Aus dem Leben von ZeitungsausträgerInnen

Eine Präsentation des Buches „Wo bleibt heute die Zeitung? Arbeits- und Lebensbedingungen von ZeitungsausträgerInnen.“ von Matthias Aberer, Philipp Korom, Eva Postl, Daniela Reischl, Matthias Revers und Barbara Schantl.

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Von der Öffentlichkeit nur eingeschränkt wahrgenommen, erleben
ZeitungsausträgerInnen eine Reihe von Umbrüchen, die mit der in vielen
Ländern praktizierten "Freisetzung" von Menschen aus gesetzlich
geregelten Angestelltenverhältnissen in Verbindung stehen. Outsourcing des Verteilerwesens, atypische Beschäftigungsverhältnisse
Schlagworte, die einerseits oft lediglich diffuse Assoziationen

hervorrufen, andererseits seit geraumer Zeit das Leben einer nicht
unbedeutenden Anzahl von Menschen dominieren. Wie sieht der Arbeitsalltag von ZeitungsausträgerInnen aus? Darüber waren bislang nicht viele Details bekannt. Eine Gruppe von Grazer Soziologie-StudentInnen erforschte nun Arbeits- und Lebensbedingungen von ZeitungsausträgerInnen in der Steiermark. Mittels teilnehmender Beobachtungen, Leitfrageninterviews und qualitativer Fragebögen konnte ein aufschlussreiches Bild gezeichnet werden. Es bietet Einblick in die Lebenswelt jener, die für die Auslieferung von Tageszeitungen verantwortlich sind.

Wie arbeiten ZeitungsausträgerInnen?

Die Studie konzentriert sich auf MitarbeiterInnen einer Verteilerfirma, die in der Studie nicht namentlich genannt wird. ZeitungsausträgerInnen stellen die unterste Stufe der Firmenhierarchie dar. Ihre Arbeit beginnt meist um zwei Uhr nachts und endet um sechs Uhr morgens spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen die Zeitungen vor den Türen der AbonnentInnen liegen. Erste Anlaufstelle der ZeitungsausträgerInnen ist der Ablageplatz, überdachte Orte (Eingangsbereiche, Haltestellen), die als Anlieferungspunkte dienen. Aufenthaltsräume und sanitäre Einrichtungen für die wartenden AusträgerInnen gibt es nicht. Lieferverzögerungen seitens der Zustelldienste der Druckereien gehören zum Arbeitsalltag und ziehen nicht unbedeutende Arbeitsverzögerungen nach sich. Der Überprüfung der korrekten Stückzahl sowie der Zugangs- und Abgangslisten folgt die entsprechende Notiz in einem Tourenbuch. Es enthält unter anderem die Reihenfolge der anzufahrenden Straßen sowie ausführliche Informationen über die jeweiligen Abonnements. Nach dem Beladen der Transportmittel (es handelt sich dabei um Privatfahrzeuge, für deren Erwerb und Instandhaltung die AusträgerInnen selbst verantwortlich sind) werden die jeweiligen Rayons angefahren.

Die "Beschaffenheit" des Rayons ist für ZeitungsausträgerInnen von Bedeutung. Denn neben Gewicht und verteilter Menge beeinflusst auch der Schwierigkeitsgrad des Geländes die Lohnhöhe. Bedeutend ist hier beispielsweise die Weitläufigkeit des Geländes oder auch das Nicht-Vorhandensein von Liften in Wohnhäusern. Für beliebte Rayons ist somit das Verhältnis von Arbeitsaufwand und Lohnhöhe ausschlaggebend. Die Veränderungen der letzten Jahre stehen damit in direktem Zusammenhang so ist die ständig abnehmende Anzahl lukrativer Rayons mehrheitlich in den Händen von DienstnehmerInnen.

