Paulo Freire respektieren und kritisch reflektieren

Am 2. Mai 2012 jährte sich der Todestag von Paulo Freire zum 15. Mal. Im Rahmen zweier Veranstaltungen am 10. und 11. Mai gab es aus diesem Anlass die Möglichkeit, seine Ideen und seine Arbeit erneut und vor allem kritisch zu diskutieren sowie über die Aktualität seines Werkes nachzudenken.
Zahlreiche Interessierte folgten am 10. Mai 2012 der Einladung des Instituts für Wissenschaft und Kunst, des Rings Österreichischer Bildungswerke, des Verbands Österreichischer Volkshochschulen, des Instituts für Bildungswissenschaften der Universität Wien und des Paulo Freire Zentrums ins depot, vor allem um die aus Köln angereiste Vortragende des Abends, Kira Funke, kennenzulernen. Die Erziehungswissenschaftlerin beschäftigte sich im Rahmen ihrer Dissertation, die sie 2010 im Waxmann-Verlag veröffentlichte, intensiv mit Paulo Freire, seinem Werk, seiner Wirkung und seiner Aktualität.

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Foto: Lilli Malin Röth, Paulo Freire Zentrum

Freires Grundidee und aktuelle Praxis in Brasilien

Im Vortrag gab sie zunächst einen Überblick über die Grundideen und biografischen Eckdaten von Paulo Freire. Seine Idee der Wechselwirkung von Alphabetisierung und Bewusstseinsbildung ist wesentlich, um sein Konzept von Bildung zu verstehen. Freire lehrte Schreiben und Lesen mit Methoden, die in die soziale Wirklichkeit der Betroffenen eingebettet waren. Das zeugt von einer Praxis, die ein Miteinander und kein Von-oben-herab anstrebt. Die Wirklichkeit ist für Freire etwas Vorläufiges, an dessen Gestaltung jeder Mensch beteiligt sein kann und soll.

Funke reiste im Rahmen ihrer Forschungen nach São Paulo und lernte dort das Instituto Paulo Freire und einige seiner Bildungsprojekte kennen. Eines davon zielt auf Menschen ab, die in sehr schlecht versorgten, benachteiligten Stadtteilen leben. Ihr Bewusstsein als gesellschaftliche AkteurInnen, als TeilnehmerInnen an politischen Entscheidungsprozessen soll geweckt werden, um sie in weiterer Folge zum politischen Kampf zu ermutigen. Die TeilnehmerInnen wurden beispielsweise aufgefordert, einen signifikanten Punkt ihres Lebens mit der Geschichte Brasiliens in Zusammenhang zu bringen. Für viele war es das erste Mal, dass sie ihre eigene Biografie reflektierten. Begeistert war Funke vor allem von den Methoden, mit denen gearbeitet wurde.

Paulo Freire als Hoffnungsträger

Vieles von Freires Ideen, so Funke, sei heute in das pädagogische Allgemeinwissen eingeflossen. Deshalb seien zum einen seine Spuren nicht immer klar zu erkennen, zum anderen zeuge dieses Phänomen aber von einer unumstrittenen Relevanz seiner Arbeit. In Brasilien beobachtete sie, dass Freire heute wesentlich als Motivator fungiert. Es gehe weniger um eine exakte Rezeption seiner Theorie, als vielmehr um eine bestimmte Haltung zu Bildung und zur Wirklichkeit. Freire trat ein für Respekt und Vielfalt, für Solidarität und Parteilichkeit. Funke bezeichnete ihn deshalb als eine Art Che Guevara der Pädagogik und meint damit Tendenzen der Idealisierung und Mythisierung in Brasilien, aber auch in Deutschland. Umso wichtiger sei es, seine Ideen und seine Arbeit immer wieder zu diskutieren. Paulo Freire zu respektieren heißt, ihn auch kritisch zu reflektieren, betonte der Moderator Gerald Faschingeder.

Kritik und offene Fragen

Kira Funke kritisierte, dass einige der Begrifflichkeiten von Freire offen oder unkonkret bleiben. Vielfach verwendet er duale Begriffspaare, wie zum Beispiel Unterdrücker/Unterdrückte, weshalb ihm kritische Stimmen Schwarz-Weiß-Malerei vorwerfen. Die Vortragende stellte außerdem die Frage in den Raum, wer zwischen einem kritischen und einem nicht-kritischen Bewusstsein entscheiden solle. Weiters entstünden bei den LeserInnen oft Fragen nach dem Wie. Wie sieht Freiheit aus? Wie ist ein herrschaftsfreier Dialog möglich? Obwohl Freire selbst viel in der praktischen Bildungsarbeit tätig war, gibt es von ihm sehr wenig Methodenmaterial. Viele der Anwesenden an diesem Abend stimmten zu, dass Freire die Lehrpersonen, die er wohl sehr schätzt und unterstützt, mit seinen hohen Ansprüchen überfordere. Viele Probleme könnte nun mal nicht die Pädagogik alleine lösen, sondern erfordern eine Zusammenarbeit mit der Politik.

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Foto: Lilli Malin Röth, Paulo Freire Zentrum

Auf den gut verständlichen und spannenden Vortrag folgten viele Fragen aus dem Publikum und eine rege Diskussion. Betont wurde einmal mehr die politische Dimension in der Arbeit Paulo Freires, die immer mitgedacht werden müsse. Weiters wurde dessen Problemzentrierung als bedeutsam hervorgehoben, die vor allem in Zusammenhang mit Community-Ansätzen relevant sei. Während bei uns die Menschen lernen, weil es die Wirtschaft oder der Arbeitsmarkt verlangt, setzt Freire die soziale Wirklichkeit und die Probleme der Menschen in den Mittelpunkt der Bildungsprozesse.

 

Kulturelle Unterschiede und Lebenspraxis

Am auf die Abendveranstaltung folgenden Vormittag gab es die Möglichkeit zur Vertiefung der Diskussion in kleiner Runde in den Räumlichkeiten des Instituts für Wissenschaft und Kunst. Auseinandergesetzt haben sich die TeilnehmerInnen unter anderem mit Paulo Freires Sprache, in der sehr viel Gefühl und Poesie zu finden ist. Begriffe wie Liebe oder Demut erscheinen im Zusammenhang mit Bildungsarbeit für das deutschsprachige Ohr eher ungewöhnlich und sind deshalb für viele nicht nachvollziehbar. Dies rührt zum einen aus der Übersetzung ins Deutsche, andererseits ist dieses Unverständnis aber auch ganz klar auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen, so Kira Funke. Freires Sprache sei Ausdruck seiner und ganz allgemein der brasilianischen Lebensart.

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Foto: Lilli Malin Röth, Paulo Freire Zentrum

Ein schwieriger Begriff, der im Zusammenhang mit freireanischer Bildungsarbeit immer wieder auftaucht, ist der des Bewusstseins. Gibt es ein falsches Bewusstsein? Wer hat die Definitionsmacht darüber? Es wird klar, dass pädagogische Arbeit immer ein Stück Zumutung bedeutet, die in der Praxis pragmatische Entscheidungen notwendig macht. Und immer wieder stoßt man dabei auf Probleme und Hindernisse, für die sich bei Freire wenig Lösungen oder Handlungsanweisungen finden. Doch was ihn auszeichnet, darüber waren sich alle Anwesenden am Donnerstagabend wie am Freitagvormittag einig, ist seine zutiefst beeindruckende, grundlegend kritische Haltung. Seine Schriften, seine Ideen und Arbeiten sind Ausdruck einer politischen Lebenspraxis, von der wir hier und heute viel lernen können.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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