Eine Präsentation des Buches „Der Schacht von Babel. Ist Kultur übersetzbar?“ von Boris Buden.

Ist Kultur übersetzbar? Die Frage klingt einfach, die Antwort ist es
auch. Nein, Kultur ist nicht übersetzbar, so Boris Budens Antwort nach
200 Seiten Auseinandersetzung mit Übersetzungstheorien von Goethe bis
Judith Butler. Wenn es an dieser Antwort von der ersten Seite an keinen ernsthaften
Zweifel gab, so muss seiner Bemerkung, dass wir es hier "mit einer
Frage zu tun [haben], die umso schwieriger wird,
je leichter sie zu
beantworten ist" (S. 195), nach Lektüre des Buches in jedem Fall
zugestimmt werden. Diese Diskussion ist keineswegs eine einfache. Budens Buch führt ins sumpfige Terrain der postmarxistischen, poststrukturalistischen und postmodernen Theorien, auf denen sich ganz unversehens TheoretikerInnen im Münchhausen-Dilemma wiederfinden, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen zu müssen, wo sie sich doch selbst soeben jeden Boden unter den Füßen weg-dekonstruiert haben. Doch einmal der Reihe nach.
Kultur ist zum zentralen Terminus zeitgenössischer politischer Reflexion geworden und Kulturreflexion gewinnt an Relevanz im Umstand, dass "wo Gesellschaft war, Kultur geworden ist" (S. 195). Buden zeichnet diesen Weg mit Blick auf die Übersetzungsfrage nach, ein Weg, der zur Entpolitisierung der Kulturreflexion führte. Dies ist Buden umso mehr ein Problem, als es ihm um die Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung der kulturellen Übersetzung geht.
Serbisch mit kroatischen Untertiteln
Seinen Ausführungen stellt er im ersten Kapitel einige höchst interessante, wenn auch bedrückende biographische Erfahrungen im Zusammenhang mit der Zerstörung des jugoslawischen Staatsgefüges voran. Kroatisch und Serbisch wurden zu eigenen Sprachen, zwischen denen zu übersetzen ist. Dies führte zu schallendem Gelächter in jenem Kino, in dem erstmals ein serbischer Film mit kroatischen Untertiteln gezeigt wurde. Die Sache ist aber gar nicht zum Lachen, verweist sie doch auf den blutigen Ernst der Sprachenfrage, die seit dem 19. Jahrhundert in Europa eben auch eine Nationalitätenfrage ist.
Was bedeutet Übersetzen?
Immer wieder kehrt Buden zur Frage zurück, was Übersetzen eigentlich bedeutet. Während die Alltagsvorstellung des Übersetzens eine recht pragmatische ist, brach Walter Benjamin in seinem Essay "mit den wichtigsten Positionen der traditionellen Übersetzungstheorie, vor allem mit dem Phantom des Originals" (S. 58) und gelangte damit zur "Befreiung der Übersetzung": Die Übersetzung und ihr Original stehen nach Benjamin im selben Verhältnis zueinander wie die Tangente zum Kreis, die diesen an einer Stelle nur berührt. Benjamin betont damit die Diskontinuität der Übersetzung, es geht ihm dagegen um die Entfaltung der immanenten Tendenz des Textes der Übersetzung. Dieses Übersetzungskonzept steht paradigmatisch für das Konzept der Dekonstruktion, wie Buden mit einem Rekurs auf Jacques Derrida und Paul de Man ausführt.
Poststrukturalismus und Dekonstruktion
Das weitere Buch stellt über weite Strecken eine Auseinandersetzung mit Poststrukturalismus und Dekonstruktion dar und gleichsam eine Galerie jener TheoretikerInnen vor, die einen Beitrag zum endgültigen Abbau des Glaubens an die Möglichkeit des Übersetzens, fernerhin aber auch zum Abbau des Politischen erbracht haben. Das sei hier nicht gesagt, um die intellektuellen Meriten der postkolonialen DenkerInnen zu schmälern, aber es ist doch eine paradoxe Brillanz, die hier vorgeführt wird.
