Rassifizierte Männlichkeit und Bildungsrealitäten.

In Medien und Popkultur gehen Narrative über Migration oft einher mit einem bestimmten Bild von Männlichkeit. Wie genau diese Verknüpfung entsteht und welche Folgen sie im Bildungsbereich hat, war Thema des Workshops „Rassifizierte Jungs: Männlichkeit, Migration und Bildungsrealitäten“ von Fikri Anıl Altıntaş, Autor und politischer Aktivist, im Rahmen der ersten Fachtagung für Migrationspädagogik.

Männlichkeit und Rassifizierung: Zwei Begriffe und eine These.

Zu Beginn seines inhaltlichen Inputs definierte Altıntaş zwei zentrale Begriffe: Männlichkeit und Rassifizierung. Männlichkeit beschreibt nach der Definition des Männerpsychologen Markus Theunert, die sozialen und kulturellen Normen, denen ein Mann genügen muss, um als männlich zu gelten und gesellschaftliche Anerkennung als Mann zu finden. Bei der Definition von Rassifizierung bezieht sich der Workshopleiter auf Fatima El Tayeb, eine Historikerin und Sozialwissenschaftlerin: Als Rassifizierung bezeichnet sie die Zuschreibung kollektiver, quasi-biologischer oder universalisierter Eigenschaften an bestimmte Gruppen – ein Prozess, in dem Menschen Kategorien von „Rassen“ zugewiesen werden. Die Folge ist, dass diese Gruppen als nicht zugehörig wahrgenommen werden, selbst wenn sie längst Teil der Gesellschaft sind. Aus der Verbindung beider Konzepte entwickelt Altıntaş seine Hauptthese: „Als migrantisch markierte Männlichkeit wird häufig als Gegenbildlichkeit zur Mehrheitsgesellschaft konstruiert. Diese konstruierte Gegenbildlichkeit hat Konsequenzen für Wahrnehmung, Bewertung und Chancen von migrantisch markierten Männern und Jungs in Bildungskontexten.“

Gegenbildlichkeit als medial-politische Konstruktion.

Diese Gegenbildlichkeit der migrantisch markierten Männlichkeit entsteht durch ein Narrativ, dass assoziiert wird mit Gefährlichkeit, Andersartigkeit, Sexismus und Gewaltaffinität. Doch wie ist diese Gegenbildlichkeit entstanden? Um diese Frage zu beantworten, nimmt Altıntaş sein Publikum mit auf eine historische Reise, die weit vor den aktuellen politischen Debatten beginnt – etwa bei den Orient-Erzählungen Karl Mays, die schon früh ein exotisierendes Bild des „fremden“ Mannes in der deutschsprachigen Popkultur verankerten. Im Laufe der Zeit wandelte sich dieses Bild und wurde vor allem durch politische und historische Ereignisse geprägt. Altıntaş verweist auf die Arbeit von Farid Hafez, einem österreichischen Politikwissenschaftler, der im Diskurs um den Islam ein Feindbild konstruiert. Seit der iranischen Revolution 1979 und spätestens seit dem 11. September 2001 werde der Islam nicht mehr primär als Religion wahrgenommen, sondern als politische Ideologie und Bedrohung. Muslimische Männer seien hierbei die Bildträger dieser wahrgenommenen Bedrohung, so Altıntaş.

Sprache, Popkultur und Medien.

Solche Narrative sind nicht auf den politischen Diskurs beschränkt, sondern schlagen sich auch in der Popkultur nieder. Als Beispiele nennt Altıntaş Serien wie „Türkisch für Anfänger“ und „4 Blocks“, aber auch den bekannten Comedian Kaya Yanar mit seiner Kunstfigur „Hakan“. Diese reproduzieren das Bild des migrantischen Mannes als „Macker“, „Gangster“ oder Macho und sind dabei oft die einzigen Bilder, die über migrantische Männer überhaupt zirkulieren. Altıntaş bezog sich unter anderem auch auf Aussagen des deutschen Bundeskanzlers, Friedrich Merz: In einem Gespräch über Migration sagte dieser, dass es immer noch ein „Problem im Stadtbild“ gebe. Diese Rhetorik zeigt für Altıntaş eine Sprache auf, die disziplinierend wirkt und räumlich verortet ist: Wer darf sich im öffentlichen Raum zeigen, wer stört das Bild der Stadt? Im Kontext der digitalen Gewalt gegen Frauen merkte der Kanzler zudem an, dass ein beachtlicher Teil der „explodierenden Gewalt“ gegen Frauen auf die „Gruppe der Zuwanderer“ zurückgehe. Den Begriff „Zuwanderer“ beschreibt Altıntaş als vage und unscharf, da er keine eindeutige Gruppe definiert. Das führe jedoch dazu, dass ein Unwohlsein erzeugt wird, das nicht klar zu verorten ist. Im Zusammenhang mit der Aussage zum „Stadtbild“, so Altıntaş, wird Unwohlsein so gezielt mit bestimmten Körpern und Orten verknüpft. In der Kombination von Bildern und Sprache dringen Zuschreibungen stärker in das Bewusstsein der Gesellschaft.

Die Wirkung von Sprache im Klassenzimmer.

Altıntaş erzählt, dass Anfragen für seine Workshops an Schulen oftmals damit begründet werden, dass es ein „Problem mit toxischer Männlichkeit“ gebe, was eine Zuschreibung darstelle, die vor allem migrantische, muslimische Jungen betrifft. Bilder in den Medien würden legitimieren, wie über etwas gesprochen wird, zum Beispiel wenn muslimische Männlichkeit als Störung der Ordnung gesehen wird. Nicht die Thematisierung von Gewalt selbst sei das Problem, sondern ihr selektiver Fokus als Narrativ. So können auch rassistische Maßnahmen gerechtfertigt werden. Schüler*innen mit Einwanderungsgeschichte erleben Rassismus häufig durch Mitschüler*innen und Lehrkräfte: Ihr Name wird etwa zum Anlass für Diskriminierung, sie erfahren rassistische Beleidigungen und erhalten bei gleicher Leistung tendenziell schlechtere Noten und seltener Gymnasialempfehlungen. Zudem sind Jugendliche aus Einwanderungsfamilien in Deutschland fast dreimal so stark von Armut und Bildungsbenachteiligung betroffen wie andere, gibt Altıntaş zu bedenken.

Während des Workshops wurden sechs zentrale Begriffe genannt, die problematische Bezugnahmen auf migrantische Männlichkeit zusammenfassen: Essentialisierung, Rassifizierung, geschlechterpolitische Instrumentalisierung, Kriminalisierung, Problematisierung und Kulturalisierung. Essentialisierung geht von einer homogenen (anderen) Kultur aus und blendet Diversität aus. In Verbindung mit Rassifizierung führt dies zu einer geschlechterpolitischen Instrumentalisierung, bei der Sexismus einer einzelnen Gruppe statt der gesamten Gesellschaft zugeschrieben wird. Die Betroffenen werden kriminalisiert und unter Generalverdacht gestellt. Problematisierung zeigt sich darin, dass fast nur über negative Aspekte gesprochen wird, während Kulturalisierung Verhalten auf Kultur und Religion zurückführt, statt auf sozioökonomische Benachteiligung oder Rassismuserfahrung.

Diese Mechanismen legitimieren eine disziplinierende, exkludierende Sprache. Susanne Spindler, Professorin für Soziale Arbeit und Migration, weist darauf hin, dass bei migrantischen Jugendlichen oft nicht von Kindern oder Jugendlichen die Rede ist, sondern von „Jungmännern“. Sie werden als Erwachsene wahrgenommen und entsprechend härter behandelt, im Strafmaß, in der Berichterstattung und im Klassenraum. Während nicht-migrantische Buben als förderungsbedürftig gelten, werden die „anderen“ primär diszipliniert, was dem Bildungssystem die Möglichkeit zur pädagogischen Bearbeitung nimmt.

Die Anerkennung von komplexen Lebensrealitäten.

Stereotype sind nicht auf die Bildschirme von Handy oder Fernseher beschränkt. Sie durchdringen die Gesellschaft bis ins Klassenzimmer hinein. Eine kritische Auseinandersetzung mit rassifizierten Männlichkeitsbildern in Medien und Politik ist daher notwendig, um diese zu erkennen und zu dekonstruieren, gerade weil Buben bereits im Kindesalter in solche Kategorien eingeordnet werden. Emanzipatorische Bildungsarbeit gewinnt so an Dringlichkeit, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Wie Altıntaş betont, wird migrantisch markierten Buben oft das Recht genommen, für sich selbst zu sprechen, was viel Frust und Wut erzeugen kann. Es braucht daher beides zugleich: einerseits offen über problematische Dimensionen von Männlichkeit zu sprechen, andererseits anzuerkennen, dass die Betroffenen selbst in einem rassistischen System sozialisiert wurden und ihre Lebensrealitäten daher nicht losgelöst von diesen Strukturen betrachtet werden können.

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Titelbild © Yosuke Ota, unsplash (https://unsplash.com/de/fotos/verschiedene-taschen-und-hute-hangen-an-haken-IOW_PKKpHs4)

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Genderungerechtigkeit.