Das österreichweite Kunst- und Kulturfestival onda latina stellte sich den Anspruch, „soziale Realitäten und differenzierte Bilder lateinamerikanisch-karibischer Lebenswelten einem breiten Publikum“ näherzubringen. Ob und wie dieser Anspruch eingelöst wurde, untersuchte ein StudentInnenkollektiv mit Unterstützung des Paulo Freire Zentrums. Vom 20. April bis zum 4. Juni 2006 präsentierten KünstlerInnen aus Lateinamerika und der Karibik sowie in Österreich lebende KünstlerInnen mit migrantischem Hintergrund aktuelle Kunst aus Musik, Literatur und Bildender Kunst, um „zur Auseinandersetzung mit diesem Kontinent“ anzuregen und einen „Impuls zur nachhaltigen Bewusstseinsbildung in Österreich“ zu geben. Auch Kinder und Jugendliche wurden in das vielfältige Programm eingebunden, verschiedene Workshops sollten globales Lernen ermöglichen.
onda latina wurde von kulturen in bewegung, Südwind und dem Lateinamerika Institut veranstaltet. Unmittelbaren Anlass bot das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs und -chefinnen aus Lateinamerika und der Karibik und der Europäischen Union vom 11.-13. Mai 2006 in Wien.
Bildung als Praxis der Freiheit.
onda latina als Praxisfeld für StudentInnen der Internationalen Entwicklung: Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Bildung als Praxis der Freiheit. Transdisziplinäre Entwicklungsforschung II“ bildeten StudentInnen Forschungszellen, um onda latina mit Paulo Freires Konzepten von Bildung, Praxis und Freiheit zu konfrontieren. Die öffentliche Präsentation der Ergebnisse fand am 21. Juni 2006 im Europasaal des Lateinamerika Instituts (LAI) statt.
Reflexionen.
Die meisten onda latina-OrganisatorInnen fanden sich am Mittwoch, dem 21. Juni, zur dreistündigen Präsentation von Beobachtungen und Recherchen zu onda latina im LAI ein, um sich einer kritischen Auseinandersetzung zu stellen. Nach einleitenden Worten von Gerald Faschingeder, Lehrveranstaltungsleiter und Direktor des Paulo Freire Zentrums, spannten die StudentInnen einen breiten Bogen, der so unterschiedliche Themen umfasste, wie „Die onda latina-Website im Praxistest“, „Die Präsenz der Frauen in onda latina“ und „Onda Freiriana 200X? Eine Frage der Aktualität Paulo Freires Gesellschaftsbilds in den Strukturen von onda latina“.
Letztgenannte Gruppe analysierte onda latina anhand Freires Modell einer dialektischen Unterdrücker-Unterdrückten-Gesellschaft und schlussfolgerte, dass aufgrund der Mehrdimensionalität und Multipolarität des komplexen Bezuggeflechts onda latina, eine Modifizierung des Modells notwendig sei. Ein von den StudentInnen aufgeführtes Schauspiel verdeutlichte die vielfältigen Einflüsse, die auf onda latina wirken. Faktoren, wie Zeit, Geld, Ideologie der OrganisatorInnen und deren Dachorganisationen, künstlerische Freiheit und Eigenständigkeit der KünstlerInnen, etc., prägen und beeinflussen ein Kulturfestival dieser Größenordnung nachhaltig, was eine klare Unterscheidung in UnterdrückerInnen Unterdrückte nicht zulässt. In der Folge entwickelte sich eine Diskussion über die Notwendigkeit eines „Rahmens“ für ein Festival wie onda latina. Eine der OrganisatorInnen formulierte treffend, dass im Vorfeld eine gemeinsame Reflexion über die Bedeutung von Formulierungen, wie „sozialen Realität“, notwendig gewesen wäre. Der Anspruch, soziale Realitäten Lateinamerikas zu vermitteln, erfordere Klarheit und Einigkeit darüber, was darunter zu verstehen sei. Sie plädierte auch für eine gemeinsame ideologische Ausrichtung, damit klar sei, womit sich die onda latina-OrganisatorInnen identifizieren und wofür sie stehen. Gegenstimmen betonten die Chancen und Möglichkeiten, die durch eine durchaus erwünschte und forcierte Vielfalt an Meinungen, Ideologien und politischen Ausrichtungen entstünden.
Kritik übten die StudentInnen vor allem an jenen Veranstaltungen, die dem politischen und gesellschaftskritischen Anspruch des Festivals nicht gerecht wurden und durch die Betonung folkloristischer Elemente gängige Stereotype reproduzierten, anstatt sie zu dekonstruieren. Leicht bekleidete Sambatänzerinnen voll „lateinamerikanischer Lebenslust“ stehen an dieser Stelle stellvertretend für jene Darbietungen, die keine kritische Auseinandersetzung mit Lateinamerika als geographische und/oder kulturelle Region ermöglichten. Interessant war in diesem Zusammenhang der Einwurf einer Organisatorin, ob Folklore nicht genauso eine Realität Lateinamerikas sei. Sie argumentierte, dass eine Reduzierung lateinamerikanischer Kunst auf politische Kunst nicht zulässig sei und die OrganisatorInnen bei einer derartigen Selektion ein unzureichendes Bild der künstlerischen und kulturellen Praxis Lateinamerikas zeichnen würden.
Diesem Einwurf geht noch eine andere, grundlegende Problematik voraus, die „Lateinamerika“ als solches in Frage stellt. Was macht Lateinamerika aus? Gibt es eine lateinamerikanische Identität, können wir überhaupt von „lateinamerikanischer Kunst“sprechen? Dieses Spannungsfeld zeigt Schwierigkeiten und Widersprüche auf, die es sich bewusst zu werden gilt. Stetige Selbstreflexion und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit diesen Widersprüchen sind notwendig, um die Herausforderungen, die ein Kunst- und Kulturfestival, wie onda latina, mit sich bringt, anzunehmen, differenzierte Sichtweisen zu entwickeln und „über den Rahmen hinauszublicken“. So kann man sich Bildung als Praxis der Freiheit annähern.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Sie war im Sommersemester 2006 Tutorin der Lehrveranstaltung „Bildung als Praxis der Freiheit“.