Rezension: Zur Reform des Kindergartens – elementarpädagogische Wende oder humankapitalistische Inwertsetzung?

Selten steht die Arbeit in Kindergärten im Rampenlicht der medialen Berichterstattung – zu Unrecht. Die 169. Ausgabe des Schulhefts widmet sich Fragen nach aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen in diesem Bildungsbereich.
Das Wesen der Elementarpädagogik hat heutzutage mit vielen Problemen zu kämpfen – Mangel an Fachkräften, unangemessene Bezahlung in vielen Bereichen, hohe Verantwortung und wenig Anerkennung der damit verbundenen beruflichen Tätigkeit. Forderungen nach adäquater hochschulmäßiger Ausbildung blieben in Österreich bisher unerfüllt. Die Rahmenbedingungen für die Arbeit in Kindergärten werden in Österreich auf Länderebene geregelt, es gibt also neun verschiedene Ländergesetze, welche die Bezahlung der Pädagog*innen oder etwa die Gruppengröße bestimmen. Im hier besprochenen Schulheft versuchen die Autor*innen, Debatten um Herausforderungen und Lösungsansätze in der Elementarpädagogik wieder stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken.

Der Bildungsauftrag von Kindergarten und Schule im Lichte zunehmender Ökonomisierung.

Heike Deckert-Peaceman zeichnet in dem Artikel „Was heißt Anschlussfähigkeit?“ ein klares Bild, wie sich zwei – auf den ersten Blick ähnliche – Bildungseirichtungen, wie der Kindergarten und die Schule in Deutschland, zueinander verhalten. Es scheint naheliegend, Kindergarten und Schule so zu verbinden, dass die Kinder fließend von einer in die andere Institution übergehen können. Dieser Übergang läuft jedoch nicht immer reibungslos: Oft wird der Kindergarten beendet und anschließend ein neuer, unabhängiger Lebensabschnitt begonnen, in welchen die Kinder kaum vorbereitet hineinrutschen. Die Herangehensweisen, Curricula und Erwartungen an die Kinder liegen in Kindergarten und Schule oft weit auseinander. Diese Entwicklung sei seit den 1960er bis 1970er Jahren zu beobachten. „Man hat es versäumt, Kindergarten und Grundschule gleichrangig zu etablieren (Status, Ausbildung, Bezahlung, Besuchspflicht, curriculare Verbindlichkeit) und auf diese Weise zu den führenden OECD-Ländern aufzuschließen“ (Heike Deckert-Peaceman, S.10).

Die aktuellen Entwicklungen im Elementarbereich würden versuchen, Dialog und Kooperationen zwischen den beiden Organisationen zu fördern. Heike Deckert-Peaceman plädiert in Schule wie in Kindergarten für „eine gemeinsame Abwehr des Rationalitätsmythos vom Hochleistungslerner“ (S. 17) „Kindergarten und Grundschule sollten sich dafür einsetzen, den Raum für die Unverfügbarkeit kindlichen Lernens wieder herzustellen – nicht im Sinne eines naiven reformpädagogischen Pathos, sondern als Errungenschaft zivilisatorischen Miteinanders und als Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Demokratie“ ( Heike Deckert-Peaceman, S.17).

Ein Abriss der historischen Entwicklung der Institution Kindergarten in Österreich.

Im Artikel „Das österreichische Kindergartenwesen – Blick in die Geschichte und die aktuellen Diskussionen“ beschreibt die Soziologin und Pädagogin Heidemarie Lex-Nalis die Geschichte des österreichischen Kindergartenwesens von seinen Anfängen bis heute. 1830 gründete der jüdische Kaufmann Wertheimer eine „Bewahranstalt“ für Kinder in Wien (S.20). Unter Friedrich Fröbel 1840 enstand der Begriff „Kindergarten“: In diesen Einrichtungen wurde die professionelle Erziehung ergänzend zur sogenannten „Muttererziehung“ angeboten. Nach dem 1. Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie wurden in Wien die ganztägigen Volkskindergärten im Geiste der sozialistischen Erziehung eingeführt, während die anderen Bundesländer von halbtags geöffneten sogenannten „Normalkindergärten“ geprägt waren, in welchen der Fokus im Sinne Fröbels auf professionelle Erziehungsergänzung zum Zuhause (S.24) gelegt wurde. Im Nationalsozialismus wurden schließlich alle Kindergärten unter der Ägide der nationalsozialistischen Partei geführt. Nach 1945 bis in die 1980er Jahre wurde die pädagogische Entwicklung im österreichischen Kindergartenwesen durch Ministerialrätin Dr. Agnes Niegl geprägt. „Niegl war Mitbegründerin des Katholischen Akademikerverbandes und wurde 2008 vom Religionsjournalisten Peter Pawlowsky als „politische Katholikin“ bezeichnet (Pawlowsky 2008, S. 15).“ (S.25) Sie steuerte 30 Jahre lang gemeinsam mit der Caritas Oberösterreich und dem Interdiözesanen Amt für Unterricht und Erziehung die Entwicklung des österreichischen Kindergartenwesens und beeinflusste dieses nachhaltig. In den 1960er Jahren wurde mit der Errichtung der Pädagogischen Akademien die Entkoppelung der Kindergärtner*innenausbildung von der Lehrer*innenausbildung zementiert (S.26). Nach dieser Zeit wurden Debatten um das Kindergartenwesen zu einer Seltenheit.

