Paulo Freire und befreiende Bildung im 21. Jahrhundert (II)

Am 24. Oktober 2006 brachte der Autor in einer der Oficinas in Vorbereitung des Symposiums "Volksbildung heute?" Überlegungen zur Aktualität von Paulo Freire ein. Teil II: Den Status Quo überwinden das Volk Ernst nehmen.
Das Wiener "Paulo Freire Zentrum für transdisziplinäre Bildung und Forschung" entstand vor zwei Jahren mit dem Ziel, das Denken und Wollen Paulo Freires an anderem Ort und zu anderer Zeit fortzusetzen. Befreiende Bildungsarbeit, wie sie in Lateinamerika entworfen wurde, ist aufklärerischer Bildungsarbeit, wie sie in Europa praktiziert wurde, verwandt. In beiden Fällen geht es um die Überwindung von Bevormundung und die Erziehung zur Mündigkeit: Dialog statt Indoktrination in Lateinamerika, Argumente austauschen statt Dogmen durchsetzen in Europa.

Das Paulo Freire Zentrum leistet Übersetzungsarbeit: Was kann heute von den Volksbewegungen, in denen sich Mittel- und Unterschicht verbündeten, und von Volksbildung, bei der der Dialog mit den einfachen Leuten im Mittelpunkt stand, für emanzipatorische Bildung und Aktion gelernt werden? Ich möchte dies anhand von zwei Projekten darstellen, in denen wir Bildung und Forschung integrieren und den Dialog zwischen Mittelschicht und benachteiligten Bevölkerungsgruppen organisieren. Dies ist uns deshalb so wichtig, weil die Dynamik der lateinamerikanischen Lernbewegung wesentlich auf diesem Dialog und Bündnis ungleicher PartnerInnen beruht. Statt die Unterschiede im Wissen der Beteiligten zu leugnen, werden sie als Bereicherung geschätzt und für das gemeinsame Lernen genutzt. Dieser Dialog ist pädagogisch und soziopolitisch bedeutsam, denn er ist ein erster, kleiner Schritt zu einer Gesellschaft ohne Standesdünkel und Klassenunterschieden.

Hauptschule trifft Hochschule

In Österreich treffen sich Mittel- und Unterschicht zwar noch gelegentlich in Volksschulen und öffentlichen Verkehrsmittel, doch ihre Wege kreuzen sich zunehmend seltener. Aus diesem Grund haben wir an der Wirtschaftsuniversität Wien begonnen, Forschungsseminare anzubieten, in denen StudentInnen die Möglichkeit erhalten, fremde Welten in ihrer eigenen Heimat kennen zu lernen. Im Sommersemester 2006 organisierten Lukas Lengauer und ich am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft eine Lehrveranstaltung zum Thema Heimat. In dieser Lehrveranstaltung forschten und arbeiteten Studierende ein Semester lang in einer Hauptschule. Indem Hochschule Hauptschule traf, kamen zwei Welten, die sich obwohl in derselben Stadt zu Hause sonst nur selten treffen, miteinander in Kontakt. Im Wintersemester setzen wir diese Stadterforschung fort, in dem wir zum Thema "Fremde Heimat" die Problematik der MigrantInnen und Flüchtlinge in Wien untersuchen. Hier kooperieren wir mit dem Wiener Integrationshaus und der Wiener Integrationskonferenz.

Es sind dies kleine Schritte hin zu einem Dialog unterschiedlicher Milieus und Schichten. Für alle StudentInnen bedeutet dies eine Horizonterweiterung, für engagierte StudentInnen eröffnen sich Kontakte zu den Rändern der eigenen Gesellschaft. Dies ist der erste Schritt hin zu einer Lernbewegung, wie sie die befreiende Bildung in Lateinamerika zur Blütezeit der Volksbewegungen praktizierte. Begeisterte StudentInnen alphabetisierten in Kulturzirkeln an der brasilianischen Peripherie. Auch in Wien gibt es eine Peripherie, auch in Wien gibt es viele engagierte und begeisterungsfähige junge Menschen. Vielleicht gelingt es uns, eine Lernbewegung ins Leben zu rufen, in der Mittel- und Unterschicht, Intellektuelle und an den Rand Gedrängte gemeinsam lernen, die Welt zu lesen und zu schreiben. Ob es gelingt, wird an unserer Phantasie und unserem Engagement liegen. Dass genau dies im Sinne Paulo Freires wäre, steht für mich außer Zweifel.

Werkstatt für Lernen, Forschung und Solidarität

Ein zweites innovatives Projekt ist das Cross-Border Laboratory for Learning, Research and Solidarity, das in Kooperation mit dem Institute for Studies in Political Economy (IPE) im September nächsten Jahres stattfinden wird. In dieses Laboratory fließt jahrelange Forschung, die im Rahmen eines von der EU geförderten Forschungsprojekts erarbeitet wurde, ein: DEMOLOGOS ist ein Projekt, in dem nach alternativen Modellen für die sozioökonomische Entwicklung in Europa gesucht wird. In einer gemeinsamen Lern- und Forschungswoche werden ForscherInnen mit AktivistInnen aus Zentraleuropa gemeinsam nach Möglichkeiten solidarischen Handelns suchen. Die vielfältigen Erfahrungen aus sozialen Bewegungen und Gewerkschaften sowie von EntscheidungsträgerInnen aus Politik und Verwaltung werden hier ebenso einfließen wie die vorläufigen Forschungsergebnisse aus DEMOLOGOS. Freireanisch Denken und Handeln heißt gerade in Zentraleuropa, wo eine Wohlstandsgrenze sozialräumliche Hierarchien schafft, in Widersprüchen denken und mit Widersprüchen leben zu lernen. Wie gehen wir mit dem Spannungsfeld aus Konkurrenz und Kooperation, aus Heimatverbundenheit und Nationalismus um? Wie kann Zentraleuropa, das von InvestorInnen erfolgreich als Raum okkupiert wurde, zu einem Raum der Menschen werden, der Vielfalt respektiert und Gerechtigkeit schafft? Von Freire wissen wir, dass gute Forschungsfragen oftmals auch Alltagsfragen sind. Daher ist ein transdisziplinärer Dialog, der Forschen und Bilden integriert, besonders geeignet, Strategien internationaler Solidarität zu erarbeiten.


Der Autor ist wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire-Zentrums und Universitätsprofessor am Institut für Regional und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.