Im Rahmen einer Vortragsreihe zur Politischen Erwachsenenbildung sprach Gertraud Diendorfer am 11. November über die politischen Interessen von österreichischen Jugendlichen, alternative Formen der politischen Partizipation und den hohen Stellenwert von politischer Bildung.
24,5% der Jugendlichen in Österreich geben an, grundsätzlich politisch interessiert zu sein das stellte Gertraud Diendorfer vom Demokratiezentrum Wien am Anfang ihres Vortrages im Institut für Wissenschaft und Kunst in den Raum. In der herangezogenen Studie stellte sich außerdem heraus, dass weibliche Jugendliche und HauptschülerInnen in geringerem Maß an Politik interessiert seien als männliche Jugendliche und höher Gebildete. Dieser geschlechtsspezifische Unterschied, so Diendorfer, lasse sich mit der in Österreich vorwiegend männlich dominierten politischen Bühne erklären.
Online-Postings und Blogs als neue politische Medien
Das Hauptinteresse der Jugendlichen liege laut Diendorfer bei Medien und Jugendrechten, wogegen sie die österreichische Politik und das politische System im Allgemeinen weniger spannend fänden. Online-Postings, Blogs und die Teilnahme an Demonstrationen und politischen Events würden zu den beliebtesten politischen Aktivitäten der Jugendlichen zählen.
Die Referentin merkte zu dieser Bestandsaufnahme an, dass bei der Interpretation solcher Umfragen sehr auf die verschiedenen Sichtweisen von Politik geachtet werden müsse. Oft werde der Begriff Politik von den Befragten ausschließlich mit Parteipolitik assoziiert, wovon sich viele Jugendliche eben weniger angesprochen fühlen würden.
Zusammenfassend könne man laut Diendorfer also Folgendes beobachten: Politikdistanz bei Jugendlichen lässt sich durch Bildungsferne, geschlechtsspezifische Unterschiede und verschiedene Sichtweisen von Politik erklären. Grundsätzlich seien Jugendliche sehr wohl interessiert an politischer Partizipation, sie würden dafür aber andere Formen der politischen Beteiligung wählen.
Wie kann politische Partizipation gefördert werden?
Um diese Frage zu beantworten, stellte Diendorfer zuerst klar, dass die politische Sozialisierung von Jugendlichen hauptsächlich in der Familie, in der Schule und durch die Medien stattfinde.
Die Familie spiele oft unbewusst eine bedeutende Rolle, vor allem das Wahlverhalten der Eltern werde oft von den Kindern übernommen. Auch die Medien seien von großer Bedeutung hier strich Diendorfer besonders den hohen Stellenwert des Fernsehens als politische Informationsvermittlung heraus. Problematisch am Fernsehen sei jedoch die sehr oft vereinfachte Darstellung bestimmter Themen und die Verwendung von Stereotypen. Soziale Netzwerke und neue Medien würden jedoch immer mehr an Bedeutung gewinnen.
In der Schule finde einerseits intendierte politische Bildung statt: Das Fach Politische Bildung sei im österreichischen Lehrplan zwar noch nicht lange als eigenes Fach verankert, seit kurzem wurde es dort aber stärker integriert. Andererseits, informierte Diendorfer, werden in der Schule auch unbewusst wichtige soziale und politische Kompetenzen zur Stärkung der politischen Partizipation vermittelt.
Die Referentin verwies diesbezüglich auf eine Studie, in der beobachtet wurde, dass demokratischer Unterricht die politische Partizipation der Jugendlichen stark fördern würde. Je öfter in der Schule diskutiert wurde oder sich SchülerInnen im Rahmen der Schule organisierten, desto höher waren ihre politischen Aktivitäten in der Freizeit. Auch die Förderung der Kritikfähigkeit an Schulen sei als bedeutende politische Kompetenz anzusehen.
Bildung, schlussfolgerte Diendorfer, sei ausschlaggebend für ein umfangreiches politisches Bewusstsein. Politische Bildung im Speziellen würde eine Strategie gegen Politikdistanz darstellen und gleichzeitig auch die Demokratie stärken. Zur Stärkung der Politischen Bildung seien aber mehr Ressourcen notwendig, im Moment sei diesbezüglich eher das Gegenteil der Fall.
Im Anschluss an den Vortrag gab es die Möglichkeit zur Diskussion, die sich durch zahlreiche Wortmeldungen und Kommentare auszeichnete.
Lebensräume können durch Politik gestaltet und beeinflusst werden
dies sei ein zentraler Punkt, der unbedingt durch Politische Bildung vermittelt werden müsse, so lautete eine Wortmeldung aus dem Publikum. Diendorfer warf hier ein, dass Schulen dazu die Strukturen zur Verfügung stellen müssten, wozu aber mehr Infrastruktur benötigt werde.
Ein weiterer Teilnehmer beschwerte sich über die fehlende Tradition der politischen Bildung in Österreich, im Speziellen sprach er die LehrerInnenausbildung an. Er schlug dazu vor, für den Unterricht der Politischen Bildung Studierende der Politikwissenschaft anzuwerben.
Auch hier stimmte Diendorfer zu, da die LehrerInnenaus- und Fortbildung im Bereich der politischen Bildung noch in den Griff bekommen werden müsse. Universitäten und Schulen, so Diendorfer, müssten zusammenarbeiten und sich eine geeignete Strategie überlegen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung an der Universität Wien.
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