Während Studierenden auf der Universität immer wieder vermittelt wird, dass es von großem Vorteil ist, mehrere Sprachen zu sprechen, werden HauptschülerInnen mit Migrationshintergrund trotz ihrer Mehrsprachigkeit primär damit konfrontiert, nicht ordentlich deutsch sprechen zu können.
Dieser Umstand hat uns zum Nachdenken angeregt, wie es den SchülerInnen mit dieser Situation geht, wie sie ihre Mehrsprachigkeit erleben und damit umgehen. Im Rahmen des Projektes Hauptschule trifft Hochschule wollten wir der Frage nachgehen, ob die Mehrsprachigkeit von den SchülerInnen als Bereicherung oder als Beschränkung erlebt und empfunden wird. Unsere Gruppe bestand aus sechs Studierenden der WU bzw. der Universität Wien und fünf SchülerInnen der KMS 18. In unserer Gruppe waren folgende Sprachen (als Muttersprache oder Zweitsprache) vertreten: deutsch, tschetschenisch, serbisch, bosnisch, russisch, türkisch und tschechisch.
Kontakt zwischen StudentInnen und SchülerInnen
Bald wurde uns bewusst, dass unsere Aufgabe nicht darin bestand, über die Jugendlichen zu forschen. Im Sinne Paulo Freires sollte das Vorhaben ein dialogischer Lernprozess sein, bei dem wir im Gespräch und Austausch mit den SchülerInnen etwas über ihre Alltagswelt und Lebenssituation erfahren.
Da das Thema Mehrsprachigkeit eher abstrakt ist, war es schwer etwas thematisch Passendes zu finden, das wir mit den Jugendlichen unternehmen konnten. Daher dienten Treffen im Park oder gemeinsame WU-Exkursion in erster Linie dem Kennenlernen und dem Bilden einer Gesprächs- und Vertrauensbasis.
Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl
Durch unsere Beobachtungen und Erfahrungen im Austausch mit den SchülerInnen und vor dem Hintergrund theoretischer Überlegungen und persönlicher Reflexionen kamen wir zu folgenden Ergebnissen und Annahmen: Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind Voraussetzungen dafür, dass die SchülerInnen ihre Mehrsprachigkeit als Bereicherung erfahren und wahrnehmen.
In den Gesprächen mit den Jugendlichen stellte sich heraus, dass sie im Alltag kaum explizit dazu aufgefordert werden, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken. Auch der Umstand, dass wir Interesse an ihrer Muttersprache zeigten, schien neu für sie, da sie anfangs unsicher und zögerlich wirkten.
Damit sie Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entwickeln können, ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit Interesse und Offenheit zu begegnen und ihnen zu vermitteln, dass sie durch ihre Zweisprachigkeit über ein erhöhtes Sprachenbewusstsein verfügen und daher ExpertInnen in diesem Bereich sind. Die Mehrsprachigkeit der SchülerInnen anzuerkennen bedeutet eben auch, sie in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen.
Dieser Aspekt wurde deutlich im Gespräch mit einer Schülerin. Bei dem Besuch im Sprachlabor der WU lief auf einem Bildschirm ein russisches Fernsehprogramm. Wir zeigten dies der Schülerin, woraufhin diese kurz hörte. Danach erzählte sie uns begeistert, worum es in dieser Sendung ging. Sie tat dies, obwohl wir sie nicht dazu aufgefordert hatten, sondern uns nur interessiert zeigten. Überhaupt änderte sich dadurch ihr Verhalten. Während sie davor eher schüchtern und zurückhaltend wirkte, begann sie danach von ihrer Familie, ihrer Lebenssituation und ihren Erlebnissen zu erzählen. Es war eine gewisse Vertrauensbasis geschaffen. Dies machte für uns deutlich, wie wichtig Sprache als wesentlicher Teil jedes Menschen und seiner Identität ist.
Das bewusste Wahrnehmen ihrer Mehrsprachigkeit kann den Jugendlichen schließlich helfen, ihre kulturelle Identität zu finden und die Fähigkeit des switching zu entwickeln, das Zugänge zu anderen Denkweisen eröffnen kann und wodurch sie zu ÜbersetzerInnen und VermittlerInnen werden können.
Sprache als Vorteil oder Hindernis?
Die SchülerInnen nehmen ihre Mehrsprachigkeit kaum als Potenzial und Vorteil wahr. Einerseits können sie beide Sprachen nicht perfekt, d.h. dass sie Fehler bei Rechtschreibung und Ausdruck machen. Andererseits vermitteln ihnen ihre Familie und Verwandte oft, dass es für sie wichtiger ist, ihre Muttersprache gut zu können. Von der Gesellschaft werden sie dadurch aber als integrationsunwillig abgestempelt. Die SchülerInnen werden im Kontext ihrer Mehrsprachigkeit mit einem hohen Grad an soziokultureller Komplexität konfrontiert. Mit deren Bewältigung fühlen sie sich oft überfordert und alleine gelassen. Es ist klar, dass Jugendliche in diesem Alter mit Problemen, denen komplexe soziokulturelle Strukturen zu Grunde liegen, überfordert sein müssen. Jedoch nur dann, wenn sie mit selbigen alleine gelassen werden.
Es wurde uns bewusst, dass die Schule der Kinder eine einzigartige Kultur- und Sprachenvielfalt vereint. Diese sichtbar zu machen und anzuerkennen trägt unseres Erachtens wesentlich dazu bei, dass die SchülerInnen zukünftig ihre Mehrsprachigkeit als Bereicherung und Potenzial wahrnehmen und zu nutzen lernen. Daher ist es wichtig, dass es auch weiterhin Kooperationen in diesem Bereich gibt. Eine Fortsetzung und Ausdehnung entsprechender Lehrveranstaltungen kann nur begrüßt werden.
Die Autorin ist Studentin der WU Wien.