Ungleichheit und gleichheitsorientierte Politik in Brasilien

Am 15. April 2015 hielt Bernhard Leubolt (WU) im Rahmen des Lehrgangs „Interdisziplinäre Lateinamerika-Studien“ einen Vortrag über Ungleichheit und gleichheitsorientierte Politik in Brasilien. Rund 50 Interessierte lauschten seinen Thesen zu historischen und aktuellen Strukturen der Ungleichheit.

Ungleichheit in Brasilien: Schwarz und weiß?

Am Beginn seiner Bestandsaufnahme der Ungleichheits-Situation in Brasilien zeigte Leubolt Fotos, die extreme soziale Ungleichheit ersichtlich machten: Das Bild eines Slums (port.: favela), direkt angrenzend an ein reiches Stadtviertel voller Wolkenkratzer, drückte diese Ungleichheit besonders markant aus. Doch auch „schwarz auf weiße“ Zahlen, die Leubolt daraufhin präsentierte, zeugten von eklatanter Ungleichheit, die mit Hautfarbe korreliere: 10% der Bevölkerung verfüge über 50% des Einkommens und der Human Development Index (HDI, dt.: Index für menschliche Entwicklung) von BrasilianerInnen mit „dunkler Hautfarbe“ sei deutlich niedriger, als jener von „hellhäutigen“ BrasilianerInnen, so Leubolt.

Brasilien werde daher oft das „Belíndia-Syndrom“ diagnostiziert: Einerseits existiere ein „weißes“, „belgisches“ Brasilien, geprägt von Wohlstand und orientiert an US-amerikanischen und europäischen kulturellen Normen. Andererseits lebe ein Teil der Bevölkerung in „Indien“ – verwendet als Synonym für Entwicklungsland – in Armutsrealitäten.

„Besteht Brasilien also aus zwei Nationen oder gibt es in all der Ungleichheit eine gemeinsame Identität und die Chance auf ein gleiches Brasilien?“, fragte Leubolt in den Raum.

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Foto: Bernhard Leubolt; © Laura Magenau

Historische Strukturen der Ungleichheit: Ein Zusammenspiel aus Zwang und Zustimmung

Seine Analyse historischer Strukturen der brasilianischen Gesellschaft habe aufgezeigt, dass das Bild der Ungleichheit wesentlich komplexer sei, als es auf ersten Blick erscheine, fuhr Leubolt fort.

Die aus Kolonialisierung und Sklaverei entstandene Ungleichheit habe sich über Jahrhunderte durch verschiedenste Mechanismen reproduziert. Großteils durch furchtbare Unterdrückung und Zwang, andererseits aber auch durch „konsensuale Herrschaft über kulturelle Werte“, betonte Leubolt und zog das Konzept der „Hegemonie“ von Antonie Gramsci heran: Hegemonie sei eine Herrschaftsform, die sich nicht nur auf Zwang, sondern auch auf Zustimmung stütze und diese über kulturelle Werte und Praktiken zu erreichen suche.

Eine derartige historische Wurzel der Hegemonie „weißer“ Eliten in Brasilien liege zum Beispiel in der ambivalenten Beziehung zwischen „Haussklaven/in“ und „Hausherr/in“, die zwar von Hierarchie, aber auch von „Integration und Zugehörigkeit“ geprägt gewesen sei. Integration in die Familie und „Zustimmung“ zu deren kulturellen Normen ermöglichte SklavInnen das Überleben und ein (relativ betrachtet) „friedliches“ Dasein.

Ungleichheit und „der Mythos des friedlichen Zusammenlebens“: Zwei Seiten einer Medaille

Auch heute strebe ein Großteil der „indisch/armen“-brasilianischen Bevölkerung die dominanten kulturellen Werte des „belgischen/reichen“ Brasiliens an. Selbst wenn dies nicht nur auf Zustimmung beruhe, sondern auch auf informellen Machtstrukturen (z.B. Klientelismus), könne von einer gewissen gemeinsamen Identität gesprochen werden. Von MachthaberInnen als „friedliches, multikulturelles Zusammenleben“ propagiert, stütze dieser scheinbare Frieden die Hegemonie der „weißen Elite“ und reproduziere Ungleichheit. Eigentlich sei über Jahrhunderte ein „informelles 2-Nationen-Projekt“ verfolgt worden, das hinter dem Deckmantel eines „Mythos des friedlichen Zusammenlebens“ den Großteil der Bevölkerung in die Armut verstoße – so Leubolts These.

Widerstand gegen Ungleichheit: gleichheitsorientierte Politik

Versuche gleichheitsorientierter Politik habe es zwar gegeben, doch ob diese gegen-hegemoniale Projekte darstellten oder den hegemonialen Deckmantel stärkten, sei zu diskutieren. Als Beispiel führte Leubold die Phase des „populistischen Entwicklungsstaates“ unter Getúlio Vargas an, die zwar Sozialreformen und Arbeitsrechte für die urbane Masse mit sich brachte, aber zur Marginalisierung der Bevölkerung am Land beitrug.

Erst die Demokratiebewegung der 1980er Jahre forderte mit dem „Eine-Nation-Projekt“ dezidiert die Einbindung der marginalisierten Bevölkerung. Gleichzeitig sei in dieser von Wirtschaftskrisen gebeutelten Zeit auch der Fokus auf Wirtschaftswachstum gelegt worden: Soziale Ungleichheit wurde nicht nur als moralisches Problem, sondern auch als Konsumhemmnis betrachtet. Diese Ökonomisierung des Problems führte zu neoliberalen Reformen in den 90er Jahren, die weitere Wirtschaftskrisen und Ungleichheit zur Folge hatten.

Mit der Wahl Lula da Silvas im Jahr 2002 sei daraufhin ein Kritiker der neoliberalen Politik gewählt worden, der mehr Umverteilung unter dem Motto „Brasilien für alle“ versprach. In seiner Amtszeit konnten schließlich zahlreiche Reformen umgesetzt werden (hoher Mindestlohn, Quotenregelungen, Stipendien für Bildung etc.), die tatsächlich zur Reduktion von Armut beitrugen, pflichtet Leubolt bei.

Widerstand gegen Gleichheit: ist ein „gleiches“ Brasilien überhaupt möglich?

Dennoch stoße dieses Ergebnis gleichheitsorientierter Politik heute auf Widerstand: Während die Löhne der „Unterschicht“ gestiegen und deren erbrachte Dienstleistungen teurer geworden waren, seien die Löhne der „Mittelschicht“ gleich geblieben. Der Vermögens- und Statusverlust treibe diese Menschen heute auf die Straße, um aus ganz anderer Perspektive soziale Ungerechtigkeit anzuprangern. „Die sozial-reformistische Modernisierung trifft auf Wurzeln der konservativ modernisierten Sklavenhalter-Gesellschaft“ schloss Leubolt also daraus und stellte am Ende seines Vortrags in Frage, in wie weit „Brasilien für alle“ angesichts dieser gesellschaftlichen Strukturen überhaupt möglich sei.

Die Autorin studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Buchhinweis:

Leubolt, Bernhard. 2015. Transformation von Ungleichheitsregimes: Gleichheitsorientierte Politik in Brasilien und Südafrika. Wiesbaden: VS Springer. https://www.springer.com/de/book/9783658073602

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