Spiritualität der Nachhaltigkeit für eine Utopie der besseren Welt

Eine Präsentation des Buches „Zukunftsfähig leben. Spiritualität und Praxis der Nachhaltigkeit.“ von Irene Freudenschuss-Reichl.

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Ein Foto des blauen Planeten ziert den Einband des kleinen Büchleins,
das Irene Freudenschuss-Reichl verfasst hat: Der Blick auf die Erde aus
der Perspektive des Alls ist ein häufig zitiertes Motiv, um die
Verletzlichkeit des Ökosystems zu illustrieren. Das Cover wird dem
Anspruch der Autorin gerecht, über die Welt als Ganzes zu sprechen.
Tatsächlich ist es ihr mit der von der für das Ansprechen sozial
heikler Fragen bekannten Katholischen Sozialakademie herausgegeben
Publikation gelungen, Fragen von Nord und Süd, von Arm undReich, von Zerstörung und Widerstand gegen die ökologische Katastrophe so klar zu thematisieren, wie dies in der offiziellen Entwicklungspolitik selten geworden ist. In der Entwicklungszusammenarbeit treffen wir oftmals auf eine fragmentierte Sicht der Welt. Es handelt sich gleichzeitig um ein persönlich gehaltenes und mutiges Buch. Die Autorin bezieht Stellung und definiert ihre politische Position aus ihrer christlichen Weltanschauung. Gerade hier stellt sich die Frage, ob christlich motiviertes politisches Engagement heute an die Tradition des politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit anknüpft oder sich an der Option für die Armen und der Theologie der Befreiung orientiert.

Das Büchlein verdient vor allem deshalb Aufmerksamkeit, weil die Autorin seit kurzem in der staatlichen österreichischen Entwicklungszusammenarbeit von Gewicht ist. Als Leiterin der Sektion VII im Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten ist sie für die 0,25% des BNP (Zahl 2004) verantwortlich, die der österreichische Staat für Entwicklungszusammenarbeit ausgibt

Nachhaltige Entwicklung und Spiritualität

Irene Freudenschuss-Reichl versucht, die spirituelle Tradition im Kontext der 2005 angebrochenen Dekade der "Bildung für nachhaltige Entwicklung" zu denken. Weil Ökologie und Entwicklung zusammenhängen, kann es bei der Frage der Nachhaltigkeit nicht nur um Primärwälder oder den Gewässerschutz gehen, sondern auch um Fragen der Verteilung zwischen Nord und Süd und zwischen Arm und Reich.

Im ersten Kapitel referiert die Autorin die Ergebnisse der mittlerweile langen Liste an internationalen Großkonferenzen, bei denen versucht wurde, die großen Fragen der Welt zu lösen. Bekanntlich sind die Erfolge dieser Konferenzen bis heute bescheiden. Was auf dem Spiel steht, skizziert die Autorin im zweiten Kapitel, eine knappe Zusammenfassung der bekannten und erschütternden Zahlen zu Armut und Ungerechtigkeit in der Welt. Als Zitat aus dem Fundus der Spiritualität orientiert sich dieser Abschnitt an den Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft, die hier aber nicht als esoterische Quellen der Heilsamkeit, sondern als allesamt reichlich verschmutzt vorgestellt werden. Zitiert wird, dass es angesichts dieser Entwicklungen "nicht nur um Armutsbekämpfung und menschliche Entwicklung gehen darf, sondern auch, und vielleicht vor allem, größere globale Gerechtigkeit in Bezug auf den Lebensstil in den Entwicklungs- und Industrieländern anzustreben ist" (S. 21).

Wider die Resignation

Das dritte, sehr knapp gehaltene Kapitel, verbindet die Begriffe Religion, Spiritualität und Nachhaltigkeit. Es gilt, so die Autorin, der Versuchung zur Resignation zu widerstehen. Persönlich gelebter Glauben und individuelle Spiritualität stellen für Freudenschuss-Reichl eine wichtige Triebfeder dar, um individuelle Spielräume für nachhaltiges Handeln auszunutzen. Dies wird im vierten Kapitel näher ausgeführt: "Zukunftsfähig handeln im Alltag" befasst sich mit Entscheidungen bei Essen & Trinken, beim Energiekonsum, im Verkehr, in Arbeit & Muße, in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, der Medien und der Zeit, die hier in ihrer politischen Dimension erfasst wird. Jeder Abschnitt enthält nicht nur konkrete Tipps zum nachhaltigen Handeln im Alltag, sondern auch ethische Herausforderungen für die Gestaltung des Gemeinwesens wie auch der großen Politik. Freudenschuss-Reichls Nachhaltigkeits-Grammatik versucht, die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen zu betonen, ohne vereinfacht der Individualisierung das Wort zu reden.

Kapitel fünf stellt folgerichtig die Frage, ob Reformen genügen. Die Formulierung provoziert die Ergänzung, ob eine "Nachhaltigkeitsrevolution" nötig ist "eine Frage, die Leserinnen und Leser persönlich beantworten möge" (S. 85). Reform und Revolution verkommen aber zu abgenützten Begriffen, wenn keine klare Analyse des Problemfelds vorgenommen wird. Warum und von wem wird Nachhaltigkeit nachhaltig behindert? Warum und von wem wird Hunger gemacht; wem nützt und wem schadet dies? Hier wird der Text vage und unverbindlich. Das Aussprechen der radikalen Worte bleibt dem Dalai Lama überlassen, der einzig "marginale Änderungen" kritisiert und meint, "dass die Wachstumsideologie als solche in Frage gestellt werden muss" (S. 87).

Das vorletzte Kapitel skizziert das "wie" der notwendigen Veränderungen, nämlich "Wir-Gefühl/Solidarität", "Partizipation (Empowerment)", "Subsidiarität", "Gewaltlosigkeit", "Vielfalt/Toleranz", "Win-Win statt Nullsummen-Spiel", "Natürlichkeit/Sicherheit (Vorsorge-Prinzip)" sowie "Neue Einfachheit/Dematerialisierung". Abschließend versucht die Autorin nochmals Mut zu machen und fordert, dass die "spirituellen und ethischen Werte, die jede/r Einzelne von uns leben will, [] sich in politischen und wirtschaftlichen Aktionen manifestieren" sollen (S. 105), um mit dem Satz zu schließen:

"Die Utopie einer besseren Welt für alle würde sich zu konkretisieren beginnen, wenn eine genügend große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern in den Industriestaaten sich entschlössen, zukunftsfähig zu leben, weil ihnen eine Spiritualität der Nachhaltigkeit unverzichtbar geworden ist."

Knapp an der Individualisierung des Übel vorbei

Freudenschuss-Reichl verfällt nicht in Einseitigkeit, alleine das Individuum für das Übel der Welt verantwortlich zu machen. Jedoch kann sie nicht darlegen, wie individuelles Verhandeln Strukturen von Unterdrückung und Umweltzerstörung verändern kann. Die spirituelle Tradition ist für manche Menschen ein Weg in Richtung nachhaltiger Entwicklung. Fest steht, dass mehr notwendig sein wird. Eine veränderte Lebensführung der Einzelnen ist eine Seite der Probleme, die Veränderung von Strukturen die Andere. Die Kunst der Politik besteht darin, dieses Spannungsverhältnis für solidarische Politik zu nutzen. Doch verleitet die Vorsicht die Autorin dazu, Probleme und Verantwortlichkeiten nur anzudeuten. Damit verliert sich aber der Bezugspunkt, wie mein eigenes Handeln ein Beitrag für eine bessere Welt wird.

Es ist vertrackt: Die Autorin demonstriert mit diesem Buch die Schwierigkeit jener, die zwar in den Strukturen über Macht verfügen, aber nur eine diffuse Vorstellung haben, mit wem und wie die verfestigten Strukturen der Ungerechtigkeit verändert werden können. Der Autorin hat den Mut, sich den großen Fragen zu stellen und Position zu beziehen. Damit beginnt sie eine Auseinandersetzung und begründet eine Kultur des Dialogs. Dies ist selten geworden und dafür ist Freudenschuß-Reichl zu danken, denn sie setzt sich damit der Kritik aus. Die tastenden Lösungsvorschläge machen entwicklungspolitisch Engagierten klar, dass auch die EntscheidungsträgerInnen über keine Patentrezepte verfügen. Die Lösungen sind nur möglich, wenn sich viele beteiligen und engagieren. Gemeinsam und voneinander zu lernen ist deshalb der erste Schritt für eine andere, bessere Welt.

Irene Freudenschuss-Reichl: Zukunftsfähig leben. Spiritualität und Praxis der Nachhaltigkeit. Wien: Katholische Sozialakademie, 2005. 114 Seiten. 9,80 . ISBN 3-9502007-0-3.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen.