Wie finden wir heraus, was wir an Schulen lehren sollen? Müssen wir überhaupt unterrichten? Warum ist formale Bildung verpflichtend? Und braucht es Schulen wirklich? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmenden der Gesprächsrunde Hinterfragen lernen? Paulo Freire und die Pädagogik des Dialogs am 16.November 2023 am Institut für Lehrer*innenbildung in Wien. Anwesend waren unter anderem der Bildungsphilosoph Walter Omar Kohan, der Erziehungswissenschaftler Jan Niggemann und Lale Maierhofer-Tuna von der Initiative „Schule Brennt“. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Freireanischen Woche statt, die durch das Paulo Freire Zentrum organisiert wurde.
Was Schule mit Freizeit zu tun hat.
Der französische Philosoph Michel Foucault verglich Schulen aufgrund der mit ihnen verbundenen Ausübung von Zwang unter anderem mit Gefängnissen, in denen Lernende, entgegen ihrem eigenen Willen, ausharren und sich verschiedenen Ansprüchen anpassen müssen. Zu Beginn der Veranstaltung erinnerte Kohan jedoch daran, dass Schule in einer ihrer frühesten Konzeptionen keinesfalls als eine Art Gefängnis vorgesehen war. Das Wort Schule leitet sich nämlich vom altgriechischen Wort Scolé ab, was Freizeit bedeutet.
Kohan betont unter Verwendung seines von Paulo Freire inspirierten Kindheitsbegriffes die Bedeutung von Zeit für jegliche Form des Austausches und Lernens. Das Wort Kindheit beziehe sich dabei nicht auf ein bestimmtes Alter oder eine begrenzte Zeitspanne, sondern stattdessen auf eine offene Haltung, die die Gegenwart in den Vordergrund stellt. „Lasst uns die Gegenwart erfahren und nicht die chronologische Zeit, die die Uhr anzeigt“, sagte Kohan, „Lasst uns versuchen, Schulzeit zu erfahren.“ Mit dieser Perspektive begannen die Anwesenden ihren Austausch zum Thema der Veranstaltung, wobei sie dazu ermutigt wurden, Fragen zu stellen, anstatt einander Antworten zu geben.
Das Verständnis von Schule und Lernen.
„Was sind Schulen? Wir tragen alle viele verschiedene Schulen in uns, in Form von Erinnerungen und Erfahrungen“, lud Kohan dazu ein, das Verständnis von Lernräumen grundsätzlich zu hinterfragen. Formale Bildungsinstitutionen seien oft Orte, an denen konservative und autoritäre Perspektiven bekräftigt werden. Die Anwesenden beschäftigten sich in diesem Zusammenhang mit der Frage, ob Lernräume alleine auf die Schule begrenzt sind oder sein sollten. Denn das Verständnis für Lernprozesse könne auch breiter gedacht werden, wobei die zugrundeliegende Annahme ist, dass Menschen in den verschiedensten Kontexten und Formaten lernen und Wissen erarbeiten. Unter spezifischen Bedingungen können Schulen auch vordergründig Orte sein, an denen Personen Nahrung erhalten oder Schutz vor prekären Lebenssituationen, gab eine teilnehmende Person zu bedenken, die mit Geflüchteten arbeitet. Lernprozesse finden dementsprechend auch außerhalb des formal schulischen Rahmens statt und Schulen erfüllen auch Aufgaben, die nicht ihrem formalen Bildungsauftrag zugeordnet werden. Darauf aufbauend präzisierten die Teilnehmenden auch eine der zentralen Fragen, mit denen die Gesprächsrunde begonnen hatte: Sollten Schulen in der Form, in der sie derzeit bestehen, verpflichtend sein?
In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage nach gesellschaftlicher Ungleichheit, entlang verschiedener Kategorien, wie Klasse, Geschlecht, race oder ability, in Bezug auf Bildung und Bildungszugang aufgeworfen. Wie könnte ein inklusives Recht auf Bildung gewährleistet werden, wenn es keine Schulpflichten gibt und die Wissensvermittlung dadurch möglicherweise in einen als privat definierten Raum verschoben wird? Gleichzeitig brauche es Lernprozesse, die im Gegensatz zu herkömmlichen Unterrichtsformaten, das bereits bestehende Wissen der Lernenden anerkennen. Die Lehrenden werden dadurch gleichzeitig auch Lernende, anstatt von oben nach unten in der Annahme zu belehren, dass Schüler*innen ohne formale Bildungsabschlüsse unwissend seien. Auch Paulo Freire wies darauf hin, wie wichtig es sei, an bereits bestehendem Wissen anzusetzen und aus ihm heraus neues Wissen gemeinschaftlich, in einem kollektiven Dialog, zu erarbeiten. Aus diesen Überlegungen heraus stellte sich schließlich weniger die Frage, ob Schulen gebraucht werden, sondern wie Schulen gestaltet sein sollen.
Welche Schulen brauchen wir?
Unter der Vorannahme, dass es viele verschiedene Formen von Lernräumen und vielfältige Lernprozesse gibt, können wir uns die Frage stellen, welche Art von Lernräumen Schulen sein sollen. Aus den vorhin gestellten Fragen ging hervor, dass es eine Schule braucht, die Ungleichheiten auf verschiedenen Ebenen reflektiert, um schulische Bildung für alle zugänglich zu machen. Gleichzeitig muss es eine Schule sein, die aufmerksam für bestehendes Wissen ist und die Bedeutung von gemeinschaftlichem Hinterfragen anerkennt. „Manchmal ist alles, das wir brauchen, ein sicherer Ort“, so eine teilnehmende Person, denn „wir lernen manchmal auch dann etwas, wenn es scheint, als würde kein Inhalt unterrichtet werden.“
Dieser Aspekt wirft auch die Frage nach Hierarchien und Autorität auf, die maßgeblich dazu beitragen, wie sicher oder unsicher ein Raum gestaltet ist. Paulo Freire schrieb in Pädagogik der Autonomie über das Spannungsfeld zwischen Autorität und Freiheit, wobei er festhält, dass Lernprozesse auf Autorität angewiesen sind. In anleitenden Positionen, wie etwa als Lehrende an Schulen oder Universitäten, stehen wir vor der Frage, wie es möglich ist, Freiheiten zu wahren und gleichzeitig Grenzen zu setzen. Freiheit entstehe durch ihren Widerspruch zu anderen Freiheiten, was auch bedeutet, dass Autorität und Freiheit sich gegenseitig bedingen, da sie sich in gegenseitigem Respekt jeweils bewahren müssten. Dadurch wird die Bedeutung eines dialogischen Lernprozesses aufs Neue deutlich. Anleitende Personen sollten sich als beratend verstehen, anstatt ihren eigenen Willen aufzuzwingen, auch wenn dadurch Raum für Fehler entsteht. Die Fähigkeit, zuhören zu können, wird dadurch essentiell. Lehrpersonen, die über Autorität verfügen, sollten die Zeit, in der sie unterrichten, nicht alleine mit der Vermittlung ihres Wissens füllen, sondern zur aktiven Teilnahme der Anwesenden ermutigen. Gleichzeitig sei Lehren auch mit bewussten Entscheidungen verbunden und könne niemals neutral sein, da es sich um einen politischen Prozess handle. Die Aufgabe sei letztlich jedoch imm
Die Herausforderung, diesen sicheren Raum so umzusetzen, dass er alle Bildungsstrukturen durchdringen kann, ist eine Große. Auch weil dieser Raum nicht nur von Lehrkräften als anleitende Personen abhängig ist, sondern auch von den Schüler*innen und deren Dynamik untereinander. Entscheidungen auf formal politischer Ebene und physische Faktoren wie die räumliche Gestaltung und Ausstattung von Schulen spielen ebenfalls eine Rolle. Als sich die Gesprächsrunde auflöste, nahmen die Teilnehmenden allerdings nicht nur neue inhaltliche Aspekte und Ideen mit, sondern auch die Hoffnung auf eine andere Form der Schule. „Es gibt keine Veränderung ohne Traum, so wie es keinen Traum ohne Hoffnung gibt“, schrieb Paulo Freire 1993 in Kein Abschied vom Traum einer humaneren Welt. In diesem Sinne machten die Teilnehmenden den Traum von einer Schule, die ihrem Ursprung im Wort Scolé gerechter wird, ein Stück weit greifbarer. Eine Schule, die von einer gemeinschaftlichen und offenen Grundidee geleitet wird und sich Zeit nimmt für das Stellen von Fragen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at .
Das Titelbild wurde am Aktionstag Bildung am 15. Juni 2023 aufgenommen, als sich über 10.000 Menschen gemeinsam mit der Initiative https://www.schulebrennt.at für ein faires Bildungssystem in Österreich stark gemacht haben. © Schule Brennt.