Zur zweifelhaften Rolle der Ökonomie in der Bildungspolitik

Der Soziologe Xavier Bonal (Universidad Autónoma de Barcelona) sprach am 27. April 2015 vor dem Auditorium der Vorlesungsreihe „Bildung und Entwicklung“ an der Uni Wien darüber, welche Rolle Bildung als Motor für Armutssenkung und Wirtschaftswachstum spielt. Seitdem die Weltbank im Jahr 1968 den Basic Needs-Entwicklungsansatz als klare Priorität ihrer Organisation festgelegt hatte, spiele Armutsreduktion eine wichtige Rolle in der internationalen Entwicklungsdebatte. Dieser Diskurs werde in der Humankapitaltheorie, die als zentrales Paradigma für ökonomische Entwicklung gelte, widergegeben. Diese Theorie pries Bildung als Motor für Wirtschaftswachstum und Armutssenkung. Er selbst bezweifle diese Wirkung von Bildung, so Bonal.

Bildung als Investition

Bildung wurde ab den 1960er Jahren als Investition in die Zukunft gesehen. Es gelte seitdem abzuwiegen, ob es rentabler ist, früher in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder in höhere Bildung zu investieren, die besserbezahlte Arbeit in Aussicht stelle. Nach der Humankapitaltheorie werden alle Individuen zu Kapitalisten, deren wichtigster Besitz ihr Wissen sei. Bereits Adam Smith stellte einen direkten Zusammenhang zwischen der Ausbildung und der Leistungsfähigkeit von Arbeitskräften her: „Education helped to increase the productive capacity of workers in the same way as the purchase of new machinery or other forms of physical capital increased the productive capacity of a factory or other enterprise“ (dt. sinngemäß: Bildung sollte die Produktivität der ArbeiterInnen erhöhen, auf die selbe Weise, wie der Erwerb neuer Maschinen die Produktivität der Fabrik erhöhen sollte). Nach dieser Gleichung bedeute eine höhere Bildung eine höhere Produktivität.

Nach der selben Logik werden Bildungseinrichtungen als, zumindest potentiell, profitable Unternehmen angesehen. Und auch die Bildungsinhalte werden als Ware und als Möglichkeit zur Steigerung des Wertes des Auszubildenden am Arbeitsmarkt gesehen. Der ungeschliffene Rohstoff Mensch gelte als Ressource, der mit der entsprechenden Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrung für den Markt relevante Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen erlange und somit seinen Marktwert beträchtlich erhöhen könne. In dieser kapitalistischen Sichtweise könnten Menschen als Waren gehandelt werden, die durch verschiedene Bildungsniveaus unterschiedliche Werte besitzen. Die persönliche Würde bleibe beim Tauschwert jedoch auf der Strecke. Vor allem die wirtschaftliche Planung, die sich seit dem Aufstieg des Keynesianismus verstärkt habe, führte dazu, dass man im Sinne der Humankapitaltheorie Arbeitskräfteprognosen erstellte, um Investitionsprioritäten zu identifizieren. Damit sollte die künftige Nachfrage nach Arbeitskräften abgeschätzt werden, die es zu befriedigen galt, um Wachstum und erhöhte Effizienz zu erzielen.

Bildung und Ungleichheit

Lange herrschte also die Idee vor, dass Bildung Armut überwinde. Daher wurden Bildungsprogramme zu einem Schwerpunkt in der Entwicklungszusammenarbeit (EZA). Dies lasse sich anhand der Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDG) der Vereinten Nationen und des Education for All (EFA) Ansatzes der UNESCO ablesen. Primarschulbildung sollte allen Menschen ermöglicht werden. Jedoch hätte diese nur zu Beginn positive Auswirkungen in Bezug auf die Ungleichheit. Die Folge davon, dass den unteren Schichten Zugang zu Bildung ermöglicht wurde, war, dass Primarschulbildung an Wertigkeit verlor. Die Mittelschicht drängte nun auf höhere Bildungsstufen oder in den Privatsektor (qualitativ hochwertiger) vor, um den „Vorsprung“ und die besseren Chancen für den späteren Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht zu verlieren. Somit wurde die Ungleichheit zwischen gesellschaftlichen Schichten aufrechterhalten oder sogar vergrößert. Gleichzeitig wurde auch das Bildungsniveau, das den Ausweg aus Armut verspricht, weiter nach oben geschoben. Entsprechende Zielanpassungen von der Primar- zur Sekundarstufe seien auch in der EZA beobachtbar.

Auch die Qualität der Primarstufe habe darunter gelitten. Aufgrund des sprunghaften Anstieges der Nachfrage an Lehrpersonal, wurden auch unqualifizierte LehrerInnen eingestellt, was die Situation noch weiter verschlechterte. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der oft übersehen werde, sei, dass auch, wenn der Schulbesuch gratis sei, variable Kosten (Transport, Lernmaterialien, Verpflegung, …) für eine Familie anfallen. Die Opportunitätskosten von Bildung seien für arme Familien daher auch viel höher als für reichere (gelte vor allem in Entwicklungsländern).

Eine Vielzahl von weiteren Faktoren hätten einen großen Einfluss auf Bildung. Ein Beispiel, das der Vortragente nannte, war das eines Kindes, das am Schulweg Angst haben muss überfallen zu werden, da es in einem Viertel mit hoher Kriminalitätsrate wohnt, oder dies durchqueren muss. So sprach Bonal von sozialen, psychologischen, materiellen und emotionalen Gegebenheiten, die die Lernfähigkeiten von Kindern und Jugendlichen einschränken und hemmen. Diese würden in der Humankapitaltheorie komplett außeracht gelassen werden.

Conclusio

Es sei schwierig, den Einfluss von Bildung in Bezug auf Ungleichheit zu bewerten und zu messen. Laut Bonal seien jedoch vor allem soziale Faktoren der Schlüssel zu Entwicklung und gegen eine „Auseinanderentwicklung“.

Der beste Weg, um Armut zu bekämpfen, sei in seinen Augen eine Änderung des Steuersystems durch progressivere Steuern.

Der Autor studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen an redaktion@pfz.at  

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