„Der globale Süden will eine multipolare Welt.“ Interview mit dem indischen Schriftsteller Ranjit Hoskoté.

Die Zeit, in der ein paar Nationen die Agenda der Welt bestimmt hätten, sei vorüber, versichert Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar. Sein Land will sich mehr und mehr als Stimme des globalen Südens profilieren. Doch diese Rolle bezweifelt Ranjit Hoskoté, Generalsekretär des indischen PEN-Klubs. Der Schriftsteller, 1969 in Mumbai geboren, hat auf Deutsch zusammen mit seinem Kollegen Ilija Trojanow das Buch „Kampfabsage“ veröffentlicht.

 

Helmut L. Müller (HM): Sind die weltpolitischen Auffassungen der Europäer*innen und der US-Amerikaner*innen tatsächlich sehr im Widerspruch zu jenen der Länder im globalen Süden?

Ranjit Hoskoté (RH): Das hängt natürlich von dem Thema ab, über das wir jeweils diskutieren. Die intellektuellen Eliten, die Initiativen der Zivilgesellschaft und die Gruppen von Aktivist*innen in vielen Ländern des globalen Südens sind in tiefer Sorge über die drohende Klimakatastrophe. Sie haben dabei die gleichen Auffassungen wie ihre Kolleg*innen im globalen Norden. Wenn wir von den Ländern des globalen Südens sprechen, müssen wir notwendigerweise unterscheiden zwischen der offiziellen Sichtweise der betreffenden Nationalstaaten und den Perspektiven privater Vereinigungen.

Hinzu kommt: Die Länder des Südens sind selbst in starkem Maße geteilt durch ihre strategischen Ausrichtungen, ihre ökonomischen Interessen und ihre ideologischen Bindungen. Diese Staaten mögen geeint sein durch ein gemeinsames Misstrauen gegenüber dominierenden Gruppierungen wie der Nato oder durch ein Engagement in Gebilden wie der G-20. Doch ihr Verhalten in multilateralen Verhandlungen ist vor allem davon bestimmt, wie sehr sie sich in ihren regionalen Einfluss-Sphären behaupten können – sei es in Südasien, in Sub-Sahara-Afrika oder in Lateinamerika.

HM: Der gemeinsame Nenner des globalen Südens ist offenbar, sich dem beherrschenden Einfluss des globalen Nordens zu widersetzen. Gerät damit die globale Dominanz von US-Amerikaner*innen und Europäer*innen ins Wanken?

RH: Der globale Süden ist nach meiner Auffassung eine breit gefasste und eher allgemeine, jedoch auch sehr bequeme Kategorie, die wir verwenden, um die tatsächlich sehr unterschiedlichen Gesellschaften der postkolonialen Welt zu beschreiben. Mehr und mehr sehe ich selbst in diesem Begriff eher eine strukturelle Bedingung als eine geografische Beschreibung. So finden sich ja Elemente des globalen Südens auch im globalen Norden und umgekehrt.

Aber sicherlich ist von der Epoche des Kolonialismus ein Gefühl des Ressentiments zurückgeblieben. Das betrifft insbesondere den kolossalen Abfluss von Ressourcen aus dem globalen Süden in den globalen Norden und die Systeme der strukturellen Gewalt und der „Extraktion“, sprich: der Ausplünderung, welche die kolonialen Regime hinterlassen haben. Aber viel wichtiger ist für den globalen Süden die gegenwärtige geopolitische Situation. Der globale Norden möchte so viel wie möglich von dem Status quo behalten, nämlich eine von den USA geführte und auf die Nato fokussierte Welt. Der globale Süden aber bevorzugt ganz überwiegend eine multipolare Welt, in der keine einzelne Macht eine absolute Dominanz hat, wo es stattdessen einen „windgeschützten“ Weg für Verhandlungen gibt – und für Beziehungen mit Akteur*innen, die miteinander konkurrieren, aber auf einer strategischen Basis kooperieren können. Eine multipolare Welt ist für uns im globalen Süden die beste Garantie dafür, dass wir nicht wieder unter die Herrschaft (neo-)imperialer Mächte kommen.

HM: In Indien versichern die Regierenden heute, dass dem Land die Zukunft gehöre. Ist Indien wirklich in der Lage, als Führungsnation in einem multipolaren System zu agieren?

RH: Nach meiner Ansicht glaubt Indien nicht ernsthaft, dass die Zukunft ihm gehört. Das ist ein Teil des öffentlichen Diskurses in unserem Land, der durch die jetzt dominierenden autoritären Kräfte neu ausgerichtet worden ist. Die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi verfolgt die Vision einer Hindu-Nation und zielt darauf ab, die pluralistische Philosophie zu ersetzen, die die Verfassung des postkolonialen Indien grundlegend bestimmt hat.

Aber ich denke nicht, dass Indien eine führende Rolle spielen kann, so sehr es dies auch möchte. Starke traditionelle Bindungen, die in die Sowjetzeit zurückreichen, und die autoritären und populistischen Neigungen der gegenwärtigen Regierungspartei BJP ketten Indien an Wladimir Putins Russland. Indiens außenpolitisches Establishment tendiert dazu, das Land als einen zentralen Vermittler und als Stimme der Moderation insbesondere im Ukraine-Russland-Konflikt zu präsentieren. Jedoch: Indiens offenkundige militärische Schwäche im Verhältnis zu China und seine Unfähigkeit, den Indischen Ozean zu beherrschen, aber auch seine Zurückhaltung bei dem Bemühen, eine moralisch verantwortliche Sprecherrolle des globalen Südens zu übernehmen, die mehr ist als bloß episodisch oder rhetorisch – all dies zeigt das mangelnde Vermögen dieses Landes, tatsächlich als eine Führungsnation aufzutreten.

HM: Inwiefern setzt der globale Süden beim Kampf um eine gerechte Weltordnung auf die Vereinten Nationen?

RH: Natürlich kann heute der Ukraine-Konflikt auch als ein Fall von Neo-Kolonialismus gesehen werden, durch den Russland Anspruch auf Territorien erhebt, die in seinen Augen einmal Teil des Zarenreiches gewesen sind und die es seither verloren hat. Und natürlich ist jede Verletzung der Charta internationalen Rechts, jeder schändliche Fall von Invasion und Völkermord ein gemeinsames Problem jener Gemeinschaft von Staaten, die in der UNO versammelt sind. Folglich ist die russische Aggression von einer großen Mehrheit der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verurteilt worden, weil keiner von ihnen will, dass ihm morgen Gleiches geschieht.

Die Länder des globalen Südens betrachten die UNO als Garantie dafür, dass bis zu einem gewissen Grad eine universale Ordnung und Gerechtigkeit besteht. Dies ungeachtet der Tatsache, dass ihre zentralen Werte und Verpflichtungen wiederholt missachtet worden sind – nicht zuletzt von den großen Mächten wie den USA, Russland oder China, aber auch von anderen Akteur*innen wie Israel oder dem Iran.

HM: Wir können heute eine neue Form des globalen Wettbewerbs konstatieren: Der demokratische Westen bemüht sich darum, die Unterstützung des globalen Südens zu gewinnen, indem etwa der Klub der G-7 neue Akteur*innen einlädt. Gleichzeitig hat sich die von China angeführte Gruppe der BRICS-Staaten bereits erweitert. Welches der beiden Lager – die Freie Welt oder der autoritäre Block – wird dabei die besseren Argumente haben?

RH: Ich glaube nicht, dass es die gegenwärtige historische Situation erlaubt, die Bewegung der Blockfreien wie in den 1960er Jahren wiederzubeleben. In unserer globalen Gegenwart ist es nicht möglich, scharf zu unterscheiden zwischen den sogenannten Supermächten und den sogenannten Blockfreien-Nationen – oder zwischen der Freien Welt und dem autoritären Block. Die Grenzen zwischen beiden Blöcken sind vielmehr fließend; und beide Blöcke sind durch ein komplexes Bündel strategischer und finanzieller Verhältnisse miteinander verbunden. Ein Beispiel dafür sind die Kapitalflüsse, die die USA und China zusammenbinden. Das macht es schwierig, sich eine binäre Opposition zwischen den beiden Blöcken vorzustellen. Wahrscheinlicher ist es, dass wir eine Kartographie multilateraler Allianzen sehen werden, die sich aus taktischen Gründen ständig ändert und sich durch eine große Flexibilität der Verhaltensweisen auszeichnet.

Was die Ebene der Argumente betrifft, wird die Rhetorik der Freien Welt stets attraktiver sein, weil sie – zumindest in der Theorie – die Bedeutung von individuellen Freiheiten und liberalen Werten, der Herrschaft des Rechts und eines fairen Wettbewerbs hervorhebt. Der autoritäre Block kann niemals darauf hoffen, überzeugte Anhänger*innen zu gewinnen, weil er auf dem Vorrang eines totalitären Staates und illiberaler Dogmen, auf der Macht der Gewalt und zentralisierten Verordnungen besteht.

HM: Auch viele Menschen im globalen Süden sehnen sich nach Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Können die westlichen Demokratien, die ja diese Werte stets weltweit propagieren, weiterhin attraktiv sein, obschon die Demokratie heutzutage in europäischen Staaten ebenso wie in den USA in einer Krise steckt?

RH: Obwohl der Westen in der politischen Praxis häufig von den Idealen abweicht, denen er sich in der Theorie verschrieben hat, bleiben diese Ideale attraktiv für alle Gesellschaften, die sich bedroht sehen durch kulturell illiberale, sozial unterdrückerische, ökonomisch beharrende und politisch autoritäre Kräfte. Freiheit, Gleichheit und Solidarität, Demokratie und Herrschaft des Rechts – diese Werte bilden ein universales Erbe, ganz egal, welche Gesellschaft sie ursprünglich formuliert hat. Denn sie garantieren eine Form des Zusammenlebens, die zum Wohl des Individuums wie der Gemeinschaft ist, weil es einen wechselseitigen Dialog und die Möglichkeit eines guten Lebens gibt.

 

Helmut L. Müller ist freier Autor. Nach seiner Dissertation über das politische Engagement deutscher Schriftsteller („Die literarische Republik“) nahm er eine journalistische Tätigkeit mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik, unter anderem für die Salzburger Nachrichten und die Süddeutsche Zeitung, auf. Er erhielt den Journalistenpreis des Europarates für entwicklungspolitische Berichterstattung. Publikationen u.a.: Afrika – der geplünderte Kontinent (Verlag Kremayr & Scheriau, Wien); Engagierte Literaten – Politische Gespräche mit Schriftstellern (Czernin-Verlag, Wien). Reaktionen bitte an office@pfz.at.


Das Titelbild zeigt Ranjit Hoskoté beim Leselenz Hausach 2012.

© Harald Krichel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21017065

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten.