Was bleibt von Freires Denken und Forschen? Wie prägt uns sein Denken heute noch? Wie kann die Idee der Transformation in Bildung und Forschung gelebt werden? Anlässlich Paulo Freires 20. Todestages kam es zu Reflexion, Austausch und Dialog über Freires Denken und dessen aktuelle Relevanz.
Praxis, Reflexion und Dialog.
Am Abend des 2.Mai 2017 lud das Paulo Freire Zentrum in den Alois-Wagner Saal im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung ein. Rund 50 an Freire interessierte und von seinem Denken inspirierte Menschen fanden sich ein, um die Ideen des inspirierenden Pädagogen zu beleuchten und von persönlichen Erfahrungen damit zu berichten.
Zu Beginn präsentierte Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums, die wichtigsten Stationen Freires Biographie. Danach gab Ulli Vilsmaier, Juniorprofessorin für transdisziplinäre Methoden, Einblicke in Freires Vision einer Forschung für Transformation. Außerdem zeigte sie die Impulse daraus auf ihr persönliches Forschen und Lehren auf.
Der zweite Teil der Veranstaltung startete mit Kurzstatements von Personen, die persönlich und/oder beruflich von Freire beeinflusst wurden. Der Abend klang mit dialogischen Zweier- oder Gruppengespräche und weiteren Reflexionen und Diskussionen an den Tischen aus.
Die Impulse Freires auf Forschen und Lehren.
Am Anfang ihrer Ausführungen ging Vilsmaier auf Forschen als Gemeinschaftsaufgabe, als „menschliches Existential“ ein. So könne die alltägliche, naive Neugierde durch Reflexion zur epistemologischen Neugierde werden. Jedoch dürfe man auch Wissenschaft im traditionellen Sinn nicht pauschal ablehnen. Die Art und Weise wie Forschung betrieben wird und Methoden zur Anwendung kommen sei ausschlaggebend. Scharf kritisieren müsse man die neuzeitliche Forschung aber hinsichtlich Enthumanisierung, denn wie Freire sagte: „Der Forscher, der im Namen wissenschaftlicher Objektivität das Organische in Anorganisches verwandelt, das heißt ein Werdendes in ein Seiendes, Leben in Tod, ist ein Mensch, der den Wandel fürchtet. (…) Er möchte den Wandel studieren – aber um ihn aufzuhalten und nicht um ihn anzuregen oder zu vertiefen (Vilsmaier zitiert aus Freire 1977, S.90).“
Diesbezüglich sprach Vilsmaier auch über einen Gegenentwurf zur emotionslosen Forschung und thematisierte die Verbindung von politischer und kultureller Arbeit mit wissenschaftlicher Praxis, denn „Wie viel ist davon geblieben, die politische Praxis mit forschender Praxis zu verbinden? Wie viel konnte sich durchsetzen und entfalten?“. Als Antwort auf diese Frage wies sie auf die technokratische Realität sowie die Notwendigkeit von Strategien und Maßnahmen zur Erhöhung von Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen hin.
Am Ende ihres rund 30-minütigen Vortrags stellte sie die Frage, inwiefern man als ForscherIn einen Beitrag zu einem Gegenentwurf zur klassischen institutionalisierten Forschung leisten könne, in den Raum.
„Ja, ich habe mich von Freire anstecken lassen…“
Geteilte Reflexionen aus zwei Jahrzehnten leiteten den zweiten Teil des Abends ein. 10 Personen, die in ihrem eigenen Tun von Freire geprägt sind, gaben in kurzen Statements wieder, wie sie freireanisches Denken in die Tat umsetzen und wie dieses ihre Arbeit beeinflusst. Die mit Freire und seinen Ideen gemachten Erfahrungen zeigten sich als breit gestreut und doch eng miteinander verbunden. Das dabei entstandene Mosaik einte Aspekte aus Politik, Bildung, Wissenschaft und ganz persönlicher Erfahrung. Ganz im Zentrum stand dabei die Idee der Selbstbefreiung der Unterdrückten – die zahlreiche soziale Bewegungen und Einzelpersonen inspiriert hatte.
