Unter dem Titel ‚“Das Bild der Anderen erforschen“ präsentierte Vera Brandner am 9. Jänner 2013 die von ihr erarbeitete Methode der generativen Bildarbeit im Rahmen einer Veranstaltung der Reihe „ie.talks“ des Instituts für Internationale Entwicklung. Rund 50 Studierende sowie Lehrende diskutierten nach dem Input der Fotografin, Lektorin und Dissertantin.
Die Frage der Abbildung und der Abbildbarkeit des vermeintlich Anderen verfolgt Vera Brandner seit mehreren Jahren. Im Rahmen ihrer im Entstehen begriffenen Dissertation und in diversen (Forschungs-)Projekten hat sie eine Methode entwickelt, die eine prozesshafte und partizipative Bildarbeit in Situationen kultureller Diversität ermöglichen soll.
Das Ziel der generativen Bildarbeit ist es, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Gleichzeitig versucht Vera Brandner, die Fotografie aus unterschiedlichen disziplinären und theoretischen Perspektiven zu beleuchten. So bedient sie sich aus einem breiten Repertoire von postkolonialen Theorien, kultursoziologischen Positionen, Elementen der kritische Bildungswissenschaft sowie der emanzipatorischen Bildungsarbeit, ohne dabei den Bezug zur fotografischen Praxis aus den Augen zu verlieren.
Der Blick der Forschenden
Warum eine neue Methode? Am bisher vorhandenen Methodenspektrum kritisiert Vera Brandner die strikte Trennung zwischen WissenschaftlerInnen, die beobachten und fotografieren und den Anderen, die beobachtet werden. Wie soll eine gleichberechtigte emanzipative Forschung möglich sein, wenn es immer eine Gruppe gibt, die beobachtet, interpretiert und auswertet und eine andere Gruppe, die diese Möglichkeit nicht hat? Diese Frage leitete die Forscherin bei der Erarbeitung der generativen Bildarbeit, eine Methodik, die zur Aufhebung dieser Trennlinie beitragen soll.
In der Arbeit von ipsum ein Verein, der interkulturelle entwicklungspolitische Bildungsarbeit leistet kommt die Methodik der generativen Bildarbeit zur praktischen Anwendung, wird auf die Probe gestellt, reflektiert und immer wieder neu überarbeitet. Vera Brandner hat den Verein im Jahr 2003 mitgegründet und erprobt selbst die Methode in unterschiedlichen Projekten. Dabei beginnt sie üblicherweise mit der so genannten Initialisierung, ein Impuls, der die Teilnehmenden dazu anregen soll, erste Fotos zu machen. Der Impuls kann ein Bild, ein Thema oder eine Fragestellung und somit unterschiedlich offen oder geschlossen gestaltet sein. Anschließend treten die Beteiligten mit ihren Fotos in die Phase des Bilddialogs ein. Die Bilder der Anderen werden unkommentiert aufgestellt, sollen betrachtet, gelesen und interpretiert werden. In diesem Reflexionsprozess wird deutlich, dass Bilder niemals objektiv sein können. Die Wahrnehmung des Eigenen spiegelt sich in der Interpretation des Anderen und umgekehrt.
Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit den Bildern werden von den Beteiligten, WissenschaftlerInnen wie TeilnehmerInnen, neue Fotos geschossen. Die individuellen Phasen des Fotografierens und der Gruppenprozess des Bilddialogs wechseln sich ständig ab, bis in der Schlussphase, der so genannten Zusammenführung, Fotos ausgewählt und als Gesamtbild angeordnet werden.
Bildarbeit als gewaltvoller Aushandlungsort?
Das Publikum thematisierte an jenem Abend die Machtverhältnisse, die im Prozess der Bildauswahl Einfluss auf die Gruppendynamik haben würden. Einige Zuhörende kritisierten, dass die Auswahl der eigenen und anderen Bilder in der Schlussphase der Zusammenführung einen gewaltvollen Akt darstelle, in dem sich die Stärkeren durchsetzen und somit Machtasymmetrien reproduziert würden. Vera Brandner berichtete aus ihrer praktischen Erfahrung, dass die Zusammenführung bisher teils sehr harmonisch verlaufen sei, teils aber in der Tat von individuellen Machtpositionen geleitet war. Allerdings seien es gerade die konflikthaften Aushandlungsprozesse, die das Potential bergen, bestehende Machtpositionen und Asymmetrien sichtbar und damit für die nachfolgende inhaltliche Auseinandersetzung und Analyse nutzbar zu machen. Dies stelle die Basis für die Entwicklung ermächtigender Handlungsstrategien dar.
In der Diskussion über die Gewalthaftigkeit des Prozesses gab ein Lehrender der Internationalen Entwicklung zu bedenken, dass man zwischen verschiedenen Arten und Qualitäten von Gewalt differenzieren müsse. Die Kontexte, in denen die generative Bildarbeit im Verein ipsum bisher zum Einsatz kam, seien geprägt von tatsächlicher körperlicher Bedrohung, während die Bildauswahl einen Aushandlungsprozess darstelle.
Wir und die Anderen
Im Anschluss an die Präsentation nutzte Clemens Pfeffer seine Rolle als Diskutant am Podium, um vertiefende Fragen zu stellen. Er wollte wissen, warum es nötig sei, den Begriff des Anderen zu verwenden und wo das Eigene im Bild der Anderen vorhanden sei. Er fragte auch, ob die Abbildung des Anderen nicht in einer Tradition kolonialer Blickregime zu sehen sei, die rassialisierte Kategorisierungen konstruiert und reproduziert.
Für Vera Brandner, die sich mit dieser Frage aus der Perspektive verschiedener Disziplinen beschäftigt, ist die Abbildung des Anderen nie ohne das Eigene zu denken. In den Prozess des Fotografierens seien unterschiedlichste AkteurInnen involviert. Jene, die abgebildet werden, prägen das Gesamtwerk ebenso wie jene, die ein Bild machen, es betrachten oder es für seine weitere Verwendung auswählen. Die Abbildung des vermeintlich Anderen könne nur in diesem Zusammenhang verstanden werden.
In kolonialem Bildmaterial stünden die BetrachterInnen im Mittelpunkt des Interesses. Dieser Fokus, der alle anderen AkteurInnen einer Fotografie unberücksichtigt lässt, habe die Erzeugung von einem imaginierten Anderen hervorgebracht. Fotografien hätten in dieser kolonialen Tradition einen bloßen Evidenz-, also Beweischarakter, der die Abgrenzung des Eigenen gegenüber einem fiktiven Anderen bestätigen sollte. Genau diese Abgrenzung will die Methode der generativen Bildarbeit aufbrechen, indem sie die starre Trennlinie von Fotografierenden und Fotografierten verschwimmen lässt.
Lesen Sie auch den Bericht über die Präsentation des Fotobuchs von Vera Brandner!
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.