Nicht weniger als acht DiskutantInnen aus Medien, Politik und Sozialwesen stellten sich am 6. Juni 2013 in der IG Architektur einer emotional aufgeladenen Debatte über Rassismus, Kriminalisierung und die leidige Frage: Warum immer „die Roma“? Anlass boten Äußerungen des Sozialpädagogen Norbert Ceipek.Als Leiter der „Drehscheibe Augarten“, einem Krisenzentrum der Stadt Wien für unbegleitete minderjährige Nicht-ÖsterreicherInnen, geriet Norbert Ceipek in den letzten Wochen vermehrt unter Kritik. Ihm wird vorgeworfen, rassistische und ethnisierende öffentliche Statements abgegeben zu haben. In mehreren Interviews, unter anderem mit dem Standard (zum Zeitungsartikel) und der Frankfurter Allgemeinen (zum Artikel), erklärte Ceipek, dass Kinderhandel nach Österreich zum Zweck des Bettelns und der Kleinkriminalität fast ausschließlich von Roma betrieben würde. Kritik äußerte unter anderem der Obmann vom Romano Centro, Ferry Janoska, in einem Artikel der Tageszeitung der Standard (zum Artikel). Am Podium des 6. Juni 2013 erhielt Ceipek die Möglichkeit, Stellung zu beziehen und seine Aussagen zu verteidigen. Vor diesem Hintergrund entbrannte eine hitzige Diskussion über Meinungsfreiheit, Kriminalität, Armut und Rassismus. Doch zurück zum Anfang.
v.l.n.r.: Florian Klenk, Georg Dimitz, Usnija Buligovic, Barbara Tiefenbacher, Lorenz Gallmetzer, Birgit Hebein, Norbert Ceipek, Ferdinan Koller; Foto: Paul Haller
Gut gemeint ist nicht immer gut umgesetzt
Es kann ihm nicht vorgeworfen werden, er habe es nicht gut gemeint, aber auf leeren Magen war die Einleitungsrede des Journalisten Lorenz Gallmetzer, der an diesem Abend als Moderator die Diskussion leitete, nur schwer zu ertragen. Roma würden seit Tausenden von Jahren eine Kultur der Geschlossenheit führen, seien grundsätzlich anders und wollten dies auch bleiben. Dem Publikum präsentierte er eine französische Zigarettenschachtel der Marke „Gitane“ (übersetzt: „Zigeunerin“), auf der die Silhouette einer tanzenden Frau abgebildet war. Gallmetzer beschrieb die als Romnija wahrgenommene Figur als „gleichsam faszinierend wie abschreckend“ und erzählte von der „traditionellen fahrenden Lebensweise“, die sich immer noch in einigen Teilen Europas finden lasse.
Ferdinand Koller, Pädagogischer Leiter des Romano Centro, habe im Eingangsstatement vergeblich auf eine Pointe gewartet. Gallmetzers Behauptung, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs viele Roma und Romnija nach Westeuropa migrierten, um sich hier hauptsächlich mit Betteln und illegalen Erwerbstätigkeiten über Wasser zu halten, spiegle die Vielfalt der MigrantInnen nicht wider. Es handle sich hierbei nur um einen Bruchteil der tausenden in Österreich lebenden Roma und Romnija. Die stereotypisierende Darstellung in der Einleitungsrede würde wieder einmal zeigen, dass Roma und Romnija nur dann als solche „erkannt“ werden, wenn sie sich den klischeehaften Vorstellungen entsprechend verhielten. Dem stimmte Usnija Buligovic vom Verein Thara der Volkshilfe Wien zu. Viele der MigrantInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien seien im neuen Heimatland Österreich als Roma und Romnija unsichtbar geworden, sobald sie ein Studium abgeschlossen haben, als MedizinerInnen oder LehrerInnen auftraten. Auf der Straße bettelnde Menschen würden allerdings sofort der Volksgruppe zugesprochen. Dadurch käme es zu einer verzerrten Wahrnehmung zwischen der Mehrheit, die als integrierte BürgerInnen nicht mehr als Roma und Romnija wahrgenommen würden, und einer kleinen Minderheit, deren sozial nicht akzeptiertes Handeln der imaginierten Gruppe zugesprochen würde.
Eine Frage der Meinungsfreiheit?
Norbert Ceipek war sich sicher, in der Diskussion und in den Medien als Buhmann herhalten zu müssen, und das obwohl er bloß seine Erfahrungen und Beobachtungen mit der Öffentlichkeit teile. Verstärkung erhielt er vom Journalisten Florian Klenk, der in den Anschuldigungen an Ceipek Wortklauberei sehe. Außerdem gehe ihm das ständige Vorwerfen und Suchen nach Rassismen der Grünen auf die Nerven. Es genüge ein falsches Wort und schon werde auf die Betroffenen verbal eingeschlagen. Stattdessen sollten die politisch Linken endlich Antworten auf reale Probleme finden. Alles andere spiele Strache & Co in die Hände.
Rassismus sei keine Wortklauberei, ertönte es immer wieder aus dem Publikum. Antiziganismus habe reale Folgen für die Betroffenen, die auf der Straße angefeindet oder durch Aussendungen von der Polizei oder parteinahen Organisationen denunziert würden, meinte die Grüne Gemeinderätin Birgit Hebein. Georg Dimitz, Vorsitzender des Österreichischen Berufsverbandes für SozialarbeiterInnen, versuchte Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen. In der auch von Österreich unterzeichneten UN-Erklärung über „Rassen“ und rassistische Vorurteile aus dem Jahr 1978 sei eindeutig klar gemacht worden, dass die Ethnisierung von gesellschaftlichen Problemen ihren Ursprung im Nationalsozialismus habe und jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehre. Die Nennung einer Ethnie im Zusammenhang mit sozialen Problemen mache keinen Sinn, da sie nicht zur Problemlösung beitrage und außerdem rassistisch sei. Wenn jemand ethnisiere, handle er oder sie rassistisch. Erschwerend käme hinzu, dass Roma und Romnija eine ohnehin bereits stark diskriminierte „Gruppe“ darstellen würden.
Reden wie über die eigentlichen Probleme, nicht über Roma und Romnija!
In einer Millionenstadt wie Wien, so Ferdinand Koller, sollte Kinderhandel als Problem ernst genommen und nicht einer kleinen Einrichtung im Zuständigkeitsbereich des Innenministeriums überlassen werden. Birgit Hebein kritisierte, dass trotz der fortlaufenden Diskussion und Medialisierung politisch zu wenig gegen Menschenhandel unternommen werde. Das Personal der Abteilung für Menschenhandel sei sogar drastisch reduziert worden.
Unabhängig davon müsse auch Kinderarmut zum Thema gemacht werden, so Hebein. Es werde immer noch nicht über die eigentlichen Probleme, wie zum Beispiel Armut oder strukturelle Gewalt und nicht die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, gesprochen.
Einen Videomitschnitt der Veranstaltung und Interviews mit einigen Podiumsgästen finden Sie auf der Homepage der Grünen Wien.
Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.