So sprachen einige von Freire als politisches Vorbild, das die eigene gesellschaftliche Position nicht für Manipulation verwendet, sondern in den Dienst des Ringens um soziale Gerechtigkeit. Andreas Novy, Lehrender der Wirtschaftsuniversität Wien, meinte beispielsweise: „Was mich an Freire fasziniert ist, dass er zwar Teil der Mittelschicht war, aber sich trotzdem mit den einfachen Leuten verbunden fühlte. Das kannte ich aus Österreich nicht.“.
Auch Freires pädagogische Praxis sowie das Einbeziehen persönlicher Situationen und Positionen in die Forschungspraxis war ein wichtiger Punkt. „Wir können nicht alle Erfahrungen, Positionen und Emotionen die uns prägen vor der Tür lassen. Wir bringen das immer mit hinein“, so Clara John, eine Diplomandin der Internationalen Entwicklung.
Bezüglich praktizierter Bildungsarbeit im heutigen System kam das Fehlen von Pädagogik und die oftmals reine Reproduktion von Wissen zur Sprache. Die Theaterpädagogin Birgit Fritz merkte mit Hinblick auf Freires Ideen an, dass es sehr wohl „ein Unterrichtskonzept gibt, das nicht vortäuscht, fixe Weltbilder zu vermitteln, sondern Dinge in Frage stellt und die Welt als in Veränderung seiend begreift“.
Auch wurde von Freires Einfluss auf persönliche Entwicklung gesprochen. Diese Erfahrungen umfassten Begegnungen mit Menschen, das eigene Studium, persönliche Schicksalsschläge sowie der Glaube an die Hoffnung und die Menschheit „Ich habe Paulo Freire nicht über Texte kennengelernt, sondern über Menschen, die mit Paulo Freire beziehungsweise seinem Ansatz gearbeitet haben um eine gesellschaftliche Transformation zu schaffen“ , erzählte Philip Taucher, Ex-Praktikant des Paulo Freire Zentrums.
Freire in der heutigen Welt.
Nach dem letzten Kurzstatement reflektierten alle TeilnehmerInnen dialogisch an den fünf Tischen über die Themen des Abends und tauschten Ansichten und Ideen dazu aus. In angeregten Gesprächen thematisierten sie, was es in unserem Bildungssystem bedeute „anders“ zu sein und dass nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch eigenständiges Reflektieren und kritisches Denken gefördert werden solle.
Ein weiterer brennender Punkt waren aktuelle politische Entwicklungen, namentlich der Aufstieg der RechtspopulistInnen und die anscheinende Machtlosigkeit und Stagnierung linker Parteien. So gäbe es für letztere heutzutage kein eigenes soziokulturelles Milieu und dadurch keinen klaren Raum zum Gegendenken. Bezüglich des Populismusdiskurses war die Unterdrückung der ausgebeuteten Klasse und der Beitrag des Neoliberalismus dazu Thema.
Mit Blick auf die intensiven Gespräche, vollen Tische und belebte Atmosphäre lässt sich wohl sagen, dass Freire auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod die Menschen bewegt, inspiriert und prägt.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterlesen:
Anlässlich des 20. Todestages Paulo Freires am 2. Mai haben wir eine kleine Auswahl zur Nachlese über Freires Leben und Werk zusammengestellt – sieben Texte aus den 777 Texten auf unserer Website, in denen Paulo Freire genannt wird.
– Eine Kurzbiographie: https://www.pfz.at/article178.htm
– Zur Relevanz der Ideen Paulo Freires: https://www.pfz.at/article52.htm
– Befähigung zum Dialog. Paulo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“. https://www.pfz.at/index.php?art_id=387
– Demokratie ist mehr als eine politische Form. Paulo Freires „Erziehung als Praxis der Freiheit.“ https://www.pfz.at/index.php?art_id=426
– Paulo Freire respektieren und kritisch reflektieren. Kira Funke und unsere Veranstaltung von 5 Jahren zum 15. Todestag Paulo Freires. https://www.pfz.at/article1264.htm
– Paulo Freire heute. Eine Präsentation des Heftes 3 (2007) des Journals für Entwicklungspolitik (JEP). https://www.pfz.at/article632.htm
Latino TV Austria hat einen Kurzfilm von der Veranstaltung produziert – auch wenn leider in diesem Video aus dem „Paolo“ Freire zu Beginn am Ende dann ein „Pablo Freire“ wird…
Fotos:Marina Naomi Noack, © Paulo Freire Zentrum