Das große politische Schachspiel. Kritische Intellektuelle des globalen Südens zum Ringen um eine neue Weltordnung.

Das Weltsystem befindet sich in einem drastischen Wandel. Erstens: Die USA und Europa, die dem Globus lange Zeit ihren Stempel aufgedrückt haben, müssen einen relativen Machtverlust hinnehmen. Ihr Anteil an der Weltwirtschaft und an der Weltbevölkerung schrumpft. Zweitens: Als ökonomischer Aufsteiger ist China zu einem ernsthaften Konkurrenten für die USA geworden. Die Volksrepublik will bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts den Vereinigten Staaten gar die globale Führungsrolle streitig machen. Drittens: Neben den Großmächten in Ost und West gewinnen andere Länder von Brasilien und Südafrika bis Indien und Indonesien an Gewicht, die heute als globaler Süden etikettiert werden. Anders als im Kalten Krieg sind sie nicht bloß Bauern auf dem globalen Schachbrett, die sich beliebig hin und her schieben lassen, sondern von größter Relevanz für die Bewältigung globaler Probleme wie der Klimakrise.

Die internationale Politik ist folglich mitten in einem Interregnum: Die regelbasierte Weltordnung, die auf den nach 1945 getroffenen Übereinkünften beruhte, hat massiv an globaler Geltung verloren. Eine neue Weltordnung muss sich aber erst herausbilden.

Ein multipolares Weltsystem?

Dass wir in einer Zeit des Übergangs stecken, spiegelt auch eine Umfrage unter Politikanalyst*innen, die das US-Fachmagazin „Foreign Affairs“ im Mai 2023 durchgeführt hat. Nur wenige Fachleute sprechen demnach von einem unipolaren System, in dem die USA noch eine derart dominierende Stellung haben, dass sie als Solo-Supermacht erscheinen. Deutlich mehr internationale Beobachter*innen sehen dagegen ein neues bipolares System heraufziehen, wo sich westliche Demokratien und östliche Autokratien diametral gegenüberstehen. In der Logik dieses Kalküls liegt es, dass die Länder des Südens analog zur Rolle der Blockfreien während des Kalten Krieges eine breite Koalitionsmasse für die Antagonisten des neuen Ost-West-Konflikts darstellen. Die Mehrheit der Fachleute betont jedoch, dass wir schon jetzt und künftig immer mehr in einem multipolaren System mit verschiedenen Machtzentren lebten. Die Länder des Südens werden damit zu „Swing States“, um deren Gunst die großen Mächte in Ost und West ringen müssen.

Wir können an der jeweils bevorzugten Begrifflichkeit ablesen, wie sehr sich die internationale Szene inzwischen verändert hat. Im Kalten Krieg zwischen Erster Welt (den westlichen demokratischen Industriestaaten) und Zweiter Welt (dem kommunistischen Ostblock) galt der Rest der Länder pauschal als Dritte Welt. Dieser Begriff passte nicht mehr, als mit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 auch die gewohnte Dreiteilung der Welt obsolet wurde. Aber der Begriff der Dritten Welt wurde auch deshalb über Bord geworfen, weil er leicht einen abwertenden Akzent im Sinne von „drittklassig“ bekommen konnte – ebenso wie der Begriff der Entwicklungsländer, der Staaten beschrieb, die sich erst zu entwickeln hätten, um die Standards der industrialisierten Welt zu erreichen. Stattdessen ist heute allenthalben vom globalen Süden die Rede; und mit diesem Begriff signalisieren die damit bezeichneten Länder selbstbewusst, dass sie die bestehende Weltordnung für ungerecht halten und ihren Anteil an Macht und Wohlstand auf der Welt einfordern.

Stimmen aus dem globalen Süden.

Im globalen Süden bestehe ein gemeinsamer Wunsch, dass die Welt die Standpunkte der Länder dieser Region mehr respektiere, sagt Dipo Faloyin, Autor aus Nigeria. In den Ländern Afrikas etwa sei das Verlangen gewachsen, den Weg einer eigenen Entwicklung zu beschreiten, die unabhängig sei von den europäischen Ländern, insbesondere von den früheren Kolonialmächten. Die Staaten Afrikas knüpften heute neue wirtschaftliche Bande, die möglicherweise auch nicht im Sinne der USA seien. Kurzum: Auf einem Kontinent, wo sich eine junge Bevölkerung ökonomisch und technologisch schnell entwickle, erscheine eine Zukunft als vielversprechend, in welcher der Westen „nicht mehr so dominierend wie bisher“ sei.

Mittlerweile hat sich aber auch herausgestellt, dass der Begriff des globalen Südens problematisch ist. Allzu heterogen ist die Staatengruppe, die damit in eine einzige Schublade gesteckt wird. Der Konsens der so verschiedenen Staaten besteht allein darin, dass sie sich – noch immer empört über die Praktiken des Kolonialismus – gegen eine Vormachtstellung des Westens wenden. Diese Einstellung verstellt allerdings den Blick darauf, dass es mit Russland und China heute neue Imperialmächte gibt. Die Regierenden in den Ländern des globalen Südens sind daran zu erinnern, dass der Ruf nach Mitsprache auch Verantwortung bedeutet – nämlich das Bekenntnis zu globalen Regeln, wie sie in der UNO-Charta verankert sind. Das versichern kritische Intellektuelle, wenn man sie nach den Perspektiven des globalen Südens in einer multipolaren Welt fragt.

Helmut L. Müller, freier Autor mit langjähriger Erfahrung im außenpolitischen Journalismus, hat diese Fragen einer Reihe von Persönlichkeiten aus unerschiedlichen Ländern gestellt. Die ersten beiden Interviews werden in unserem Magazin veröffentlicht.

Titelbild © Enrico Strocchi, flickr

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten, Gutes Leben für Alle.