Das Paulo Freire Zentrum lud gemeinsam mit der ÖH
Uni Wien und der Initiative keine_uni am 11. Oktober 2007 zu einem Diskussionsabend ins
Amerlinghaus: "Eine Universität der Unterdrückten?! – Konkrete Utopien und
Erfahrungen einer Universität von unten."
Wenn die Universität zum Gegenstand öffentlicher Debatte wird, stehen vor allem Themen wie Elitenförderung oder die Integration von "bildungsfernen Schichten" in das bestehende Bildungssystem im Zentrum. Die hier dokumentierte Veranstaltung bot einen Raum für eine sonst kaum geführte Diskussion. In Form von Erfahrungsberichten über drei konkrete Universitätsprojekte und deren gemeinsamer Reflexion wurden die Möglichkeiten und Fallstricke von Bildung diskutiert, die einen klaren Standpunkt bezieht jenen der Unterdrückten. Gerhild Trübswasser, Sozialwissenschafterin und Lehrbeauftragte an Universitäten in Österreich und Nicaragua, berichtete über eine autonome Universität in Nicaragua, die hauptsächlich von indigenen Bevölkerungsgruppen getragen wird. Birge Krondorfer, Gründungsmitglied des feministischen Bildungszentrums Frauenhetz, brachte einen Überblick über die Entwicklung der Frauensommeruniversitäten in Österreich und Stefan Vater vom Verband der Österreichischen Volkshochschulen beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der ArbeiterInnenbildung im Wien der Zwischenkriegszeit. In der anschließenden Diskussion wurden mit dem Publikum Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Potentiale von und Gefahren für Bildungspraktiken "von unten" herausgearbeitet und reflektiert.
Bildung als Beitrag zur Autonomie
Die autonome Universität URACCAN (Universität der autonomen Regionen der nicaraguanischen Karibikküste), die Gerhild Trübswasser in ihrem Referat vorstellte, ist in besonderer Weise mit den verschiedenen indigenen Bevölkerungsgruppen in den Regionen der nicaraguanischen Karibikküste verknüpft. Nachdem diese Regionen und ihre größtenteils in massiver Armut lebende Bevölkerung jahrelang von der Zentralregierung ignoriert wurden, konnte 1988 mit der damals sandinistischen Regierung ein Autonomiestatut ausgehandelt werden, dass den ansässigen Bevölkerungsgruppen weitgehende Selbstbestimmungsrechte einräumte. Auf dieser Basis war es möglich Anfang der 1990er Jahre die Universität URACCAN in der Karibikregion zu gründen. Da die liberalen Regierungen ab 1991 kaum Geld zur Umsetzung der Autonomierechte zur Verfügung gestellt hätten, die Universität jedoch Großteils aus Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit finanziert würden, sei sie lange Zeit eine der wenigen lebendigen Institutionen der indigenen Autonomie in Nicaragua gewesen, berichtete Trübswasser. In der infrastrukturell sehr schlecht erschlossenen Karibikküste erleichtere die URACCAN nach wie vor durch ihre zahlreichen Außenposten in kleineren Dörfern den Zugang zum Universitätsstudium. Zudem könne direkt an der Universität die Universitätsreife erlangt werden. Dies habe zur Folge, betonte Trübswasser, dass an der URACCAN ein für das Land überdurchschnittlich großer Anteil der Bevölkerung, darunter auch überdurchschnittlich viele Frauen, studieren könne. Die lokale Bevölkerung werde in Lehre und Forschung miteinbezogen, sodass das lokale Wissen in den Gemeinden direkt in die Forschung einfließe, und die Bereitstellung des produzierten Wissens von den Gemeinden auch aktiv eingefordert werde. Dementsprechend sei das Lehrangebot wie auch die Forschungsarbeit sehr stark an den praktischen Bedürfnissen der indigenen Bevölkerung ausgerichtet. Mit diesen Bemühungen stärke die Universität URACCAN die Eigenständigkeit der indigenen Kulturen in den Karibikregionen Nicaraguas, argumentierte Trübswasser abschliessend.
Wissen ist nicht gleich Wissen für alle
"Die weitverbreitete Meinung, daß das Wahre, das Gute, das Schöne in gleicher Weise wahr, gut und schön für alle sein müssen, wird von den gewaltigen politischen und ökonomischen Klassenkämpfen unserer Zeit immer wieder Lügen gestraft."
