Über Rassismus schreiben

Im Zuge der Veranstaltungsreihe ZARA:Talk sprach Hikmet Kayahan am
28.03.2007 im Depot mit der Journalistin Sonja Fercher von
derStandard.at über die Herausforderung, Rassismus in Worte zu fassen.
Zara:Talk ist eine Kooperation von ZARA und dem Depot, Plattform für Kunst und Diskussion. Hikmet Kayahan, Leiter der Beratungsstelle für Opfer und ZeugInnen von Rassismus bei Zara, ist mit ähnlichen
Problemen konfrontiert wie seine Gesprächspartnerin Sonja Fercher von der Redaktion des Online-Standard: Beide versuchen in ihrer täglichen Arbeit rassistische Zwischenfälle und Vorkommnisse "auf Papier" und somit in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Grund genug, eine eigene Veranstaltung zu diesem Thema ins Leben zu rufen, die die schwierige Gratwanderung zwischen journalistischer Neutralität und persönlicher Betroffenheit einerseits und Meinungsfreiheit sowie dem Vorwurf der Zensur andererseits thematisiert.

Auf die Frage, warum sie sich als Journalistin gerade dazu entschlossen habe, über das Thema (Anti-Rassismus) zu schreiben, antwortete Sonja Fercher, dass sie als in Österreich lebende Deutsche in den letzten Jahren nicht selten aufgrund ihrer Herkunft als "Piefke" beschimpft worden sei und somit einen – wenn auch im Vergleich zu anderen Alltagsrassismen kleinen – Eindruck dessen erhalten habe, was es heißt, in einem Land als "anders" wahrgenommen und so auch behandelt zu werden.

Bei einem derart heiklen Thema sei es, sagt Fercher, jedoch nicht immer leicht neutral zu bleiben. Sie sei darum bemüht, wenngleich sie davon überzeugt sei, dass es in der Berichterstattung keine Objektivität geben könne. Um jedoch die Artikel so ausgewogen wie möglich zu gestalten, würden Gespräche mit KollegInnen aber auch die in den Online-Foren geäußerte Kritik als Regulative dienen, die es ermöglichten, die eigene Arbeit jedes Mal aufs Neue kritisch zu hinterfragen.

Medienbilder Meinungsbildner?

Kritische Reflexion sei jedoch nicht nur bei der Formulierung der Texte geboten, sondern auch bei der Auswahl der mitgelieferten Bilder. Gerade bildliche Darstellungen würden sehr häufig Stereotype und Klischees aufgreifen, diese festschreiben und reproduzieren. Als Beispiel dafür nannte Hikmet Kayahan die Berichterstattung über den kürzlich veröffentlichten Rassismus-Report 2006. Warum zur Illustration des Themas gerade ein von hinten fotografierter schwarzer Mann gezeigt werden muss, der in Handschellen abgeführt wird, sei ihm ebenso schleierhaft wie der Umstand, dass Reportagen über den Islam meist mit kopftuchtragenden Frauen bebildert werden. Sonja Fercher meinte dazu, dass gerade beim Thema Rassismus ein positiv konnotiertes Bildarchiv notwendig wäre, um nicht selbst diesen Vorurteilen aufzusitzen. Gleichzeitig wies sie aber auch auf die berufliche Herausforderung als Journalistin hin, Artikel spannend aber nicht reißerisch, informativ aber nicht parteiergreifend zu gestalten.

"Kampf-Postings"

Bei der Auswahl der Themen, erhalte Sonja Fercher Anregung von ZARA oder anderen Organisationen, die interessante Fälle dokumentieren. Diese recherchiere sie weiter und hole über deren Hintergrund juristische Informationen ein. Dann würde sie mit allen beteiligen Personen, Gruppen oder Institutionen in Kontakt treten, um die divergierenden Meinungen einander gegenüberstellen zu können. Mit dem Vorwurf des Kampagnenjournalismus oder der parteigetreuen Berichterstattung sei sie des öfteren konfrontiert, mit persönlichen Angriffen nur äußerst selten. Falls doch, dann fänden sich derartige Kommentare immer häufiger in so genannten Online-Foren, die LeserInnen die Möglichkeit bieten, nach Wunsch anonym Lob oder auch Kritik zu äußern.

Wo fängt Zensur an und wo hört die Meinungsfreiheit auf?

Konstruktive Kritik und anregende Diskussionen fänden sich unten den Postings ebenso wie abwertende Äußerungen und rassistische Parolen. Besonders letztere würden von der Online-Redaktion oder von einem automatischen Erkennungssystem herausgefiltert und nicht veröffentlicht, allein schon deshalb weil die Zeitung für gewisse Inhalte hafte, so Fercher. Darüber hinaus möchte man radikalen Gruppen keine Plattform zu Verfügung stellen. Dennoch sei die Trennlinie nur schwer zu ziehen: Wo fängt Zensur an und wo hört die Meinungsfreiheit auf?

Hikmet Kayhan äußerte in diesem Zusammenhang die Vermutung, dass von gewissen UserInnen oder Gruppen gezielt "Kampf-Postings" mit erfunden Geschichten zu Propagandazwecken eingesetzt werden würden um (negative) Stimmung zu machen. Eine weitere Methode bestehe laut Fercher darin, Forum-Links mit dem Aufruf der Beteiligung gezielt an bestimmte Mailinglisten auszuschicken um die Diskussion in eine spezielle Richtung zu lenken. Bei all diesen Formen bewußter Manipulation von Diskussionsforen sei es trotz notwendiger Eingriffe (bei Morddrohungen, Beschimpfungen etc.) immer noch die beste Lösung, auf die Selbstregulierung des Diskurses in Form von Gegenargumenten der anderen UserInnen zu vertrauen.

Diversity Managment?

Nach dem Interview erhielt das Publikum die Möglichkeit, Fragen direkt an Sonja Fercher zu richten. Ein Gast wollte beispielsweise wissen, ob es beim Standard ein spezielles Konzept von "diversity management" gebe, das JournalistInnen mit Migrationshintergrund besonders fördere. Fercher meinte, sie arbeite zwar in ihrem eigenen Redaktionsteam mit einigen Personen nicht-österreichischer Herkunft zusammen, wisse jedoch nichts von derartigen Maßnahmen. Vielmehr hätten sich auch nicht besonders viele Menschen aus dieser Personengruppe für solche Stellen beworben.

Dies sei eine interessante Parallele zur Argumentationslinie der Wiener Polizei, erwiderte Hikmet Kayahan abschließend, die zeige, dass auch engagierten Personen aus der weißen Mainstream-Bevölkerung oft wichtige Aspekte des strukturellen Rassismus verborgen blieben. Die Hürden sind hoch und müssen durch Angebote und Förderungen umgeworfen werden.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.