Rassismuskritische Bildungsarbeit wird oft als kognitive Aufgabe verstanden, als gehe es allein um Wissen und Aufklärung. Doch was passiert, wenn wir auch die emotionale und körperliche Dimension miteinbeziehen? Auf der Fachtagung für Migrationspädagogik wurden Emotionen und ihre Wirkung im Bildungskontext mehrfach thematisiert, und dieser Artikel möchte die unterschiedlichen Perspektiven aus zwei Programmpunkten zusammenführen: Die Keynote von Josephine Apraku: „Emotions Taking us over: Was Rassismuskritik noch braucht“, und der Workshop von Daphne Nechyba: „Diskriminierungskritische Bildungsarbeit und Affekt: Emotionale Dynamiken von Lernenden und Lehrenden in der Auseinandersetzung mit Rassismus“.
Emotionen sind nicht gleich Gefühle.
Einen wichtigen Ausgangspunkt setzte Apraku mit einer Unterscheidung, die im Alltag oft untergeht: Emotionen und Gefühle sind nicht dasselbe, auch wenn diese Begriffe oft synonym verwendet werden. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio unterscheidet zwischen Emotionen als beobachtbaren körperlichen Veränderungen und Gefühlen als deren mentaler Repräsentation. Gefühle entstehen demnach im Gehirn, indem dieses die emotionalen Körperzustände registriert und in bewusste Erfahrung übersetzt. Emotionen sind also körperliche Reaktionen, die kurzlebig, universell und biologisch verankert sind. Etwa über Gefühle zu sprechen ist bereits ein Akt der Interpretation. Apraku betont deshalb die Notwendigkeit, einen Moment innezuhalten und erst wahrzunehmen, was im Körper passiert, bevor man reagiert oder analysiert.
Wer darf als rational gelten?
Emotionen werden nicht individuell zugeordnet, sondern entlang von Machtverhältnissen und wahrgenommenen gesellschaftlichen Positionen. Diese Zuschreibung von Emotionalität zu bestimmten Personengruppen folgt Strukturen, die gesellschaftlich produziert, historisch gewachsen und intersektional verankert sind. Apraku nennt als Beispiel drei Stereotype, die das verdeutlichen: Die hysterische Frau, der aggressive muslimische Mann und die im englischsprachigen Diskurs verbreitete Figur der „angry Black woman“ (dt. wütende Schwarze Frau). Bei Betrachtung dieser Zuschreibungen stellt sich die drängende Frage: Wer gilt in unserer Gesellschaft als „emotional“? Die Norm ist rational, sachlich und kontrolliert. Wer davon abweicht, wird abgewertet.
Rassismus ist ein System, das Wissen produziert, um Ausbeutung zu rechtfertigen. Apraku erinnert daran, dass auch emotionale Zuschreibungen Teil dieses Systems sind. Das hat reale Konsequenzen: Wessen Schmerz wird wahrgenommen? Wem wird geglaubt? Wer gilt als Gefahr? Als Beispiel nennt Apraku einen Begriff aus der Medizin: „Morbus mediterraneus“, eine nicht offizielle, diskriminierende Beschreibung für Patient*innen, denen aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Herkunft aus dem sogenannten „Mittelmeerraum“ unterstellt wird, Schmerz übertrieben oder „hysterisch“ zu äußern. Es handelt sich dabei nicht um eine anerkannte Diagnose, sondern um ein Vorurteil, das die medizinische Versorgung beeinflusst. Die Abwertung von Emotionen kann dazu führen, dass Menschen als weniger glaubwürdig und kompetent wahrgenommen werden. Das alles geschieht auf mehreren Ebenen: individuell, institutionell und strukturell. Diese wirken nicht unabhängig voneinander, sondern beeinflussen und verstärken sich gegenseitig.
Emotionale Verengung als Selbstschutz.
In aktivistischen und politischen Räumen kann etwas entstehen, das Apraku als „emotionale Verengung“ beschreibt, also die eingeschränkte Fähigkeit, Emotionen als körperliche Zustände überhaupt wahrzunehmen, bevor sie kognitiv – also als Gefühle – verarbeitet werden. Häufig geschieht das durch das Phänomen der Intellektualisierung als Überlebensstrategie, was bedeutet, dass Menschen das emotional Erlebte analysieren, um sich davon zu distanzieren, um sich nicht auf das körperliche Erleben einzulassen. Diese emotionale Verengung kann jedoch genau jene Machtverhältnisse reproduzieren, die man in politischen Räumen eigentlich kritisieren will. Die Arbeit mit Emotionen wird oft als zusätzliche Last betrachtet – dabei sind wir ohnehin ständig emotional involviert. Es braucht also Raum für Emotionen, auch wenn uns die Sprache dafür fehlt. Sonst läuft man Gefahr, möglicherweise genau jene Norm der Rationalität zu reproduzieren, gegen die man sich eigentlich wendet. Apraku betonte, dass Rassismuskritik eine Auseinandersetzung mit Emotionen und unseren Körpern erfordert: „Eine machtkritische Perspektive auf Emotionen bedeutet, dass alle Menschen Zugang zu allen Emotionen haben dürfen“.
