Der erste Teil des Artikels beleuchtete zwei Perspektiven auf die Entstehung faschistischer Dynamiken: Die Verbindung zu kolonialen Gewaltverhältnissen und die Herausbildung des Faschismus als Reaktion auf ökonomische und soziale Krisen. Beide Perspektiven lassen sich zusammenführen, wenn Faschisierung nicht als singuläres Phänomen, sondern als spezifische Form des Umgangs mit gesellschaftlichen Widersprüchen begriffen wird. Genau hier setzt die Analyse gegenwärtiger autoritärer Tendenzen der Politikwissenschaftlerin Vanessa E. Thompson an.
Faschisierung in der Gegenwart.
Im Zentrum von Thompsons Argumentation steht die These, dass gegenwärtige Formen von Faschisierung als Teil kapitalistischer Krisenbearbeitung verstanden werden müssen. Anknüpfend an Stuart Hall beschreibt sie diese Entwicklung als „Policing the Crisis“ – also als polizeilich-autoritäre Regulierung sozialer und ökonomischer Widersprüche. Gemeint ist damit eine grundlegende Verschiebung: Gesellschaftliche Probleme können immer seltener durch politische Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Interessensgruppen gelöst werden. Thompson argumentiert, dass Ideen zu Umverteilung oder sozialer Absicherung zunehmend in Sackgassen enden und durch sicherheitspolitische Maßnahmen ersetzt würden. Armut werde kriminalisiert, Migration als Sicherheitsproblem behandelt und soziale Konflikte polizeilich reguliert.
Surplus Populations – „Überschüssige“ Bevölkerung.
Als zentrale Kategorie zur Beschreibung gegenwärtiger Entwicklungen nennt Thompson das Konzept der „Surplus Populations“. Gemeint sind jene Bevölkerungsgruppen, die im Zuge globaler ökonomischer Transformationen zunehmend als überflüssig behandelt werden: prekär Beschäftigte, Migrant*innen, Arbeitslose oder von Armut betroffene Menschen.
Im Kontext von Deindustrialisierung, Automatisierung und globaler Ungleichheit wachsen diese Gruppen weltweit an. Ihre soziale Position ist dabei nicht nur durch ökonomische Marginalisierung geprägt, sondern zunehmend durch Formen staatlicher Kontrolle: Inhaftierung, Abschiebung, Überwachung oder systematische Vernachlässigung.
Thompson erinnert daran, dass es dabei nicht nur um ökonomische Funktionen, sondern auch um affektive und gesellschaftliche Dynamiken geht. Die Konstruktion von „überflüssigen“ oder „gefährlichen“ Gruppen stabilisiert soziale Ordnungen, indem sie Ängste in der Bevölkerung kanalisiert und das Aufkommen autoritärer Persönlichkeiten ermöglicht. Gewalt wird so nicht nur politisch organisiert, sondern auch gesellschaftlich legitimiert.
Gefängnis, Polizei, Kontrolle.
Faschisierung erscheint in dieser Perspektive weniger als Projekt extremistischer Bewegungen, sondern als Intensivierung bestehender Herrschaftsverhältnisse. Staatliche Gewalt wird ausgeweitet, demokratische Grenzen verschieben sich – und das oft innerhalb liberaler Demokratien selbst. Polizei, Militär und Justiz treten dabei als zentrale Akteure dieser Entwicklung auf.
Thompson bezieht sich hier auf den Politikwissenschaftler William I. Robinson, der die gegenwärtige globale Tendenz zu Polizeistaaten beschreibt. Repression wird dabei selbst zu einem zentralen Feld politischer und ökonomischer Regulation. Faschisierung zeigt sich hier weniger als Versuch, gesellschaftliche Widersprüche zu lösen, sondern vielmehr bestimmte Bevölkerungsgruppen durch Kontrolle, Ausschluss und Gewalt zu verwalten.
Für Thompson werden Polizei, Gefängnisse und Grenzregime damit zu zentralen Instrumenten neoliberalen Krisenmanagements – und das nicht erst seit Trump. In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Gefängnis eine besondere Bedeutung. Es fungiert nicht nur als Ort der Bestrafung, sondern als staatliches Instrument zur Kontrolle marginalisierter Bevölkerungsgruppen sowie zur Eindämmung politischer Opposition. Während Anfang der 1970er Jahre in den USA rund 325.000 Menschen inhaftiert waren, sind es heute fast zwei Millionen. Inhaftierung erscheint damit nicht nur als Reaktion auf Kriminalität, sondern als strukturelles Instrument im Umgang mit sozialen Widersprüchen.
