Am Vormittag des 16. Mai 2014 wurde im Rahmen der Geburtstagsfeier des Paulo Freire Zentrums zu einem Workshop mit dem Titel „Unsere Freireanische Praxis im Austausch“ geladen. Im kleinen Kreis von 14 Personen wurden verschiedene Zugänge und Projekte ausgetauscht, geplaudert und inspiriert.
Die Idee der Oficina (port. für Workshop) war, gezielt mit Menschen in einer MultiplikatorInnenposition in einen Lernaustausch zu treten, um so mögliche Schnittstellen und Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte auszuloten. Nach einer theaterpädagogischen Übung zur Auflockerung startete der Tag mit einer Vorstellrunde der Gäste samt ihrer Arbeit. Gerald Faschingeder begann mit einem Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre des Paulo Freire Zentrums und einer kurzen Vorstellung der laufenden und geplanten Aktivitäten, wie der Entwicklungstagung 2014 in Salzburg. Anschließend sprach Ilse Schimpf-Herken vom Paulo Freire Institut (PFI) Berlin kurz über die Anfänge des Instituts mit Projekten in Chile und über die aktuelle Situation in Berlin. Das PFI wolle ein neues Bildungssystem fördern, in dem das voneinander Lernen eine wichtige Rolle spiele. Jasmina Barckhausen (PFI) erzählte von einem aktuellen Friedensprojekt in Guinea-Bissau. Dort werde unter anderem versucht, in einen Dialog mit dem Militär zu treten. Das sei zwar schwierig, aber jeder kleine Erfolg sei umso wichtiger und motiviere sie zur Weiterarbeit. Ursula Klesing-Rempel, die jahrelang in Lateinamerika arbeitete und seit Kurzem Mitarbeiterin des PFI ist, meinte zum Projekt in Chile, dass es schwer sei, die bestehenden Strukuren im Bildungssystem aufzubrechen. Elisabeth Ettmann, Sozialarbeiterin und langjährige Projektpartnerin des Paulo Freire Zentrums Wien, erzählte von ihrem Versuch, auch innerhalb Österreichs bzw. Wiens vom Süden zu lernen. „Der Süden“ sei schließlich auch in Wien – wie sich in Rudolfsheim-Fünfhaus, dem ärmsten Bezirk Wiens, zeige. Dort sei Ausgrenzung auf Grund von Armut gängige Praxis. Mit dem Verein Im.Ausland gebe sie zugewanderten Menschen die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen. Daneben versuche sie auch, ihnen mit Blick auf und in Auseinandersetzung mit den jeweiligen Lebensgeschichten notwendiges Wissen beizubringen. Es sei beispielsweise wichtig, zu erklären, wie die österreichische Politik funktioniert. Matthias Müllner sprach über seine Arbeit als Kindergruppen-Pädagoge in einem Waldkindergarten. Er versuche, pädagogische Ansätze in Anlehnung an Paulo Freire in der Kinderbetreuung zu verwirklichen. Seine Arbeit mit Umweltpädagogik basiere auf Dialog.
„Intertranskulturelle“ Bildung
An die Vorstellung schloss ein längerer Vortrag von Paulo Padilha an, wo er seine Arbeit am Instituto Paulo Freire (São Paulo) und besonders sein Konzept einer intertranskulturellen Bildung vorstellte. Der Austausch zwischen SchülerInnen und LehrerInnen sei dabei zentral. Außerdem könnten Wissenschaft und Kunst sich laut seiner Erfahrung gut ergänzen und sollten das auch unbedingt tun. Seine Methode, die Wissenschaft und Musik verbindet, wandte er auch im Workshop an. Mit seiner Gitarre spielte er selbst geschriebene Lieder, seine Tochter Isis begleitete ihn dabei als Sängerin.
„Wie erziehen wir andere“, fragte er, „und wie erziehen wir uns selbst?“. Die Schule in ihrer derzeitigen Form sei mehr ein Gefängnis als ein Ort der Bildung. Über die Jahre sei das System starr geblieben und nun nicht mehr auf dem Stand der Zeit. Es gebe kaum Platz für Individualität innerhalb des „Zauns des Curriculums“. Die Lehrkräfte seien ungeduldig und hätten systembedingt zu wenig Zeit für ihre SchülerInnen. Dagegen sei es wichtig, so Padilha, die Menschen immer als Ganzes zu sehen. Ebenso müssten für einen konstruktiven Umgang miteinander Konflikte, Identitäten und Ähnlichkeiten erkannt werden. So könne man sich selbst finden und sich in anderen wiederfinden. Die eigene Kultur solle respektiert werden, aber auch die der anderen – denn nur mit Respekt sei ein Dialog möglich, und manchmal könnten dabei auch Grenzen überwunden werden.
Gemeinsame Stadt
In einem praktischen Teil wurde anschließend an Padilhas Input in kleineren Gruppen miteinander gearbeitet. Dabei ging es in einem ersten Schritt darum, einander gegenseitig besser kennen zu lernen. Dazu wurde in Gesprächen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden gesucht. In einem zweiten Schritt sollte dann zum Thema „lernende/lehrende Stadt – mit uns“ gearbeitet werden. Dabei sollten sich die TeilnehmerInnen ihre Gedanken zum Thema und besonders zur Frage „Wie gestalten wir unsere Stadt?“ austauschen und anschließend den anderen ein Ergebnis in kreativer Weise präsentieren. Die Arbeitsweise und die Form des Ergebnisses waren den Arbeitsgruppen überlassen. Für die Präsentation entschieden sich alle Gruppen für eine kurze schauspielerische Performance und alle Präsentationen waren optimistisch und motivierend gestaltet.
Die Oficina endete mit einer gemeinsamen Reflexion. Den meisten blieben vor allem die Interaktion und der inspirierende Austausch in Erinnerung. Auch die Möglichkeit, gemeinsam Kreativität zu entwickeln, kam gut an. Es wurde darüber gesprochen, dass es mehr Begegnungsräume wie den in der Oficina brauche, um den Austausch zwischen den Freire-Institutionen zu fördern. Das persönliche Kennenlernen könne nicht durch andere Kommunikationsformen ersetzt werden, gerade am Anfang. Paulo Padilha reiste dann gleich weiter zur nächsten Veranstaltung des Paulo Freire Zentrums, die in der Wiener Hauptbücherei stattfand. Die TeilnehmerInnen versprachen einander, den Austausch aufrecht zu erhalten und sich möglicherweise beim internationalen Paulo Freire Treffen im Herbst 2014 in Turin wiederzusehen.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
- Paulo Freire Institut Berlin: https://www.ina-fu.org/institute/paulo-freire-institut
- Verein Im.Ausland: https://www.im-ausland.org/
- Instituto Paulo Freire: https://www.paulofreire.org/en
- Internationales Paulo Freire Treffen, Herbst 2014, Turin: https://ipf.impronta48.it/forum-2014/programma