Mit der Schärfung dieser Frage beschäftigte sich Hakan Gürses beim ersten Vortrag am 12. Oktober der diesjährigen Reihe Der politische Mensch in der globalen Polis: Zur Rolle der politischen Erwachsenenbildung.
Das Politische in der Politischen Bildung
Eingangs betonte Gürses (ÖGBP), dass es in diesem Rahmen nicht möglich sei zu definieren, was das Politische in der politischen Bildung sei, jedoch wolle er mit einem kritischen Blick diese Frage präzisieren. Bereits der Begriff Politische Bildung bestehe aus zwei Wörtern, wobei über Bildung derzeit viel, auch öffentlich, diskutiert werde. Das zweite Glied dieses Begriffpaars, das Politische, werde jedoch oft ausgeblendet bzw. primär mit politischen Institutionen assoziiert Politik als Feld. Langsam würden jedoch auch Themen wie Globalisierung, Migration oder Geschlechterverhältnisse Teil des allgemeinen Politikverständnisses werden, und dadurch auch die Themen der politischen Bildung prägen. Zunehmend bekomme der Begriff Demokratie lernen immer mehr Bedeutung. Doch was ist in diesem Sinne Demokratie, und was bedeutet Politik? Diese Frage richte er immer wieder an WorkshopteilnehmerInnen, von welchen er regelmäßig gehört habe, dass alles politisch sei. Gürses meinte jedoch, dass die Art wie heute Demokratie gemacht werde, nicht immer seiner Vorstellung von echter Demokratie entspreche. Politik sei in der Polis zu verhandeln, was eine örtliche Verbundenheit voraussetze. Heute habe sich eine Kaste von PolitikerInnen entwickelt; auch wenn immer mehr soziale Gruppen ein Wahlrecht hätten, sei das Verhältnis zwischen Polis und BürgerInnen immer noch eine zentrale Herausforderung. Doch wo oder was ist die Polis in der Gegenwart? Das globale Dorf? Gürses antwortete darauf, dass es darüber in der politischen Bildung derzeit keinen Konsens gäbe lediglich eine Annäherung zum Politikbegriff über unterschiedliche Analytiken. Politik als Indikator, nicht als Sphäre oder Segment, sondern als Perspektive. Politik als professionelles Feld. Das Politische als Feld des Möglichen und der Handlung, als soziale Bewegung. Die Politische Bildung befinde sich im Spannungsfeld dieser drei Definitionen. Im Englischen gäbe es mehrere Unterscheidungen anhand derer wir den deutschen Begriff Politik analytisch abstecken können: Polity, als Rahmen, Umfeld und Segment. Policy als Programm, Konzept, und Theorie. Und Politics als Handlungen, Umsetzung von Programmen, Vermittelung von Interessen. Die Unterscheidung dieser Ebenen spiele auch für die politische Bildung eine wesentliche Rolle.
In Das politische Denken von Feustel und Bröcklings sprechen die beiden Autoren von vier Dimensionen des Politischen. Erstens eine spezifische Sphäre, welche den Staat als Bezugspunkt verstehe. Zweitens Modalitäten des Handelns und der Kommunikation als Vergemeinschaftung, Konflikte und Bindungen – Arendth nenne es das Zusammenkommen unterschiedlicher Individuen. Drittens eine zeitliche Dimension: Geschichtskonzepte, das Nachdenken über Kontinuität, auch eschatologische, sprich auf die Endzeit bezogene, oder Aufbruchsstimmungen gehören dazu. Viertens eine normative Dimension, die moralische Orientierungen anhand der Vorstellungen von Gerechtigkeit und Freiheit oder einer Verneinung der Moral beinhaltet.
Die politische Differenz
Gürses betonte in seinem Vortrag, dass die politische Differenz in den letzten Jahren immer mehr Teil der Debatte um politische Bildung werde. Demnach sind die Politik & das Politische bzw. la politique & le politique zu unterscheiden. Seit den 1980ern sei diese Unterscheidung vor allem von frankophonen TheoretikerInnen betrieben worden. Das Konzept habe seine Wurzeln in den Theorien von Carl Schmitt und Hannah Arrendt, jedoch erst AutorInnen wie JeanLuc Nancy oder Chantal Mouffe stellten das als Moglichkeitsform begriffene Politische der institutionellen, normativ legitimierten, mit Durchsetzung von Herrschaft identifizierten Politik gegenuber. Vier Aspekte seien wichtig für die Definition des Politischen: Unabgeschlossenheit, Unbegründbarkeit, Konfliktualität, Ereignishaftigkeit.
Fazit
Abschließend meinte Gürses, dass nicht alles politisch sei, jedoch alles politisch werden könne. Politische Bildung müsse ebenfalls den Begriff der Demokratie reflektieren, und die Politik (das Gewordene) aus der Perspektive des Politischen (des Möglichen) verstehen. Politische Bildung sei per se politisch, sie befinde sich in keinem machtfreien Vakuum.
Diese Reihe wird von der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) in Kooperation mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) veranstaltet und dient dazu, die aktuellen Fachdebatten rund um politische Bildung und die damit verbundenen Ansätze einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung und Vergleichende Systematische Kultur- und Religionswissenschaft und ist Praktikant im Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.