende Links:

Zur Aufzeichnung der Veranstaltung auf der C3-Website

 

Dieser Artikel hat sich mit der dritten Ausgabe der dreiteiligen C3-Zukunftsdialog-Reihe mit Rudi Anschober befasst.

Hier geht es zum Bericht über den ersten Zukunftsdialog.

Hier geht es zum Bericht über den zweiten Zukunftsdialog.

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle.