Nach Politik und Utopie werden nun zwei weitere generative Wörter betrachtet, die eng mit den ersten beiden verbunden sind und uns dabei anleiten sollen, die Welt lesen und verstehen zu lernen: Transformation und Ganzheitlichkeit. Komplexe Differenzen und globale Zusammenhänge machen das Nachdenken darüber zu einer großen Herausforderung.
Transformation
Für Paulo Freire war die Veränderung ein zentrales Bildungsziel: Bildung schafft Bewegung und diese muss benannt und bewusst reflektiert werden, und zwar als kollektives Geschehen. Er führt dazu die Pole Chaos und Utopie ein: das Chaos wo und wie leben wir, was be- und erdrückt uns, was sind die Gründe dafür; und die Utopie was wollen wir, was steht uns zu, wohin können wir. Beide Begriffe stehen in einer mit Spannung geladenen Beziehung, die wie bei der elektrischen Spannung Aktion hervorbringt. Nur wenn diese beiden Dimensionen bewusst wahrgenommen werden, kann auch die Bewegung bewusst gestaltet werden. Ansonsten verharrt man in der Bewegungslosigkeit bzw. wird von fremdgesteuerten Bewegungen mitgerissen.
Aktuell steht eine große, tief- und weitgehende Transformation unserer Lebensweisen an: Wir müssen in unserem Umgang mit Mitmensch und Natur zukunftsfähig werden. Der Utopie von Gerechtigkeit wird der eines Lebens in Einklang mit der Natur anheimgestellt. Die Notwendigkeit ist allen klar das Chaos ist evident, die Utopien gibt es seit Menschen gedenken, aber die Spannung beider Pole zueinander wird herausgenommen, weil die notwendigen Transformationen so vieles in Frage stellen. Individuelles und gesellschaftliches Leben existieren nicht ohne Bewegung, ohne ständige Transformation. Aber wie soll diese gestaltet werden? Welche Richtung soll sie einnehmen? Transformation ist emotional aufgeladen: Für die einen löst es Gefühle von Verlust und Aufgabe von Erreichtem aus, für andere bedeutet es Hoffnung auf Besseres.
Für die Bildung ergeben sich daraus grundlegende Herausforderungen, wie Wissen mit Transformation in Verbindung gebracht werden kann.
Ganzheitlichkeit
Die Vision einer Bildung für die Zukunft muss ganzheitlich sein. Sie kann nicht von Partikularitäten handeln, aufgeteilt in Spezialwissen, sondern die zusammenhängende Bedingtheit allen Lebens ist Maßstab und Ziel: „Holism asserts that everything exists in relationship, in a connection and meaning.“ (Miller, R.: Caring for New Life. New Essays on Holistic Education. Brandon: Foundation for Educational Renewal 2000, S. 21) Ganzheitliche Visionen stehen fragmentarischen Visionen und Zielsetzungen (Karriere, Wachstum, Profit) gegenüber, die einen Teil aus dem Gesamtgefüge herausnehmen und es als absolut und grundlegend festschreiben. Ethisch betrachtet sind fragmentarische Ansätze nur gegenüber sich selbst Rechenschaft schuldig.
Ganzheitliche Bildung weist darauf hin, dass Wirklichkeit nicht nur auf einer der eben benannten Ebenen verhandelt werden kann. Leben kann nur als zusammenhängendes Gefüge erfasst werden. Eng verbunden mit einem ganzheitlichen Verständnis steht der verantwortliche Umgang damit: Nur wenn ich die zusammenhängende Vielfalt von Leben als konstitutive Grundlage erkenne und verstehe, werde ich diese auch respektieren. Education has often functioned as if it were only the mind which needed to be engaged, and then only one part of it. We need forms of education that will help individuals and communities to broaden their vision and learn to relate to difference in positive ways. (Schreiner, Peter / Banev, Esther / Oxley, Simon [Hg.]: Holistic Education Resource Book. Learning and Teaching in an Ecumenical Context. Münster [u.a.]: Waxmann 2005, S. 16f.)
Bildung muss offen bleiben, ist kritische Auseinandersetzung und dialogisches Ringen. Ganzheitliche Visionen vermitteln in diesem Sinne keine vereinheitlichte und vereinnahmende Harmonie, sondern ein lebendiges Spannungsgebilde.
Lokale und globale Komplexitäten
Zwei eher inhaltliche sowie methodische Aspekte möchte ich schließlich noch herausheben und dabei den Ansatz von Paulo Freire im Rahmen aktueller Herausforderungen erweitern bzw. vertiefen:
Die heutige Analyse muss vor dem Hintergrund globaler oder planetarischer wie oft auch in Lateinamerika die Lebensreferenz benannt wird (Boff, Gadotti) Zusammenhänge einer sich bildenden Weltgesellschaft stattfinden. Das darf die Menschen in dem Prozess, ihre eigene Lebenswelt zu lesen, nicht schon im Vorfeld vor übersteigerte Anforderungen stellen, aber es geht um ein grundlegendes Verständnis für die Erde und die Menschheit, die in einem unauflösbaren Bedingungszusammenhang stehen.
Eine weitere besondere Herausforderung stellt die zunehmende kulturelle und religiöse Differenz auch in den lokalen Umfeldern dar. In der Annäherung und im Dialog verschiedener Positionen und Erfahrungen liegt eine große Chance, Komplexität zu verstehen und auf die wesentlichen Fragen zu elementarisieren.
Ich komme zum Schluss nochmals zurück zu den Erfahrungen in den Slums von São Paulo. Sie haben mir verdeutlicht, dass diese Prozesse von politischer Alphabetisierung und Transformation starken emotionalen Gefühlen unterworfen sind. Gerade weil sie so persönlichkeitsformend sind, wirken sie teils als befreiende Momente, die ein ganzes Leben in ein neues Licht stellen. Sie werden aber ebenso von tiefen Konflikten, Unsicherheiten und Zweifeln begleitet. Entscheidend war und ist auch für die heutige Situation weiterhin, dass es im Bildungsbereich Räume für den persönlichen Austausch sowie Momente fürs Feiern und Teilen gibt.
Der Autor ist Professor für Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Er lebte 17 Jahre in Brasilien und gab kürzlich eine dreiteilige Sammlung von Schriften Paulo Freires heraus.
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