Spätestens seit der erneuten Präsidentschaft Donald Trumps, so der Einführungstext der Vortragsreihe Antifaschismus im 21. Jahrhundert, erleben wir eine politische Situation, in der demokratische Mindeststandards zunehmend vom „Recht des Stärkeren“ verdrängt werden. Weltweit gewinnen autoritäre, ultranationalistische und rechtsextreme Kräfte an Einfluss, während Narrative gegen Migration, Feminismus oder queere Lebensweisen weiter normalisiert werden.
Die Vortragsreihe, eine Kooperation von Demokratiezentrum Wien, der Textproduktionsplattform transversal texts und der Universität Wien, setzt genau hier an. Sie fragt, welche Formen antifaschistischer Analyse und Praxis unter gegenwärtigen Bedingungen möglich – oder sogar notwendig – sind. Den Auftakt bildete der Vortrag Schwarze radikale Kritik des Faschismus. Eine antifaschistische Revision der deutschen Politikwissenschaftlerin Vanessa E. Thompson (Queen’s University, Kanada).
Um aktuelle Entwicklungen zu fassen, verwendet Thompson bewusst den Begriff der Faschisierung. Anders als der Begriff „Faschismus“ beschreibt er keinen abgeschlossenen Zustand, sondern einen Prozess: Eine schleichende Verschiebung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse, in der autoritäre Praktiken an Bedeutung gewinnen, während demokratische Aushandlung an Raum verliert. Faschisierung beschreibt somit gegenwärtige Dynamiken, die demokratische Ordnungen unter Druck setzen, sie verändern und potenziell in offen autoritäre Formen überführen können. Mit der Verwendung dieses Begriffs möchte Thompson sichtbar machen, in welche Richtung sich Gesellschaften bewegen können. Gerade deshalb erscheint Faschisierung heute nicht mehr nur als Randphänomen, sondern zunehmend als prägende gesellschaftliche Entwicklung.
Die Relevanz des Nachdenkens über Faschismus bildete sich auch im Interesse an ihren Ausführungen ab: Der größte Hörsaal im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien war zum Bersten voll, ein Großteil des Publikums junge Menschen. Die Atmosphäre erinnerte stellenweise an eine Vorlesung – konzentriert, dicht, teilweise auch überfordernd. In kurzer Zeit verband Thompson antirassistische, antikoloniale, antifaschistische und antikapitalistische Theorien zu einer Analyse, die vor allem eines deutlich machte: Wer Faschismus verstehen will, muss seine kolonialen Ursprünge ernst nehmen.
Aufgrund der inhaltlichen Dichte des Vortrags wird dieser Artikel in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil widmet sich einer historischen Perspektive und geht der Frage nach, inwiefern der europäische Faschismus seine Wurzeln im Kolonialismus hat. Der zweite Teil richtet den Blick auf gegenwärtige Faschisierungsprozesse und fragt danach, wie Antifaschismus heute neu gedacht werden kann.
Faschismus beginnt nicht erst in Europa.
Bereits in den Zwischenkriegsjahren wurde der Aufstieg des europäischen Faschismus aus unterschiedlichen Perspektiven der Unterdrückten in den Kolonialreichen analysiert. Auffällig ist dabei, dass Denker*innen aus verschiedenen Teilen der kolonial geprägten Welt zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangten: Unabhängig voneinander deuteten sie den Faschismus nicht als historischen Bruch, sondern als Ausdruck globaler Machtverhältnisse. So analysierten etwa George Padmore und C. L. R. James (Karibik) und M. N. Roy (Indien) den in Europa aufkommenden Faschismus vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit kolonialer Herrschaft. Das sich in Europa ausbreitende Phänomen sei nämlich nur vor dem Hintergrund kolonialer Herrschaft verständlich.
Gerade diese geografisch unterschiedlichen Perspektiven verweisen auf eine gemeinsame Einsicht: Der Faschismus des 20. Jahrhunderts erscheint aus antikolonialer Sicht nicht als neues Phänomen, sondern als in kolonialen Gewaltverhältnissen angelegt – eine These, die später von Aimé Césaire und Frantz Fanon besonders prägnant ausgearbeitet wurde. Was in Europa als neue Entwicklung erschien, war in den Kolonien längst Alltag. Thompson strich hervor, dass sich zentrale Elemente faschistischer Herrschaft bereits in den kolonialen Projekten europäischer Mächte finden lassen: Enteignung, Zwangsarbeit, rassistische Hierarchien und permanente Gewalt – abgesichert und legitimiert durch Recht und Staat.
In diesem Zusammenhang beschrieb Aimé Césaire den europäischen Faschismus als „Rückschlag“ (frz. choc en retour) kolonialer Gewalt: Praktiken, die über Jahrzehnte in den Kolonien erprobt wurden, kehren in die europäischen Metropolen zurück. Faschismus erscheint somit weniger als Zäsur, sondern als radikale Zuspitzung und Fortführung bestehender kolonialer Gewaltverhältnisse. Für Thompson fungierten koloniale Gewaltverhältnisse nicht nur als „Laboratorien“ für faschistische Herrschaft in Europa, sondern sie stellten bereits eigenständige Formen von Faschismus dar. Die vermeintliche Trennung zwischen liberaler Demokratie und faschistischer Herrschaft wird dadurch infrage gestellt, da zahlreiche Kolonialmächte in ihren europäischen Gebieten im 20. Jahrhundert Systeme repräsentativer Demokratie unterhielten. Verfolgt man diese Idee, sind antikoloniale Kämpfe immer auch antifaschistische Kämpfe.
Faschismus, Rassismus und der innerstaatliche Widerspruch.
Die Analyse von Gewaltverhältnissen beschränkte sich dabei nicht auf die Kolonien. Auch in den imperialen Zentren selbst ließen sich faschistische Tendenzen nachweisen. Der US-amerikanische Soziologe W. E. B. Du Bois zeigte bereits 1935, dass liberale Demokratien auf einer strukturellen Spaltung beruhen: Rechtsstaatlichkeit für einige, Gewalt und Entrechtung für andere. In seiner Analyse der USA beschreibt er ein System, in dem rassistischer Terror, Zwangsarbeit und rechtliche Diskriminierung systematisch organisiert sind. Diese Form des Widerspruchs – Demokratie nach innen, Gewalt nach außen bzw. gegenüber rassifizierten Gruppen – gilt heute als zentrales Merkmal faschistischer Formationen.
Auch Frantz Fanon analysiert Kolonialismus als ein System totaler Gewalt: eine durch Militär, Polizei und Recht abgesicherte Ordnung, die Gesellschaft in strikt getrennte Zonen aufteilt. Diese „zweigeteilte Welt“ – eine für die Herrschenden, eine für die Unterworfenen – erinnert an das, was später als faschistische Herrschaft beschrieben wird.
Entscheidend ist dabei: Was als „Faschismus“ erkannt wird, hängt davon ab, für wen Gewalt sichtbar wird. Koloniale und rassistische Gewalt konnte lange als „normal“ erscheinen – und blieb deshalb aus europäischen Faschismusdefinitionen ausgeschlossen.
Faschismus als Produkt kapitalistischer Krisen.
Neben der kolonialen Dimension betont Thompson eine zweite zentrale Perspektive: Faschismus entsteht nicht zufällig, sondern im Kontext und als Reaktion auf kapitalistische Krisen.
Sie zeichnet nach, dass für Theoretiker wie Padmore oder James Faschismus eine Reaktion auf die Instabilitäten imperialistischer Expansion und ökonomischer Umbrüche war. Formal demokratischer und faschistischer Imperialismus erscheinen in dieser Sichtweise nicht als klare Gegensätze, sondern als unterschiedliche Formen eines Systems, das auf Ausbeutung, Expansion und rassistischer Hierarchisierung beruht.
Damit kann Faschismus nicht als bloße Abweichung von der liberalen Demokratie verstanden werden. Er entsteht vielmehr aus ihren inneren Widersprüchen: aus kolonialer Gewalt, kapitalistischen Krisen und imperialer Expansion. Diese Perspektive stellt die vermeintlich scharfe Trennung zwischen liberaler Demokratie und faschistischer Herrschaft infrage. Sie erinnert daran, dass autoritäre, rassistische und gewaltvolle Ordnungen nicht erst außerhalb demokratischer Gesellschaften entstehen, sondern in ihnen angelegt sein können.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Canva
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Weiterführende Links:
zur Veranstaltungsreihe „Antifaschismus im 21. Jahrhundert“