Die Politikwissenschaftlerin und US-Bürgerrechtlerin Angela Davis hat diesbezüglich mit Blick auf die USA das Konzept des gefängnisindustriellen Komplex (engl. prison-industrial complex) geprägt. Der Ansatz beschreibt die enge Verflechtung von Staat, Privatanbieter*innen und mächtigen Konzernen, die durch Inhaftierungen, Überwachung und Strafverfolgung finanzielle Gewinne erzielen. Besonders in den USA zeigt sich, wie diese Instrumente nicht nur der Kontrolle der „Überflüssigen“ dienen, sondern zugleich mit Profitinteressen verbunden sind. Dieses System wandelt Gefängnisse in profitable Wirtschaftsunternehmen um, oft auf Kosten von Menschenrechten, Arbeitsstandards und hoher Rückfallquote.
Der Ausbau polizeilicher Kontrolle ist dabei kein ausschließlich US-amerikanisches Phänomen. Auch im europäischen Kontext lassen sich ähnliche Entwicklungen beobachten. So steigt etwa in Österreich trotz wiederkehrender Sparvorgaben der Personalstand bei der Polizei – ein Hinweis darauf, dass staatliche Ressourcen zunehmend in sicherheits- und kontrollpolitische Bereiche verschoben werden. Vanessa Thompson verweist in ihrem Vortrag zudem auf Berlin, wo Polizeibudgets und Personalzahlen ebenfalls steigen. Gemessen an der Bevölkerung ist die Polizeidichte dort inzwischen sogar höher als in New York City.
Diese Entwicklung zeigt sich ebenso in der europäischen Grenzpolitik, erinnert Thompson. Auch hier werden Grenzen militarisiert, externalisiert und technologisch aufgerüstet, während Pushbacks, Abschiebungen und Kooperationen mit autoritären Regimen längst zur politischen Praxis gehören. Gewaltförmige Dimensionen der europäischen Grenzpolitik werden damit vielfach ausgelagert und verschwinden so aus unserem kollektiven Bewusstsein.
Was Antifaschismus heute leisten sollte.
Für Thompson besteht die Herausforderung antifaschistischer Politik im 21. Jahrhundert darin, die sozialen Bedingungen in den Blick zu nehmen, unter denen autoritäre Dynamiken entstehen. Vor diesem Hintergrund verschiebe sich auch der Begriff des Antifaschismus. Wenn Faschisierung nicht nur als Aufstieg rechtsextremer Bewegungen verstanden werde, sondern tief in gesellschaftliche Strukturen eingebettet sei, reiche eine Politik der Abgrenzung gegen rechts nicht aus. An diesem Punkt sei eine antikoloniale Kritik am Faschismus besonders wichtig. Denn antifaschistische Bündnisse blieben wirkungslos, wenn sie die Ursachen des Phänomens – insbesondere Kolonialismus und Imperialismus – nicht reflektierten. Antifaschismus könne sich nicht darauf beschränken, gegen Rechtsextreme zu protestieren. Vielmehr müsse er jene Verhältnisse in den Blick nehmen, die autoritäre Entwicklungen hervorbringen: soziale Ungleichheit, Rassismus, Militarisierung, Grenzregime und staatliche Gewalt.
Die von Thompson herangezogene schwarze radikale Tradition verweist dabei auf einen internationalistischen Antifaschismus, der antikoloniale, antikapitalistische und antimilitaristische Kämpfe miteinander verbindet. Historisch war antifaschistische Politik immer eng mit sozialen Kämpfen verknüpft: von Arbeiter*innenbewegungen über antikoloniale Befreiungskämpfe bis hin zu Protesten gegen Gefängnisse und Polizeigewalt. Antifaschismus bedeutet in diesem Sinne nicht nur Widerstand, sondern auch die Suche nach Alternativen: nach anderen Formen politischer Solidarität und sozialer Organisation.
Antifaschismus im 21. Jahrhundert heiße daher, die Verbindungen zwischen sozialer Ungleichheit, staatlicher Gewalt und kapitalistischer Krise sichtbar zu machen – und ihnen konkrete politische Alternativen entgegenzusetzen. Eine Praxis, die auf internationale Solidarität, soziale Infrastruktur und die Zurückdrängung staatlicher Gewalt zielt, könne eine zentrale Grundlage bilden, um autoritären Entwicklungen entgegenzutreten. Denn wenn Faschisierung kein Ausnahmezustand sei, sondern Teil gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse, dann müsse Antifaschismus mehr sein als bloße Reaktion: Er wird zu einer Frage gesellschaftlicher Transformation.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Canva
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Weiterführende Links:
Stuart Hall et al. (1978): Policing the Crisis: Mugging, the State and Law and Order und eine Zusammenfassung dieses Werkes
W. E. B. De Bois (1935): Black Reconstruction.
William I. Robinson (2020): The Global Police State
Too long, didn’t read. Ein Podcast von Alex Demirović mit einer Episode zu Angela Davis. Zu Gast ist Vanessa E. Thompson.