Um die 250 Interessierte sind Mitte September 2014 der Einladung des Instituto Paulo Freire (IPF) Italien nach Turin gefolgt, um sich zum Thema „Wege der Emanzipation jenseits der Krise“ auszutauschen. Ein Überblick über das neunte Paulo Freire Forum.
Das Forum
Alle zwei Jahre findet ein Freire-Forum statt, abwechselnd von den verschiedenen Freire Instituten organisiert. Das Instituto Paulo Freire São Paulo versteht sich dabei als Koordinationsstelle und unterstützt das organisierende Institut bei der Konzeption. Dabei sind in den letzten Jahren unterschiedliche Formate entstanden – von der kleinen, akademischen Veranstaltung zur Großveranstaltung und so ziemlich alles dazwischen – je nach Ausrichtung und Kapazitäten des lokalen Instituts. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit Paulo Padilha vom IPF São Paulo bei der 10-Jahresfeier des Paulo Freire Zentrums 2014 (Michael Straub berichtete) wurde das Paulo Freire Zentrum zum ersten Mal explizit eingeladen, am diesjährigen Forum und der traditionellen Versammlung des Internationalen Rats des Forum Paulo Freire teilzunehmen. Nadine Mittempergher und Katrin Aiterwegmair folgten der Einladung als Vertreterinnen des Freire Zentrums nach Turin.
Das IX. Forum in Turin wurde eine Großveranstaltung, die Silvia Manfredi (IPF Italia) und die italienische NGO Gruppo Abele mit deren unzähligen ehrenamtlichen HelferInnen veranstalteten. An vier Tagen fanden insgesamt drei Foren im Plenum (Eröffnung, Fachvortrag, Abschluss) und Arbeitsgruppen statt.
Die Fabrik der „und“
Die viertägige Veranstaltung bot ein vielfältiges und dichtes Programm. Die ersten zwei Tage standen unter dem Motto „Für eine emanzipatorische Bildung“, die zwei darauf folgenden Tage wurden von der Leitfrage „Wenn es nicht Politik ist, was für eine Bildung ist es dann?“ geprägt. Der historische Ort, eine stillgelegte Fiat-Fabrik, führte jeden Tag bildhaft vor Augen, was im Titel mit „jenseits der Krise“ gemeint war: Es kann immer etwas Neues, Fruchtbares, auf dem Boden des Alten entstehen. So auch der neue Name des einstigen Fabrikgebäudes fabbrica delle e (dt.: Fabrik der „und“). Die mitorganisierende NGO Gruppo Abele benannte ihren Hauptsitz so, weil sie gegen die vielen ausschließenden „entweder, oder“ in der Gesellschaft ankämpfen will. Das Solidarität und Inklusion implizierende „und“ hätten sie sich zum Motto gemacht, gerade in Zeiten der (nicht nur in Italien) allgegenwärtigen, multiplen Krise, so Lucia Bianco (Gruppo Abele) in ihren Eingangsworten.
Die prekäre Arbeitssituation der VeranstalterInnen bei der Vorbereitung führte zu einem teilweise unklaren Ablauf, der beispielsweise einige Nichtsahnende zu Vortragenden machte. Nicht Portugiesisch- oder Italienischsprachige hatten außerdem ihre Schwierigkeit, den Vorträgen zu folgen, da das Übersetzungsteam aus Freiwilligen bestand. „Es ist wohl kaum nötig zu erwähnen, dass die generelle finanzielle Not der italienischen NGOs hinter dieser Lage steckt. Dennoch haben wir uns für eine große Veranstaltung entschieden, weil wir die Botschaft Freires in diesen Zeiten der Krise weiterhin verbreiten wollen“, so Manfredi. Ihr Wunsch nach interessanten Diskussionen und Vernetzungsmöglichkeiten habe sich auch tatsächlich erfüllt, meinte sie zum Abschluss.
Vier PräsidentInnen und ein Priester: Einführungsvorträge (Tag 1)
Die Stimmung wurde angespannt, als Silvia Manfredi (IPF Italia) von den ca. 40% Jugendarbeitslosigkeit in Italien sprach und von der Mafia, die viele der NGO-Projekte blockiere. Daher sei dieses Treffen ein Zeichen der Solidarität und des Dialogs, im Sinne Freires. „Die drei großen Ziele des Forums sind die Verbreitung der Freireanischen Ideen, die Sammlung und Reflexion von Erfahrungen und die Sichtbarmachung unserer indignação, unserer Empörung angesichts der Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und Unterdrückungen“, so Manfredi einleitend. Deshalb sei es ihr ein Anliegen gewesen, durch Gruppo Abele auch mit VetreterInnen der Zivilgesellschaft in den Dialog zu treten und keine rein akademische Veranstaltung zu organisieren. Die einleitenden Worte der IPF-PräsidentInnen Moacir Gadotti (IPF Sao Paulo), Carlos Torres (IPF USA) und Luiza Cortizão (IPF Portugal) sowie Carlo Nanni (Päpstliche Universität der Salesianer, Rom) schlossen sich dem an. Alle bezogen sich auf „Eine andere Welt ist möglich“, „das gute Leben“, „Bildung ist nie neutral“, „Planetarische BürgerInnenschaft“ und „empört euch!“, blieben aber in der Theorie dieser Konzepte verhafet und nahmen kaum Bezug auf aktuelle Ereignisse. Leider wurde auch keine Zeit für Fragen eingeplant.
Praxis-orientierte Reflexionen
Am Nachmittag des zweiten Tages fanden sieben parallele Workshops zur Vertiefung der Forums-Themen statt: 1) Schule und kritische Bildung, 2) Universität im Dialog, 3) Bildung, Gemeinschaft und Territorialität, 4) Soziale Probleme und Partizipation, 5) Entwicklung von Öko-Pädagogik und planetarischer BürgerInnengesellschaft, 6) Emanzipatorische Bildung im Rahmen von Kunst und existentieller Kommunikation, 7) Demokratieerziehung zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit unter den Bedingungen von Korruption. Die Workshops wurden von zwei bis drei ReferentInnen geleitet, die jeweils Inputs zu den Themen gaben, anschließend wurden diese diskutiert.
Am zweiten Tag fanden intensive Workshops statt, am Abend traf sich der „Freire Rat“. An den darauffolgenden Tagen wurden die erarbeiteten Themen im Plenum diskutiert. Nachzulesen im zweiten Teil des Artikels.
Die Autorin arbeitet im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at