Bildung wird oft als Sprungschanze für Entwicklung gesehen, aber gilt das für alle? Nichtregierungsorganisationen (NGOs) stehen vor vielen Herausforderungen in ihren Bildungsprojekten im globalen Süden, denn die Erfahrungen zeigen, dass Bildung nicht immer die Lösung für „Entwicklungsprobleme“ ist. Am 28. April 2015 lud die Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“1 zu einer Fachwerkstatt im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung ein, um diese Herausforderungen zu reflektieren. Engagierte von zwölf entwicklungspolitischen Organisationen trafen sich, um ihre Erfahrungen mit Bildungsprojekten im globalen Süden auszutauschen.
BildungspraktikerInnen im Dialog
Unter den TeilnehmerInnen waren ForscherInnen, Projekt- und BildungsreferentInnen und MitarbeiterInnen von Geberorganisationen. Der über 15 Jahre in der österreichischen Enwicklungszusammenarbeit (EZA) tätige Friedbert Ottacher moderierte den Tag.
Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) begrüßte die Gäste: Im Anschluss an den vorabendlichen Vortrag über Bildung und Entwicklung mit dem Bildungsexperten Xavier Bonal (Uni Barcelona) sei diese zweite, an PraktikerInnen der EZA gerichtete Veranstaltung zu Bildung ganz im Sinne Paulo Freires. Theorie und Praxis sollen verbunden und zusammen gedacht werden.
Bildung kann fördern, aber auch exkludieren
Die Forscherin Margarita Langthaler (Österreichische Forschungsstiftung für Entwicklungsforschung, ÖFSE) gab einen Überblick des aktuellen Diskurses über Bildung in internationalen Organisationen und deren Zielsetzungen in der EZA. Bildung werde als ein Katalysator für Entwicklung gesehen. Die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) habe 1990 im Rahmen von Education for All Ziele für Bildung im globalen Süden, wie frühkindliche Bildung und Alphabetisierung formuliert. Ab dem Jahr 2000 wurden in den MDGs (Millenium Development Goals) der UNO zwei Ziele der Bildung gewidmet: Universelle Primärschulbildung und Geschlechtergleichstellung. Im September 2015 sollen die neuen Entwicklungsziele der UNO beschlossen werden. Diese neuen Ziele, die SDGs (Sustainable Development Goals) geben eine inklusive und gleiche qualitative Bildung und lebenslanges Lernen für alle vor.
Der Anspruch der Bildungsziele habe sich jedoch mit der Zeit gewandelt: Es reiche nicht mehr, dass möglichst viele Kinder in die Schule gingen, denn das sage nichts über die Lernerfolge aus. Außerdem hätten sich die Akteure der Bildung im globalen Süden geändert: Der Einfluss der Weltbank sei geringer geworden, dafür seien nun die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development), die Zivilgesellschaft und private Akteure stärker beteiligt. Letztere könnten problematisch sein, da Bildung ein öffentliches Gut sein solle und eine Privatisierung zu mehr Ungleichheiten führe. Kinder, deren Eltern mehr Geld für Bildung ausgeben können, werden von mehreren LehrerInnen in kleineren Klassen mit besseren Lernmaterialien betreut und sind anderen daher in weiteren Bildungsinstitutionen voraus – auch auf dem Arbeitsmarkt. So werden gesellschaftliche Ungleichheiten fortgesetzt und verstärkt. Alle Beteiligten müssten sich bewusst sein, dass Bildung auch ausgrenzen kann.
Beteiligte vor Ort einbeziehen statt „Bildungsexport“
In Form eines „Marktplatzes“ stellten die PraktikerInnen mithilfe von je einem selbst gestalteten Plakat eigene Bildungsprojekte vor und unterhielten sich über Konzepte, Prioritäten, und Entwicklungen ihrer Projekte.
Anschließend reflektierten die TeilnehmerInnen gute und schlechte Erfahrungen ihrer Arbeitspraxis in Bezug auf Bildungsprojekte im globalen Süden. Wichtige Erfolgsfaktoren seien, die Beteiligten vor Ort einzubeziehen und Projekte in das vorhandene regionale Bildungssystem einzubinden. Die PartnerInnen kennen den eigenen Bedarf und das Wissen über best practice sei bereits vorhanden. Süd-Süd Austausch, also Zusammenarbeit bei Bildung zwischen Ländern des globalen Südens untereinander sei sehr wünschenswert. Vermieden werden sollen Fehler wie einen top-down „Bildungsexport“ und Innovationsscheuheit, aber auch langweiliger Frontalunterricht.
Was brauchen Süd-PartnerInnen tatsächlich? Was melden sie zurück?
Viele berichteten, dass Süd-PartnerInnen neben Geld und Infrastruktur auch Erfahrungsaustausch und mehr Bezug der Projekte zum jeweiligen Kontext, sowie weniger Bürokratie, nachfragten. Die PraktikerInnen fragten sich, inwiefern Süd-PartnerInnen Projekte von Nord-PartnerInnen umsetzen, nur um deren Vorstellungen gerecht zu werden, obwohl sie vielleicht im Kontext gar keinen Sinn machen. Die Anwesenden beschäftigte auch, wie viel Einfluss lokale Bildungskräfte hätten und wie man Raum für alternative Methoden schaffen könne. Eine Herausforderung bleibe die Messbarkeit von „Bildungserfolgen“.
Ein weiteres Anliegen war, Bildung in ein größeres Ganzes einzubetten. Die TeilnehmerInnen diskutierten darüber, ob hinter den Bildungsprojekten theoretische Konzepte, aus den Entwicklungstheorien und der Pädagogik stehen.
Bildung sei nie objektiv, so der Einwurf von Margarita Langthaler. Daher sei es besser, die impliziten Werte hinter Bildungsprogrammen nicht zu verschleiern, sondern sie zu benennen.
Zukunft der Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“
Abgerundet wurde die Fachwerkstatt mit Wünschen an die Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“. Viele der Anwesenden interessierten sich dafür, Raum für Begegnung und Reflexion zu schaffen, sowie für einen Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie wünschten sich eine weitere Veranstaltung, um aufgeworfene Fragen zu vertiefen. Alle waren sich einig, das Thema Bildung „am Köcheln zu halten“, gemeinsame Anliegen zu bündeln und weiter zusammen aktiv zu sein.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
1 Die Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“ ist eine offene Arbeitsgruppe österreichischer Organisationen, die sich für Bildungsgerechtigkeit in globaler Perspektive einsetzen. Derzeit wird sie getragen von: Bundesjugendvertretung, Jugend eine Welt, Kindernothilfe Österreich, Licht für die Welt, ÖFSE, Paulo Freire Zentrum, Südwind Agentur.
Hier können Sie das Fotoprotokoll mit den Plakaten, die bei der Fachwerkstatt erarbeitet wurden, als pdf downloaden: Fotoprotokoll Fachwerkstatt Bildungsprojekte im Globalen Süden 28_04_2015.pdf (1.84 MB)
Weiterführende Links:
Mitglieder der Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“:
– Bundesjugendvertretung: https://www.bjv.at/
– Jugend eine Welt: https://www.jugendeinewelt.at/
– Kindernothilfe Österreich: https://www.kindernothilfe.at/
– Licht für die Welt: https://www.lichtfuerdiewelt.at/
– ÖFSE: https://www.oefse.at/
– Südwind Agentur: https://www.suedwind-agentur.a
Weitere Teilnehmende Organisationen der Fachwerkstatt:
– ADA: https://www.entwicklung.at/
– ARISE Foundation Uganda: https://www.arisefo.org/
– Brot für die Welt: https://www.brot-fuer-die-welt.at/de/leitbild
– Dreikönigsaktion: https://www.dka.at/home/
– Horizont 3000: https://www.horizont3000.at/
– Ottacher Development Consulting: https://www.ottacher.at/
– Verein A*Stern: https://www.astern.at/