Dienstvertrag vs. Werkvertrag

Echte Dienstverträge, die für ZeitungsausträgerInnen ein gesichertes Haupteinkommen samt Versicherungsschutz und Arbeitsrecht bedeuteten, werden schon bald der Vergangenheit angehören. So sank die Zahl der DienstnehmerInnen im untersuchten Unternehmen steiermarkweit auf 151. Dem steht die wachsende Anzahl von WerkvertragsnehmerInnen gegenüber MitarbeiterInnen sprechen dabei von ungefähr 3000 Personen im Raum Steiermark/Kärnten. Die Arbeit auf Werkvertragsbasis unterscheidet sich beträchtlich von echten Dienstverhältnissen. So werden Lohnnebenkosten, also Kranken- und Pensionsversicherung sowie Beiträge zur Interessensvertretung, nicht mehr vom Unternehmen bezahlt. AuftragnehmerInnen müssen sich selbst versichern und verfügen über keine arbeitsrechtlichen Schutzbestimmungen wie Kündigungsschutz oder Arbeitslosengeld. Hinzu kommen die deutlich schlechteren Bedingungen unter denen WerkvertragsnehmerInnen arbeiten müssen. Rayons wurden aufgesplittert, was eine Verringerung des Einkommens bedeutet. Seit dem Jahr 2001 verteilt das Unternehmen auch Werbemittel und adressierte Produkte. In der Praxis bedeutet das für WerkvertragsnehmerInnen einen erhöhten Arbeitsaufwand, der allerdings verhältnismäßig gering entlohnt wird. Noch arbeiten die verbliebenen DienstnehmerInnen unter besseren Bedingungen. Doch die Zielsetzungen der Firmenleitung gehen eindeutig in eine andere Richtung hohe Abfertigungszahlungen sollen zum Umstieg auf Werkverträge bewegen.

ZeitungsausträgerInnen werden somit zu "Neuen Selbstständigen", die dem Unternehmen wenig kosten und in beliebig großer Anzahl und für beliebig lange Dauer (bzw. Kürze) eingestellt werden können. Von Bedeutung ist diese neue Form der Beschäftigung vor allem für AsylwerberInnen bzw. AusländerInnen ohne Beschäftigungsbewilligung, da es sich um eine der wenigen Möglichkeiten handelt, legal in Österreich zu arbeiten. Das große Arbeitskräfteangebot erzeugt Konkurrenz unter den ArbeiterInnen und stärkt die Position des Unternehmens. Ihre Macht wird auch durch die so genannten "schwarzen Listen" offensichtlich "schlechte" ArbeiterInnen werden dort vermerkt. Es handelt sich dabei um den einzigen Bereich, in dem konkurrierenden Verteilerunternehmen kooperieren. Das führt dazu, dass jenen ZeitungsausträgerInnen, die sich auf dieser Liste befinden, das Arbeiten in der gesamten Branche verwehrt wird.

Die Liberalisierung der Post

Die großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die letztendlich einschneidende Veränderungen im Leben der ArbeiterInnen bewirken, werden in der Publikation nicht außer Acht gelassen. Bedingt durch die Liberalisierung des Postwesens und die Gründung privater Verteilungsunternehmen entstanden neue Konkurrenzverhältnisse. Bereits im Jahr 2000 begann die Reduktion der bedeutendsten staatlichen indirekten Subvention von Printmedien – der Bundeszuschuss zum kostengünstigen Postzeitungsversand. Seit 2003 kann die Zustellung von adressierten Briefen über 100 Gramm auch von Privaten ausgeführt werden. Ausblick und Konsequenzen für unsere Gesellschaft, insbesondere für jene, die in dieser Berufssparte arbeiten, sind in der engagierten und überaus interessanten Publikation "Wo bleibt heute die Zeitung?" nachzulesen.


Matthias Aberer, Philipp Korom, Eva Postl, Daniela Reischl, Matthias Revers, Barbara Schantl: Wo bleibt heute die Zeitung? Arbeits- und Lebensbedingungen von ZeitungsausträgerInnen. Innsbruck/Wien/Bozen: Studienverlag, 2006. 152 Seiten. 14,90 . ISBN 3-7065-4221-8.


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