Mit der aus Indien stammenden US-amerikanischen Postmarxistin Gayatri Chakravorty Spivak etwa tritt der Kulturbegriff "wie ein angeschwollener Fluss über die Ufer und breitet sich ungehindert in die offenen Felder von Gesellschaft, Politik und Ökonomie aus" (S. 126). Spivak vertritt einen sehr weiten Übersetzungsbegriff, denn "Übersetzung ist einfach das, was sich mit dem Menschen an der Schwelle von der Natur zur Kultur zuträgt" (S. 129). Will sich Spivak einerseits von den hegemonialen Vorstellungen einer hybriden globalen Kultur distanzieren, betrachtet sie andrerseits aber Schreiben und Übersetzen als Frage des Engagements.
Damit aber steht sie vor einem Dilemma: Sie betrachtet Engagement als wichtig, lehnt aber jeglichen Essentialismus ab, im Sinne Derridas Dekonstruktivismus. Daher sucht sie einen letzten Halt in einem "strategischen Essentialismus" (S. 141), der es ermöglichen soll, an der Idee der Emanzipation trotz der Dekonstruktion von Begriffen wie "Frau", "Arbeiter" oder "Welt" festzuhalten. Spivaks Dilemma wird also damit gelöst, dass neben der postmodernen antiessentialistischen Reflexion die Sprache der alt-essentialistischen Praxis geführt wird. Von der einen in die andere Sprache herrscht allerdings Unübersetzbarkeit.
Eine Verschärfung der Lage bringt der Ansatz Homi Bhabhas und dessen Hybriditätskonzept: "Mit Bhabha wurde der »linguistic turn in cultural studies« vollendet und der letzte Anschluss an reale gesellschaftliche Prozesse und politische Kämpfe wie etwa Spivaks »strategic essentialism« aufgegeben" (S. 162). Ferner werden Konzepte von Antonio Negri und Michael Hardt, Chantal Mouffe und Ernesto Laclau, des Marquis De Sade, von Georges Bataille und Michel Foucault diskutiert zum Teil anregend, zum Teil aber schwer bis kaum verständlich.
Die lange Reise führt in die Region des "Postfundationalism": Es gibt keinen Grund mehr, auf den man bauen könnte. Deshalb wird auch kein Turm von Babel mehr erbaut, sondern ein Schacht unter dem nicht-vorhandenen Grund. Die Formulierung stammt aus einem Text im Nachlasse Franz Kafkas, der übrigens ähnlich viele Rätsel aufweist wie manch post-koloniale Theorie.
Dekonstruktion unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Der Schacht von Babel mache reinen Tisch für einen Neuanfang, so Slavoj ‚i,ek im Klappentext. Dem ist insofern zuzustimmen, als dass dieses Buch zeigt, welchen Ballast die Exzesse der postmodernen Theorien weiterhin darstellen. Wenn es Buden nun gelingt, einen Punkt unter die wenig hilfreiche selbstreferentielle Theorieproduktion des Poststrukturalismus zu setzen, wäre sicherlich viel gewonnen. Wenn nun aber ein nicht näher bestimmbarer Schacht zu Babel gegraben werden soll, dann sollte man dies besser gleich bleiben lassen.
Buden führt wie kaum ein anderer vor, welche abgeschlossene und abgehobene Form die postmoderne Theorieproduktion erreicht hat. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit dekonstruiert sich eine kleine Gemeinde ihre Dekonstruktionsinstrumente gegenseitig weg.
Immerhin: Das Buch bietet einen guten Überblick über die wesentlichen poststrukturalistischen TheoretikerInnen und erlangt damit so etwas wie Lehrbuchqualität.
Boris Buden: Der Schacht von Babel. Ist Kultur übersetzbar? Berlin: Kadmos, 2005. ISBN 3931659720, 210 Seiten, Euro 20,50.