Aktuelle Studien und Tendenzen.

Anfang der 2000er wurden die Ergebnisse der PISA-Studie (Internationale Schulleistungsstudie der OECD) bekannt, die für Österreich die Notwendigkeit weitreichender Reformen unmissverständlich darlegten. Als Reaktion darauf wurden Sprachförderprogramme entwickelt und finanziert, 2009 wurde der erste bundesweite „BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen“ herausgegeben. 2010 wurde das verpflichtende Kindergartenjahr eingeführt, und seit derBildungsreform 2016 erhielt der Kindergarten wieder einen Platz in der Bildungspolitik.

Interessante Ergebnisse aus der Studie „Migration und Mehrsprachigkeit“ (MIME) präsentiert Barbara Herzog-Punzenberger im Beitrag „Kindergartenbesuch in Österreich: Unterschiede in der Nutzung nach Herkunftsgruppen“. Sie untersucht dabei Zusammenhänge zwischen der Dauer des Kindergartenbesuchs und dem Herkunftsland der Eltern. Die Ergebnisse zeigen größere Differenzen innerhalb der untersuchten Herkunftsgruppen (je nach Aufenthaltsdauer der Familien in Österreich) als zwischen den einzelnen Gruppen aus Russland, Türkei, Bosnien, Serbien, Philippinen, Kroatien und Ungarn.

Bernhard Koch zeigt in seinem Beitrag „Herausforderungen für den Kindergarten als „Lernort für Demokratie““, den Kindergarten als Ort von Selbstbestimmung und Gemeinwohlorientierung (Koch, S.50). Jedes Kind hat Rechte und diese Rechte müssen entsprechend unserer demokratischen Prinzipien berücksichtigt werden. Julia Seyss-Inquarts Diskursanalyse verortet einen Wandel der Verantwortung innerhalb der Institution, bis sichtbar wird „dass im politischen Sprechen die Ermöglichung der Verantwortungsübernahme durch die Kinder und Pädagog*innen zentral wird“ (Seyss-Inquart, S. 72).

Mit ihrer Artikelauswahl gelingt es der Redaktion dieser Schulheft-Ausgabe, über die Bearbeitung einer Vielfalt an Themen ein Bewusstsein für die zentralen Anliegen einer emanzipatorischen Elementarpädagogik zu schaffen. Die Forderung nach einem Verständnis des Kindergartens als Bildungsinstitution und nicht als Betreuungseinrichtung bildet dabei die Basis für Debatten um Chancengleichheit und Bildungsziele. Da die Autor*innen in ihren Ausführungen neoliberale Überlegungen zu Investitionen in Kinder als Humankapital zurückweisen und ihren Fokus stattdessen auf Demokratisierung und Humanisierung als Hauptaufgaben des Kindergartens legen, stellt dieses Schulheft eine bedeutende Alternative zu vielen von ökonomischem Kalkül geprägten Publikationen in der Bildungsforschung dar. Alle Beiträge zeigen, dass das Thema „Kindergarten“ viele Fragen und Debatten aufmacht. Wir müssen diese erforschen, definieren und beleuchten. Nur so wird die Entwicklung nicht nur in der Elementarpädagogik voranschreiten, sondern auch in anderen Bereichen der Bildung.

Diese Rezension entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

Schulheft 169: Zur Reform des Kindergartens – elementarpädagogische Wende oder humankapitalistische Inwertsetzung?

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen.