Ein eigener Programmpunkt widmete sich am zweiten österreichischen Kongress zur Humanitären Hilfe am 8. März 2013 dem gespaltenen Verhältnis der Medien zu den NGOs. JournalistInnen und PressesprecherInnen von NGOs machten die Podiumsdiskussion durch offene Worte über die eigene Branche zu einem Höhepunkt der Tagung.Verfolgen NGOs und JournalistInnen in der Humanitären Hilfe ähnliche oder komplett konträre Ziele und Interessen? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit in der Praxis und wer profitiert wie von dieser manchmal fragwürdigen Allianz? Diesen aktuellen Fragen widmete sich ein Podium, in dem SprecherInnen vom Roten Kreuz und World Vision, aber auch JournalistInnen des öffentlichen Rundfunks sowie des Nachrichtenmagazins „Profil“ vertreten waren. Durch die Diskussion führte die langjährige ORF Außenpolitik Redakteurin Margit Maximilian.
von links nach rechts: Carla Haddad Mardini, Monika Klacsics, Margit Maximilian, James East, Gunther Müller; Foto: Charlotte Kottusch
Wer interessiert sich schon für den „globalen Süden“?
Sie können nicht miteinander und sie können nicht ohne einander. NGOs und Medien sind in der „Branche“ der Humanitären Hilfe aufeinander angewiesen. Die einen bedürfen möglichst breiter Berichterstattung, um auf humanitäre Krisen aufmerksam zu machen und um Spenden zu lukrieren. Die anderen sind auf der Suche nach einer „Geschichte“ und auf etablierte Strukturen, Zugang zu Informationen sowie in gewaltvollen Konfliktsituationen auf einen geschützten „humanitären Raum“ angewiesen. Doch wie lassen sich unterschiedliche Ziele und Ansprüche miteinander in Einklang bringen?
Der Auftrag der Medien ist es zu recherchieren und unabhängige Informationsarbeit zu leisten. Demgegenüber gilt es für die Öffentlichkeitsarbeit von NGOs, Spenden zu lukrieren um ihre Einsätze zu finanzieren. In ihrem Buhlen um die Aufmerksamkeit der AdressatInnen verbindet NGOs und JournalistInnen ein gemeinsames Problem: Es ist nicht immer einfach, die ÖsterreicherInnen für ihre Themen zu begeistern. Dies bestätigte Margit Maximilian in ihrer Eingangsrede. Es sei generell schwierig das Publikum zu erreichen, wenn kein direkter Bezug zum Heimatland hergestellt werden könne oder sich spezielle österreichische Interessen ausmachen lassen.
Auch James East, „Emergency Communication Director“ von World Vision, kann ein Lied davon singen. Rezeptartig listete er mit spitzer Zunge die Zutaten für eine gelungene Berichterstattung auf. Zuallererst müsse etwas Neues an einer Geschichte gefunden werden. Beispielsweise reiche hier aber auch ein aktueller UN-Report, der ein altbekanntes Thema aufgreife und neu verpacke. Man füge einen Hollywood-Star wie Angelina Jolie hinzu, um ein größeres Publikum zu erreichen, das für das Thema selbst nur schwer zu begeistern wäre. Für den österreichischen „Markt“ würde sich Arnold Schwarzenegger noch besser eignen. Würze erhalte die Geschichte, indem ein Bezug zu den LeserInnen hergestellt werde. Was hat mein Handy mit seltenen Rohstoffen aus dem Kongo und der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft zu tun? ExpertInnen würden die mediale Berichterstattung abrunden, aber es gelte wieder, die österreichische Brille aufzusetzen. EinE NGO-MitarbeiterIn aus Österreich würde beim hiesigen Publikum besser ankommen, als ein Experte oder eine Expertin, denen dieses „Gütesiegel“ fehlt. Der „Expertise“ eines internationalen Filmstars seien allerdings nicht einmal die NGO-MitarbeiterInnen aus Österreich gewachsen.
Foto: Charlotte Kottusch
Pressetrips und die Unabhängigkeit des Journalismus
Margit Maximilian kritisierte, dass journalistische Reisen aus investigativem Interesse in der konventionellen Berichterstattung kaum Platz hätten. Von NGOs organisierte und bezahlte Pressetrips seien die überwiegende Mehrheit – darüber waren sich alle DiskutantInnen einig. Dabei bleibe allerdings kaum Platz für unabhängigen Journalismus bzw. kritische Berichterstattung. JournalistInnen, die auf eigene Faust reisen und recherchieren, hätten mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Einerseits hätten Redaktionen kaum Ressourcen für teure Auslandsreisen, andererseits würden Strukturen und AnsprechpartnerInnen vor Ort fehlen. So gebe es kaum AuslandskorrespondentInnen in Ländern des „globalen Südens“. In Afrika südlich der Sahara habe das österreichische Fernsehen beispielsweise überhaupt keine KorrespondentInnen und gerademal einen im gesamten Lateinamerika. Demgegenüber decken NGOs sämtliche Bedürfnisse der JournalistInnen ab, indem sie sich um deren An- und Abreise, Unterkunft sowie Verpflegung kümmern. Darüber hinaus führen sie die BesucherInnen direkt zu den hungernden Kindern, servieren die „Story“ also auf dem Silbertablett.
Starke Kritik an dieser gängigen Praxis äußerte neben den DiskutantInnen am Podium auch eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen aus dem Publikum. Ihre eigene Organisation habe sich dazu durchgerungen, keine Reisekosten mehr zu übernehmen. Sie forderte andere NGOs auf, es ihnen gleich zu tun und fragte die JournalistInnen am Podium, wie sie unabhängig berichten könnten, wenn sie für ihre Geschichten indirekt bezahlt würden. Günther Müller vom „Profil“ war der Ansicht, dass sich in diesem Punkt derzeit ein Paradigmenwechsel abzeichnen würde. Auch in seiner eigenen Redaktion gehe man dazu über, verstärkt die inhaltlichen Schwerpunkte in der Berichterstattung selbst zu setzen und nicht von außen abhängig zu machen. In letzter Konsequenz müsse das bedeuten, organisierte Reisen von NGOs im Zweifelsfall abzulehnen.
Erfrischende Ehrlichkeit anstelle von Floskeln und heißer Luft brachten Schwung in die Veranstaltung. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, kann sich die zweistündige Aufzeichnung der Podiumsdiskussion zu „Humanitarian Aid and Media“ online ansehen: https://www.humanitaerer-kongress.at/live/
Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.