Zu viele Menschen! Oder zu wenig Menschlichkeit?

Ist die Erde zu klein oder sind da zu viele Menschen auf meinem Planeten? Dieser Frage geht Werner Boote in seinem neuen Dokumentarfilm „Population Boom“ nach. Auf der Suche nach Ursachen und Konsequenzen der These, dass die Welt überbevölkert sei, nimmt er die ZuseherInnen auf eine Reise durch diverse Großstädte mit. Stets im Gepäck: Provokation und ein Weltbank-Regenschirm.Der siebenmilliardste Erdenbürger habe das Licht der Welt erblickt, verkündete UNO- Generalsekretär Ban Ki-moon am 31. Oktober 2011 (Halloween… bestimmt ein Zufall!). Beunruhigend vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die Weltbevölkerung seit 1940 verdreifacht hat. Immerhin lebt schon jetzt jeder siebte Mensch unter der Armutsgrenze! Furchtbar, dieses rasante Bevölkerungswachstum! Wir können dem nicht völlig untätig zusehen! Da muss etwas unternommen werden!

Gewiss. Doch dass dieses „Unternehmen“ ganz anders aussehen muss als vermutet, illustriert Werner Boote sowohl in seiner Doku, als auch in einem Interview mit Raphaela Bruckdorfer.

Überbevölkerung als Ausrede für Untätigkeit

Woran denken wir, wenn wir das Wort „Überbevölkerung“ hören? An überfüllte Slums, an Hunger leidende Kinder, an Wasserknappheit, an Müllberge und Klimawandel? An die Anderen, an die Fremden, an die „Armen im Süden“?

Wir denken an ein Zuviel – ein Zuviel an Menschen. Und gleichzeitig an ein Zuwenig – ein Zuwenig an Ressourcen. Dass diese Gedanken eigentlich eine sehr unangenehme weitere Frage nach sich ziehen, die keiner von uns beantworten kann –  daran denken wir nicht: Wer von uns ist zu viel?

Auf seiner Suche nach Menschen, die sich trauen, diese Frage zu beantworten, reist Boote nach New York, Tokio, Peking, Mumbai, Dhaka und Mexiko, und kommt letztendlich zum Schluss: Das Problem sind nicht zu viele Menschen; das Problem ist Konsum. Unser Konsum. Und das ist möglicherweise auch der Grund, warum sich das Bild, dass die Erde zu klein für eine derartige Anzahl an BewohnerInnen ist, so hartnäckig hält: Weil es uns eine Ausrede für Untätigkeit liefert. Wenn wir das Problem bei anderen zu finden glauben, müssen wir es nicht bei uns selbst suchen.

Während wir lesen, dass im Jahre 2050 etwa eine Milliarde Menschen an Unterernährung leiden wird, blenden wir aus, dass zur gleichen Zeit ca. 700 Millionen Menschen ein Problem mit Übergewicht haben werden. Wir wollen nicht hören, wie es um den Verbrauch von Ressourcen steht: 90 kg pro Kopf und Tag sind es in Nordamerika, Europa schafft immerhin die Hälfte. Und wie viel Ressourcen konsumiert ein durchschnittlicher Afrikaner/eine durchschnittliche Afrikanerin pro Tag? 10 kg. (Zum Vergleich: In Österreich bringen wir es auf 60 kg.)

„Zu einem Mund gehören zwei Hände“

… erinnert die Aktivistin Farida Akther in ihrem Gespräch mit Regisseur Boote. Diese Hände können nicht nur nehmen, sie können auch produzieren und somit geben. Auch Mahatma Ghandi war davon überzeugt: „Die Welt hat genug Ressourcen für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Zum jetzigen Zeitpunkt könne die Welt 9,6 Milliarden Menschen ernähren, so Boote im Interview mit Bruckdorfer. Warum sie es nicht tue? Weil das System nicht funktioniere und weil es an sozialer Gerechtigkeit mangle.

Es ist höchste Zeit, dass wir einsehen, dass die einen (und damit in Wahrheit wir selbst) das konsumieren, was den anderen fehlt und eigentlich zusteht. Wenn wir unsere Argumentationen schon auf Zahlen stützen oder aufbauen, müssen wir auch überlegen, welche Zahlen wir heranziehen. Zu erwähnen, dass beispielsweise eine nigerianische Frau im Mittel sieben Kinder zur Welt bringt, genügt nicht. Denn um ein reales Bild zu zeichnen, muss auch in Betracht gezogen werden, dass die Bevölkerungsdichte in Afrika bei lediglich 40 Personen pro km² liegt. Vor diesem Hintergrund von einem überbevölkerten Kontinent zu sprechen, scheint absurd. Absurd, so Werner Boote, sei in diesem Zusammenhang außerdem, dass der ökologische Fußabdruck (die Fläche, die nötig ist, den Lebensstil und -standard einer Person auf lange Sicht gesehen garantieren zu können) in den reichen Industrieländern am höchsten ist. Zur Erinnerung: Eben jene Länder sind es auch, die die geringsten Geburtenraten aufweisen.

Eine Injektion Menschlichkeit

Im Interview meint Boote, das Hauptanliegen seines Films sei es, die Menschen aufzurütteln, sie zum Nachdenken anzuregen, ihnen einen kleinen Schubs zu geben. Es müsse den Leuten klar werden, dass die Zukunft des Planeten auch in ihren eigenen Händen liege; dass sie selbst nicht nur etwas tun können, sondern tun müssen. Die wahre Katastrophe sei nicht die Anzahl an Personen auf dieser Welt, sondern die Art des Umgangs miteinander. Wir müssten weggehen davon, den Anderen die Schuld zuzuweisen, und endlich damit beginnen, vor unserer eigenen Tür zu kehren. „Der Begriff der Menschlichkeit ist verlorengegangen“, ist der renommierte Filmemacher überzeugt. „Es bedarf einer Injektion Menschlichkeit!“ Wenn von fünf Personen, die diesen Film gesehen haben, nur eine Person zu ihrem Nachbarn geht und ihn fragt, wie es ihm gehe, dann sei das schon ein kleiner Erfolg. Man müsse im Kleinen beginnen, bei sich selbst. Und dieser Kinofilm sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Bewusstseinsschaffung für eine andere, eine gerechtere Welt.

Als ZuseherIn verlässt man mit gemischten Gefühlen den Kinosaal: Einerseits die Erleichterung darüber, dass die Welt nicht überbevölkert ist, und der zaghafte Optimismus, dass doch noch Hoffnung für diesen Planeten besteht. Andererseits Unsicherheit in Bezug auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten und ein Gefühl der Überwältigung: Die Welt – so groß! Und ich – so klein?!

„Population Boom“, ein Film, der zum Nachdenken anregt, an unser aller Verantwortungsbewusstsein appelliert und sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen kann.

Weitere Informationen zum Film und den Trailer finden Sie hier!

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.