Ein Semester an der politikwissenschaftlichen Fakultät in Belgrad ließ die Autorin Einblick in einen anderen Studienalltag nehmen.
Circa eine halbe Stunde benötigte ich jeden Tag, um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur politikwissenschaftlichen Fakultät (FPN Fakultet političkih nauka) zu gelangen. Abgelegen im Grünen, in einem der Außenbezirke Belgrads, befindet sich die FPN. In Stößen strömen die StudentInnen in die erst vor kurzem renovierte Fakultät. In modern eingerichteten Hörsälen lernen und hören sie ihre Vorlesung, die teilweise von ehemaligen DiplomatInnen oder in Serbien bekannten serbischen PolitikwissenschafterInnen gehalten werden.
Auch nach den Vorlesungen versucht die Fakultät ihren StudentInnen interessante Vorträge und Diskussionen über Politik zu bieten. Internationale Gäste werden eingeladen. BotschafterInnen und DiplomatInnen, WissenschafterInnen aus dem überwiegend europäischen Ausland besuchen die Fakultät und halten Vorträge oder bieten Workshops an. Zu ihnen zählte der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mit den StudentInnen und ProfessorInnen über weltpolitische Themen diskutierte.
Der Studienalltag der StudentInnen ähnelt dem österreichischen. Vorlesungen und Übungen, Seminararbeiten und Prüfungen bestimmen den Studienalltag. Obwohl die serbischen Universitäten den Ruf von langweiligen Vorlesungen und veralteten Methoden haben, hängt dies sehr von den Vortragenden ab. Die Inhalte der Vorlesungen konzentrieren sich jedoch stark auf die Reproduktion von Theorien und Wissen. Die Anwendung auf das Praxisfeld fehlt meiner Meinung nach. Selbstständiges und kritisches Denken wird nur am Rande gefördert.
Zudem wird laut neuem Hochschulgesetz multi- und interdisziplinäres Arbeiten gefordert. Die FPN hat vier verschiedene Studienzweige. Neben Politologie wird das Studium der Internationalen Beziehungen, Soziale Arbeit und Journalismus angeboten. Fächerübergreifende Vorlesungen bestimmen die Lehrpläne, die aber immer einen starken politikwissenschaftlichen Bezug haben.
Bologna in Serbien
Auch der Bologna-Prozess hielt Einzug in das serbische Universitätssystem und verspricht dem Land eine Annäherung an die Europäische Union. Die von Serbien im Jahr 2004 unterschriebene Bologna-Erklärung wurde bereits letztes Jahr an der politikwissenschaftlichen Fakultät implementiert. Ähnlich der Implementierung an österreichischen Universitäten, sorgen die Veränderungen für Verwirrung, die Curricula wurden mehrmals geändert.
Das serbische akademische Studienjahr wurde in zwei Semester aufgeteilt. Teilweisen werden Vorlesungen, die vorher auf ein Jahr ausgerichtet waren, in einem Semester abgehalten, was die Schwierigkeit der Abschlussprüfung und die Menge des Lernstoffs erhöht. "Die vier Jahre Diplomstudiengang müssen nun in den drei "Bachelorjahren" absolviert werden. Das heißt wir haben mehr Lernaufwand, unser Abschluss ist jedoch im Gegensatz dazu unterbewertet", berichtet ein Mitglied der StudentInnenvereinigung "TiMi".
Die soziale Selektion durch das serbischen Bildungssystems
Die Studiengebühren und das unzureichende Stipendiensystem sorgten wie in Österreich unter den Studierenden für Proteste und sind eines der sozialen Selektionskriterien in der serbischen Gesellschaft. Die Höhe der Studiengebühren variiert von Studiengang zu Studiengang. Während das Studium der Internationalen Beziehungen im Jahr 1050 Euro kostet, bezahlt einE ZahnmedizinstudentIn um die 2000 Euro.
Die Verfügbarkeit eines Studienplatzes bestimmt die Höhe der Gebühren. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 200 Euro im Monat können sich die meisten kein Studium leisten. Außerdem brechen viele Studierende ihr Studium demzufolge ab. Nur eineR von vier StudentInnen beendet das Studium in der vorgesehen Zeit. Ein Stipendiensystem für sozial schwache StudentInnen besteht nur im Ansatz. 30% der besten StudentInnen eines Jahrgangs bekommen die Studiengebühren erlassen, der Rest muss zahlen. Zudem ist es möglich eine monatliche Unterstützung des Staates von 60 Euro zu erhalten, was jedoch nur einem kleinen Teil der StudentInnen zukommt und die Lebenshaltungskosten bei weitem nicht abdeckt, sodass viele weiterhin bei ihren Eltern wohnen.
Das Studium durch einen Nebenjob zu finanzieren, ist für viele nicht möglich. Bis zu 29 Wochenstunden verbringen die Studierenden in der Universität. Hinzu kommen das Verfassen von Seminararbeiten und das Lernen für Prüfungen, die ein genaues Detailwissen erfordern. Zudem weisen die hohen Arbeitslosenzahlen (1/4 der Bevölkerung ist arbeitslos) darauf hin, dass es schwer ist, einen gut bezahlten Nebenjob zu finden.
Die Unterzeichnung der Bologna-Erklärung fordern neue gesetzliche Rahmenbedingungen und verändern die Studienpläne. Hohe Studiengebühren sorgen für Proteste und bringen die StudentInnen auf die Straße. Es lassen sich demnach Parallelen zwischen Österreich und Serbien herstellen, jedoch sollten sie in ihrem spezifischen Kontext gesehen und bewertet werden.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung. Im Sommersemester 2007 studierte sie an der politikwissenschaftlichen Fakultät in Belgrad, Serbien.