Klebrige Gefühle: Affekt und Rassifizierung im Klassenzimmer.
Was Apraku auf der Makroebene von Wissen und Macht analysierte, übertrug Daphne Nechyba auf die konkrete Bildungspraxis. Ausgehend von der Kulturtheoretikerin Sara Ahmed führte sie in das Konzept der „affective economies“ (dt. Affektökonomie) ein. Emotionen entstehen demnach nicht im Individuum allein, sondern zirkulieren zwischen Körpern, Institutionen und Symbolen. Sie sind soziale Kräfte, die Bedeutung erzeugen. Dabei haften Emotionen an manchen Körpern stärker als an anderen, was Ahmed als „stickiness“ (dt. Klebrigkeit oder Haftung) bezeichnet. Diese Haftung ist ein Produkt historisch gewachsener, rassifizierter und kolonialer Ordnungen.
Auch im Bildungsraum wird das sichtbar. Nechyba verweist auf das Konzept der „racial battle fatigue“, eine Art Dauererschöpfung durch wiederholte Rassismuserfahrungen, die sich körperlich und psychisch niederschlägt, zum Beispiel durch Stress, Depressionen oder soziale Isolation. Schüler*innen und Studierende, die bereits Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben, betreten einen Klassenraum mit einer emotionalen Vorbelastung. Es kann dadurch zu einer Hypervigilanz kommen, einer Daueralarmbereitschaft. Diese Vorbelastung haftet an rassifizierten Körpern und führt dazu, dass sie „ständig auf der Hut sind“. Bildungsarbeit, die das ignoriert, kann diese Ungleichheit nicht nur nicht auflösen, sondern sogar verstärken.
Mut statt Sicherheit: Brave Spaces.
Nechyba plädiert nicht für den oft beschworenen „safe space“ (dt. sicherer Raum), denn echte Sicherheit lässt sich in Lernräumen nicht garantieren. Stattdessen schlägt sie den Begriff des „brave space“ (dt. Raum mutigen Lernens) vor: ein Raum, in dem ehrliche, kritische Gespräche möglich sind, in dem Unbehagen ausgehalten werden kann, ohne dass Verletzlichkeit ungeschützt bleibt. Die Gestaltung eines solchen Raumes erfordert konkrete pädagogische Entscheidungen, zum Beispiel eine Sitzordnung, die Dialog statt Debatte ermöglicht; sofortiges Eingreifen bei diskriminierenden Vorfällen, ohne die betroffenen Personen zu exponieren und eine Bereitschaft der Lehrenden, eigene Emotionen und die der anderen wahrzunehmen und einzuordnen.
Die Workshopteilnehmer*innen, mehrheitlich Pädagog*innen oder in der anti-rassistischen Bildungsarbeit tätige Personen, berichteten von eigenen Erfahrungen. Einige der Teilnehmenden berichteten von Widerstand in Bildungsinstitutionen seitens des Lehrpersonals, sei es in der Volksschule oder Universität, wenn Rassismus thematisiert oder vorgeschlagen wird, an anti-rassistischen Workshops teilzunehmen. Gerade von den Schüler*innen selbst komme aber meist positives Feedback und sie seien oftmals offen, neugierig und bereit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Gemeinsames Lernen und geteiltes Fühlen.
Während des Workshops bezog sich Nechyba auch auf das Werk von bell hooks und ihre „engaged pedagogy“ (dt. engagierte Pädagogik). Es geht um die lehrende Person als Ganzes, um Präsenz, um Verletzlichkeit, und um das Eingeständnis, dass Lernen und Fühlen nicht voneinander zu trennen sind. Die Lehrperson ist nicht die alleinige Wissensquelle, sondern Teil eines gemeinsamen Prozesses – ganz im Sinne von Paulo Freire. Solange Bildungsräume so tun, als wären Emotionen ein Störfaktor, reproduzieren sie die Hierarchien, die sie zu überwinden behaupten. Eine wahrhaft kritische Pädagogik muss Emotionen in ihre Praxis miteinbeziehen und den nötigen Raum schaffen, diese wahrzunehmen und zu reflektieren.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Steve A Johnson, unsplash (https://unsplash.com/de/fotos/die-statue-einer-person-mit-einem-gebrochenen-kopf-xfk7RcWERG0)
Weiterführende Links:
Zur Fachtagung Migrationspädagogik
Instagram @migpaed_institut