Mit kritischen Überlegungen zum Konsumverhalten, Hintergrundinformationen zu einzelnen Unternehmen und fetziger Musik im Ohr durch die Mariahilferstraße. Am 25. September 2008 startete eine kleine Gruppe einen Testlauf der von Baobab erarbeiteten Audioguided Shoppingtour.Bunt gemischt ist die 10-köpfige Runde, die sich am Donnerstag Nachmittag im Cafe Ritter zusammenfindet, um unter der Leitung von Heide Tebbich (Baobab) eine neue Methode zur KonsumentInnenbildung auszuprobieren. Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien produzierte Baobab eine ortsunabhängige Audiotour mit fünf Stationen. Der Testlauf am 25.9. stellte den zweiten Teil der Stadtspaziergänge Freireanische Bildung und Globales Lernen des Paulo Freire Zentrums dar. Die mehrstündige Tour richtet sich eigentlich an Schulklassen und kann mit einem(r) TrainerIn der Arbeiterkammer durchgeführt werden.
Zu Besuch bei H&M
Nachdem anfängliche technische Schwierigkeiten größtenteils überwunden sind, beginnen wir, in zwei Gruppen aufgeteilt und mit mp3 Playern ausgerüstet, unsere etwas andere Einkaufstour. Peppige Musik und Gedanken über die identitätsstiftende Funktion von Kleidung begleiten uns zum ersten Stopp bei H&M. Der vorwiegend auf weibliche Konsumentinnen abgestimmte, abwechslungsreich gestaltete Teil bietet zahlreiche Informationen zum Unternehmen, O-Töne Jugendlicher und Gedanken zum Thema Idealmaße und Essstörungen. Das Konzept der Corporate Social Responsibility wird erwähnt; ebenso die Tatsache, dass H&M die sozialen und ökologischen Standards während der Produktion nicht immer einhält. Als alternative Handlungsmöglichkeit wird die Clean Clothes Kampagne vorgestellt. Dennoch ist die Darstellung von H&M insgesamt überraschend positiv.
Einkehr bei McDo
Kritischer geht es bei der wohl bekanntesten Fast Food Kette zu. Zwar sind wir nicht in New York, wo alle 400 Meter ein McDonald’s zu finden ist, dennoch erfreuen sich auch bei uns McChicken und Co größter Beliebtheit. Die weltweit höchsten Werbeausgaben scheinen sich bezahlt zu machen. Von der Gefahr der „McDonaldisierung“, der Bedrohung der traditionellen Esskultur, der Abholzung des südamerikanischen Regenwaldes für die Beschaffung von Weideland für Rinder und den mageren Einkommen der KartoffelproduzentInnen wird gesprochen. Unser Audio Guide fordert uns auf, Atmosphäre, Architektur und Kundschaft zu beobachten. Ist es die Anonymität, der fehlende Dresscode, die kurzen Wartezeiten, das etwas amerikanische Flair oder doch der unverwechselbare Geschmack des Burgers, welcher dem gelb-roten Restaurant seine Anziehungskraft verleiht?
Der Weltladen
Das Audiofile zum Weltladen startet mit Panflötenmusik, die sich auffällig von der restlichen Musik abhebt sie entführt uns scheinbar in eine gänzlich neue Konsumwelt. „Beobachte, welche Menschen den Weltladen besuchen“, fordert uns die Männerstimme auf. Bezeichnenderweise stehen wir anfangs alleine zwischen den bunt arrangierten Regalen. Obwohl im Einkaufsdurcheinander bei H&M optimal mit unseren coolen Nackenkopfhörern als „normale“ Shopper getarnt, wird uns spätestens hier so manch kritisch fragender Blick geschenkt. „Fair Trade Not Aid“ ist das Motto der Weltläden. Und dennoch sehen viele Menschen im fairen Preis eine Art Spende. Kritisch hinterfragt der Audio Guide das Konzept und seine Beziehung zum freien Handel.
Vom hektischen Treiben der Mariahilferstraße verwirrt und wohl doch nicht so vertraut mit den Standorten der zahlreichen Geschäfte, laufen wir glatt an unserem vorgesehenen nächsten Halt Peek & Cloppenburg vorbei und wenden uns aufgrund zeitlicher Knappheit sogleich der letzten Station zu.
„Just Do It“
Auch im Nike Store ziehen wir skeptische Blicke seitens der VerkäuferInnen auf uns. Von nicht angemessenen Löhnen, der Sklavenarbeit in Südostasien und den erfolgreichen Marketingkonzepten des weltweit größten Sportartikelherstellers wird erzählt. Die Stimme fordert uns auf, den teuersten Sneaker anzuprobieren, um uns von der Wahrhaftigkeit des versprochenen federnden Ganges zu überzeugen. Verleiht er uns tatsächlich die Eleganz, die afroamerikanischen SportlerInnen so hartnäckig zugeschrieben wird? Geschichten über und Erzählungen von dunkelhäutigen Athleten zeigen abschließend die zahlreich vorhandenen rassistischen Vorurteile und sozialen Spannungen auf.
Conclusio
Bei der gemeinsamen Nachbesprechung werden persönliche Erfahrungen, kritische Anregungen und positives Feedback ausgetauscht. Wie im Film komme man sich, laut einem Teilnehmer, mit den Kopfhörern vor, die einem einen distanzierten Blick verleihen. Der moralische Zeigefinger halte sich zwar gut zurück, aber könne es stellenweise nicht doch etwas kritischer sein? Abgesehen von der Clean Clothes Kampagne fehle es an einer Vorstellung weiterer alternativer Handlungsmöglichkeiten. Die komplexe Diskussion über den Weltladen allerdings setze eine Kenntnis der Jugendlichen über Fair Trade voraus und die in diesem Falle allzu kritische Botschaft verwirre mehr, als dass sie aufkläre.
Die Runde ist sich einig, dass es ausreichend Zeit bedarf, um die informationsreiche und interaktive Tour voll auszunützen, möchte man auch den unterschiedlichen Aufforderungen von Sneaker und T-Shirt Probieren über VerkäuferInnen-Gespräche nachkommen. Sie fordert auch einiges an Konzentrationsvermögen, um dem Gesprochenem trotz Hintergrundgeräuschen und eventuellen Kaufversuchungen zu folgen. Alles in allem findet die innovative und technisch jugendadäquate Methode allerdings großen Anklang. Sie bietet eine interessante und unterhaltsame, aber dennoch informationsreiche Möglichkeit, das tägliche Einkaufen zu hinterfragen.
Zum Angebot der Audioguided-Shopping-Tour der Arbeiterkammer Wien.