Vom Informationsdienst für Entwicklungspolitik zum Bündnis für Eine Welt (I)

Gedankensplitter zur Geschichte einer Idee, anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Bündnisses für eine Welt. Teil I.
Als der Österreichische Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE) 1979 gegründet wurde, und bald danach auch seine Regionalstelle in Kärnten, war die Welt gekennzeichnet vom Aufschwung moderner Industrien, vom Wettlauf ins Weltall, vom Traum des ewigen Wirtschaftswachstums. Fortschritt wurde zum weltweiten Dogma erklärt. Doch während in der Technik Formeln anwendbar sein mögen, funktionieren sie nicht in komplexen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Zusammenhängen. 1980 war die bereits Zweite Entwicklungsdekade, in welcher die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt werden sollten, gescheitert und zahlreiche Entwicklungsländer versanken in Folge in einem Meer von Schulden. Die Zeit war zudem geprägt vom Wettrüsten der Supermächte im Kalten Krieg, das zu zahlreichen Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt führte und so den Kalten Krieg in Wahrheit zu einem sehr heißen werden ließen. Eine gerechtere Weltentwicklung blieb ein uneingelöstes Versprechen.

Gegenöffentlichkeit

Die inhaltlichen Aufgabenstellungen für den ÖIE waren somit umfassend. Es sollte eine Gegenöffentlichkeit zu den Medienmonopolen weniger großer Konzerne entstehen, die sich die Gestaltung der Meinungsbildung weltweit aufgeteilt hatten. Beiträge von JournalistInnen außerhalb des Mainstreams, Berichte alternativer Agenturen, Stimmen des Widerstands in der Dritten Welt, die Meinungen der Solidaritätsbewegung, Erfahrungen rückgekehrter EntwicklungshelferInnen, Analysen kritischer WissenschafterInnen sie wollten und sollten Gehör finden im ÖIE.

Einen besonderen Stellenwert nahm von Anbeginn die Arbeit im Schul- und Jugendbereich ein. Über eine besser aufgeklärte neue Generation hoffte man, den Grundstein für eine gerechtere Weltgesellschaft zu legen. Der Bildungsboom der 1970er und 1980er Jahre unterstützte das Ansinnen.

Auf der Suche nach Entwicklung

Warum zeitigte der damalige Aufbruch nicht ganz die Ergebnisse, die man sich gewünscht hatte? Es war aus der Vermittlung der Nürnberger Trichter noch nicht vertrieben worden. Man meinte, wenn man nur oft genug das Richtige sage, dann komme es am Ende des Tages beim Gegenüber auch richtig an. Und dass man das Richtige sagte, davon war man überzeugt. Das dialogische Prinzip begann sich erst langsam herumzusprechen. Man saß in der Entwicklungsfalle. Ähnlich dem Mythos von der raschen Erlösung von allem Übel, dem auf UN-Ebene mit der Propagierung neuer Weltkonzepte in Zehnjahressprüngen nachgejagt wurde, wurde auch in der Informationsarbeit zu linear gedacht. Man müsse nur beim kleinen Kind in der Volksschule mit der Wissensvermittlung beginnen und schon würden wir eine nächste Generation von Besserwissenden und deshalb politisch Mündigen erleben. Man meinte, Fortschritt und das Paradies auf Erden könne so unter Garantie produziert werden.

Entwicklungspolitische Bildungsarbeit bewegt sich wie es ihr Name vortrefflich zum Ausdruck bringt im Spannungsfeld zwischen Politik und Bildung. Bildung sollte sich jedoch der politischen Vereinnahmung entziehen. Je verantwortlicher sich Bildung für Entwicklung erklärt, umso unbehelligter bleiben die politischen Verantwortlichkeiten. Bildung kann auf Politik vorbereiten, sie sollte aber nicht an ihre Stelle treten wollen. Es kommt hinzu, dass die Ansprüche in der entwicklungspolitischen Bildung sehr hohe sind: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um das Schicksal der ganzen Welt. Es werden damit die Einsichtsfähigkeiten der Menschen oft überfordert.

Die Zusammenhänge, in denen "moderne" Menschen heute leben, sind nur noch zum Teil überschaubar. Die Wahrnehmung des komplexen Geflechts von Ursache und Wirkung ist schwieriger geworden. Die sinnliche Wahrnehmung von Sachverhalten, in denen es keine lineare Kausalität gibt und wo die soziale, kulturelle, ökologische Umwelt nicht mehr stabil ist, ist kaum herstellbar. Über Wissenschaft und Technik haben wir uns aus dem räumlichen Wirkungskreis, wie er vor gar nicht allzu langer Zeit noch bestand, entfernt. Wir sind gezwungen, uns in immer vielfältigere Räume hineinzubewegen. Die Gefahr ist gegeben, dass wir uns im Labyrinth der verschlungenen Wege und der komplizierten Wechsel- und Nebenwirkungen verlaufen und den Halt in zunehmend deregulierten Gesellschaften verlieren. Es ist deshalb wichtiger denn je geworden, sich nicht nur real, das heißt ökonomisch und sozial, sondern im besonderen auch gedanklich, emotional und kulturell, immer wieder neu zu verorten. Der einfache Informationsgewinn reicht dafür nicht aus. Es geht um die Anbindung an unsere bestehenden Erfahrungshorizonte und die Erweiterung eigener Lern- und Handlungsfähigkeiten. Dazu braucht es genügend individuellen und sozialen Freiraum. Die Ausbildung unserer Identität ist nie abgeschlossen. Unser Inneres ist ein ebenso mehrdimensionales Wesen wie es die Welt ist, die uns umgibt.

Im selben Maße wie sich für uns neue Räume öffnen, finden Veränderungen in der zeitlichen Dimension statt. Es ist zu einer Beschleunigung in vielen Abläufen gekommen, vor allem dort, wo die Technik den Menschen unterstützt oder gar abgelöst hat. Alle Prozesse werden rationalisiert und intensiviert. Es bleibt oft keine Zeit für Reflexion und Zweifel. Die Rastlosigkeit vernichtet die Ratlosigkeit, das Trachten nach der Zukunft verhindert das Betrachten der Gegenwart. Wir vermeinen, über die Instrumentarien zu verfügen, alles Erstrebenswerte in unserer eigenen Lebenszeit erreichen zu können. Die Effizienzvorgabe "schneller, weiter, höher" ist zum Synonym für die moderne Lebenswelt geworden. Eine daraus gefolgerte Effektivität wird gemeinhin angenommen.


Lesen Sie den zweiten und letzten Teil am Mittwoch, den 25. Oktober 2006.


Der Beitrag erschien zuerst in: Bündnis für eine Welt (Hg.): … und kein bisschen leise! Vom Informationsdienst zum Bündnis für eine Welt. Festschrift anlässlich des 25-jährigen Bestehens des "Bündnis für eine Welt", vormals Österreichischer Informationsdienst für Entwicklungspolitik – Kärnten. Villach, 2005, 17-21.

Der Autor ist Leiter der Abteilung Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung in der Austrian Development Agency (ADA).

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.