Mit diesem Zitat von Max Adler leitete Stefan Vater seinen Beitrag zur ArbeiterInnenbildung im Wien der Zwischenkriegszeit ein. Anhand von Beispielen arbeitete er heraus, dass Kultur und Wissen, nie für alle das Gleiche bedeuten könne, und damit immer politisch umkämpft seien. Nach 1918 habe sich eine sehr aktive ArbeiterInnenkultur in Wien entwickelt, die unter anderem durch unterschiedliche Bildungspraktiken und Institutionen mitgetragen worden sei. An der Volkshochschule in Ottakring habe es, zum Beispiel, Fachgruppen, gegeben, in denen philosophische Themen der Alltagsrealität der ArbeiterInnen diskutiert worden seien. Die LeiterInnen dieser Fachgruppen, meist AkademikerInnen, seien von den TeilnehmerInnen demokratisch gewählt worden. Das Besondere an diesen Fachgruppen sei gewesen, wie Vater in seinem Vortrag betonte, dass sie nicht vordergründig der Wissensvermittlung gedient, sondern die Wissensproduktionseinheiten der Volkshochschule gebildet hätten. Manche/r AkademikerIn, die/der an der Universität keine Anstellung gefunden habe, habe auch als WanderlehrerIn gearbeitet und Bildungsveranstaltungen direkt in den Fabriken organisiert. Im Zentrum dieser Bildungsarbeit sei, wie Vater herausstrich, die Entwicklung einer eigenständigen ArbeiterInnenkutur, eines Klassenbewusstseins gestanden. Mit der Machtergreifung der AustrofaschistInnen in Österreich hätten diese Aktivitäten jedoch ein jähes Ende gefunden.
Feministischer Freiraum
Im dritten Referat stellte Birge Krondorfer mit den Frauensommeruniversitäten eine feministische Alternative zum männlich dominierten Wissenschaftsfeld in Österreich vor. Diese entstanden erstmals in den 1970er Jahren in Deutschland. Es ging dabei darum, eine Form von Wissen und Wissenschaft zu fördern, die den Lebensrealitäten der Frauen gerecht wurde. In Österreich wurden solche Frauensommeruniversitäten fast jährlich von 1984 bis 1990 organisiert. Dabei seien, so Krondorfer, jeden Sommer in einem anderen österreichischen Universitätsort 300 bis 600 Frauen für eine Woche zusammengekommen, um gemeinsam zu einem bestimmten feministischen Thema Arbeitskreise, Workshops, öffentliche Aktionen und Diskussionen zu veranstalten. Mit diesen Veranstaltungen seien Frauen unterschiedlicher sozialer und regionaler Herkunft und unterschiedlichsten Alters angezogen worden. Auch im Organisationsteam hätten zahlreicher Konflikte zum Trotz, wie Krondorfer betonte, feministische Frauen aus unterschiedlichen politischen Richtungen für die Frausensommeruniversität gemeinsam gearbeitet. Finanzielle und organisatorische Unterstützung habe die Österreichische HochschülerInnenschaft geboten. Anfang der 1990er Jahre habe sich feministische Wissenschaft nach und nach an den Österreichischen Universitäten etabliert. Damit hätten die Frauensommeruniversitäten vorerst ein Ende gefunden. Jungen Feministinnen aus dem Umkreis der Österreichischen HochschülerInnenschaft sei es jedoch gelungen, mit der Organisation einer Frauenfrühlingsuniversität in Wien im März und April 2007 diesem Projekt neues Leben einzuhauchen, berichtete Krondorfer sichtlich begeistert.
Was macht eine Universität "von unten" aus?
Am Beginn der Diskussion versuchte ein Teilnehmer im Publikum Gemeinsamkeiten der drei Projekte herauszufiltern und davon ausgehend zu sammeln was nun eine Universität "von unten" ausmache: Demokratische Organsiation, Hinterfragen der dominanten Kultur, Entwicklung eigenständiger kultureller Praktiken, Anspruch in die Gesellschaft aktiv einzugreifen, Zusammentreffen von Gruppen über soziale Grenzen hinweg, Dezentralisierung etc. Dem setzten die PodiumsteilnehmerInnen geschlossen entgegen, dass solche Prinzipien nicht verallgemeinbar seien. Eher gelte es dem jeweiligen Kontext entsprechend vielfältige Praktiken und Projekte zu fördern. Außerdem müssten emanzipative Bildungsvorhaben, wie Vater betont, Teil einer umfassenden sozialen Bewegung sein, um Veränderungen in der Gesellschaft herbeiführen zu können.
Solche Projekte müssten, so Trübswasser, jedoch nicht unbedingt aus einem kritischen Anspruch heraus entstehen, so führten, wie man am nicarguanischen Beispiel sehe, auch konventionellere Bildungspraktiken zu massiven Verbesserung in der Lebenssituation von Bevölkerungsschichten. Dem hielt Vater ein Beispiel aus Wien zur Zeit der Industriellen Revolution entgegen, wo sich HandwerkerInnen widersetzten in das öffentliche Bildungssystem integriert zu werden, da sie dieses als für sie nicht angemessen erachteten.
Die sehr lange Diskussion streifte noch viele Aspekte. Zu einem gemeinsamen Schluss fand man nicht. Dafür wurden vielfältige Fragen für weiterführende Diskussionen aufgeworfen.
Der Autor studiert Soziologie in Wien.