Am 10. Dezember 2012 gab Lena Freimüller von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt einen Einblick in die Geschichte des Friedensbegriffs und der Friedensbewegungen sowie Informationen über den aktuellen Friedensaktivismus. Emanzipatorische Bildungsstrategien und individuelle Handlungsspielräume wurden diskutiert.Die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) in Kooperation mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) lud an jenem Abend zum vierten Mal innerhalb der Veranstaltungsreihe Soziale Bewegungen und politische Erwachsenenbildung ins Depot ein. Lena Freimüller, unter anderem Mitbegründerin von Peace in Action (PIA), nutzte als profunde Kennerin sozialer Bewegungen den Abend, um ihr theoretisches Wissen weiterzugeben sowie einen Diskussions- und Reflexionsraum zu eröffnen. Darüber hinaus berichtete sie von ihren persönlichen Erfahrungen als Friedensaktivistin.
Kleine Geschichte von vielen Frieden
Friedens- bzw. Antikriegsbewegungen gegen den Vietnam- und Irakkrieg sowie für die Abrüstung zur Zeit des Kalten Krieges bedeuteten damals wie heute, dass nationale und internationale Entscheidungen auf politischer wie ökonomischer Ebene gefragt waren, begann Freimüller. Bewegungen für Friedensprozesse in Konfliktländern sowie später die globale Friedensbewegung für eine Kultur des Friedens konzentrierten sich laut Freimüller darauf, Konflikte zu bearbeiten und EntscheidungsträgerInnen in die Gesellschaft einzubinden. Bildung als Weg zu diesen Zielen wurde dabei immer wichtiger.
Freimüller verdeutlichte die Bedeutungsvielfalt der vielen Frieden auf sozialer, ökologischer, politischer und ethnischer Ebene. Frieden könnten zudem stabil, aber auch instabil sein. Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung Johan Galtung habe sich mit der Bedeutung von negativem Frieden als Nichtkrieg und positivem Frieden als Idealzustand auseinandergesetzt. Durch Freimüllers Erläuterung des Gewaltdreiecks nach Galtung, bei dem die direkte sichtbare Gewalt an der Spitze steht, die kulturelle und strukturelle Gewalt unsichtbar an den unteren Ecken, wurde deutlich, dass Frieden mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg.
Friedensbildung durch „Conscientização“
Hatte die Bildung als Mittel zum Frieden einmal Fuß gefasst, so nahmen Ideen der Nichterziehung, persönliche und kulturelle Aspekte, Selbstreflexion und das Verständnis von Bildung als lebenslanger Prozess eine zentrale Rolle ein, führte Freimüller fort. Paulo Freires Ausführungen über die conscientização, die einen kognitiven, sozialen und zwischenmenschlichen Prozess der Bewusstseinsbildung darstellt, wurde hier als bedeutender Beitrag genannt. Freimüller selbst versteht Friedensbildung als einen Kreislauf von Fähigkeiten, Wissen und Handlungen, in dem Krieg als Institution geächtet wird und eine konstruktive Konfliktbearbeitung stattfindet. Das Private solle dabei politisch und global gesehen als Kontinuum der Gewalt anerkannt werden. Jedoch müsse stets auf die vielfältigen Kontexte von Unterdrückung eingegangen und Frieden als Prozess gesehen werden. Frieden könne existieren, wenn kreative Konflikttransformation gewaltfrei stattfinde, bezog sich Freimüller erneut auf Galtung.
Bewegungen des 20. Jahrhunderts
Die Friedensaktivistin Bertha von Suttner, Maria Montessori, die Gründung der Vereinten Nationen und der Kriegsursachenforschung, Einstein als Naturwissenschaftler und Aktivist, Paulo Freire und sein dialogisches Bildungsverständnis waren nur einige Beispiele von vielen, die Freimüller als Friedensbeiträge im 20. Jahrhundert nannte. Zusätzlich zu den Antikriegsbewegungen, so Freimüller, begannen Publikationen und Journale sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Kunst- und Berufsverbände wurden gegründet, woraus die Internationale Gemeinschaft der Friedensforschung (IPRA) hervorging. Eine erste Welle von Friedensbildung für Kinder und Jugendliche durchlief die 1970er Jahre und mit den Peace Studies habe das Thema schließlich auch Eingang in den universitären Bereich gefunden, so Freimüller. Die Schwerpunkte variierten dabei fortlaufend von Atomwaffen im Kontext des Kalten Krieges bis zur Ermächtigung der Zivilgesellschaft nach dem Fall der Berliner Mauer. Laut Freimüller war die erste internationale Kampagne Hague Appeal for Peace ein Meilenstein für die Friedenserziehung.
Jeder kann ein „Peace-Joker“ sein
Die Jahre 2001 bis 2010 wurden von der UNESCO zur Internationalen Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit deklariert, so Freimüllers Übergang in die Gegenwart. Der Zusammenschluss von Frauen-, Umwelt- und Antikriegsbewegungen sowie das daraus geschöpfte Wissen bedeute, auf eine neue Art friedenspolitisch aktiv zu sein. Im Sinne einer erweiterten Kultur des Friedens, die nicht nur einer Agenda folge, setzte Freimüller den Schwerpunkt auf die Frage: Kann durch veränderte Werthaltungen und überkreuzte Bewegungen ein mehrdimensionaler Frieden geschaffen werden? Sie persönlich habe eine Kultur des Friedens als Inspiration für Veränderung erlebt. Diese visionäre Ausrichtung, das sei wichtig, müsse immer auch globale Zusammenhänge herstellen. Transformative Bildung für Visionen oder emanzipatorische Bildung gegen Unterdrückung zu fordern und zu fördern, ermögliche neue Rollen wie die von MotivatorInnen und MultiplikatorInnen. Diese so genannten Peace-Joker sollten allerdings auch die Frage stellen, wie ein Bildungsprozess gestaltet und nicht nur wie etwas beigebracht werden kann, betonte Freimüller.
Gut zwanzig TeilnehmerInnen hörten gespannt zu und stellten interessierte Fragen, wie beispielsweise: Welche Möglichkeiten gibt es, Gesellschaften friedlich zu organisieren? Patentlösungen gebe es nicht, so Freimüller, aber man könne sich selbst als Joker sehen und im privaten sowie beruflichen Lebensumfeld aktiv werden, ohne dass es nötig wäre einen Beruf in diesem Feld zu ergreifen. Dazu sei aber eine gewisse Portion Humor und Optimismus hilfreich, um den Dingen der Welt, die oft ohnmächtig machen, standhalten zu können, schloss Freimüller ihren gelungenen Vortrag.
Die Artikel zu den anderen Veranstaltungen der Reihe finden Sie hier:
- Das Märchen von Demokratie durch Twitter, am 24. Okt. 2012
- Autonome Soziale Bewegungen und Demokratie, am 28. Nov. 2012
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.