Partizipative Demokratie und Bildung

Wie hängen politische Partizipation, demokratisches Lernen und die Ideen Paulo Freires zusammen? Was sind „Educating Cities“ und was ist das partizipative Budget? Mit diesen Begriffen beschäftigt sich die argentinische Wissenschaftlerin Alicia Cabezudo und berichtet davon bei einem Besuch im Paulo Freire Zentrum.

Am 5. März 2009 unterhielten sich Alicia Cabezudo (Professorin für Erziehungswissenschaft), Gerald Faschingeder (Direktor des Paulo Freire Zentrums) und Martina Silberhorn (Praktikantin im Paulo Freire Zentrum) über lateinamerikanische Initiativen zur Förderung von Instrumenten der partizipativen Demokratie. 

Fallstudien in Lateinamerika

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Alicia Cabezudo

Eine der Hauptinitiativen des demokratischen Lernens ist der Prozess rund um das partizipative Budget, der seinen Ausgang in Städten Lateinamerikas fand. Auch in der argentinischen Stadt Rosario wurde es verwirklicht; Alicia Cabezudo begleitete dessen Einführung. Dabei wird Erziehung als permanenter Prozess verstanden und die Stadt selbst als Umfeld von Erziehung miteinbezogen.

Diese Entwicklung begann mit der Einberufung von Nachbarschaftsversammlungen, der Errichtung von Budget-Gremien und der Wahl von Nachbarschafts-VertreterInnen. Diese Mechanismen geben den BürgerInnen die Möglichkeit, bei politischen Entscheidungs- und Distributionsprozessen teilzuhaben und stellen sicher, dass getroffene Entscheidungen auch realisiert werden. Das partizipative Budget ist ein Modell der pluralistischen und offenen Demokratie, das eine kollektive Praxis des Dialoges der Aktivitäten lokaler Regierungen darstellt. Nur einer der Vorteile dieses Projekts ist die Einbindung einer größeren Anzahl von Menschen in öffentliche Entscheidungen. Alicia Cabezudo erläuterte auch den Zusammenhang zwischen Politik und Bildung. Aufgabe und Pflicht der Politik sei es, die Möglichkeit einer permanenten Erziehung zu garantieren.

Educating Cities & Erziehung als permanente Praxis

Die spezifisch pädagogisch-theoretische Basis ist die Annahme, dass Städte lebendige Manifestationen der Kultur ihrer BewohnerInnen darstellen und somit Kreativität und Spontaneität zwangsläufig hervorrufen. Städte werden zu Erzieherinnen aufgrund der menschlichen Notwendigkeiten zu lernen und lehren, zu erziehen, zu wissen und zu gestalten. Eine Stadt besteht aus ihren BewohnerInnen und wird von diesen geschaffen. Während Städte erziehen, werden sie selbst durch ihre BewohnerInnen „erzogen“. BewohnerInnen von Städten werden gebildet und im Weiteren auch in der Tradition der Institutionen ihrer Stadt „wiedergebildet“. Eine andere Grundannahme sieht Erziehung als permanenten Prozess im Sinne des Bewusstseins der Endlichkeit und Unvollkommenheit der menschlichen Existenz und der menschlichen Grundeigenschaft zu Lernen. Erziehung versteht sich unter diesen Bedingungen als historisches Phänomen und die Entwicklung der Expansion von Wissen macht deshalb die Notwendigkeit der Erziehung nochmals dringlicher.

Das partizipative Budget

Aufgrund der ökonomischen Krise in Lateinamerika, bei der ein Großteil der finanziell schlechter gestellten Menschen ihre Ersparnisse verlor, wurde Anfang des Jahres 2000 in Argentinien beschlossen, am Prozess des partizipativen Budgets teilzunehmen. In der Stadt Rosario unterstützten sowohl der Bürgermeister als auch die lokale Regierung dieses Vorhaben. Damit konnte die soziale und politische Partizipation der BürgerInnen unter Einbindung der lokalen Parteien und durch Abgabe von legislativen Kompetenzen an die Gemeindeebene gewährleistet werden. In diesem gemeinsamen Prozess war es nun für die BewohnerInnen der Stadt möglich, nicht-formale Bildungsprozesse in einer „bildenden“ Atmosphäre zu erleben. In Diskussionsrunden, in denen gemeinsam Problemstellungen reflektiert und Entscheidungen getroffen wurden, war ein kollektiver Lernprozess bemerkbar. Cabezudo erzählte, dass dabei nicht nur Wissen angehäuft, sondern auch die Möglichkeit einer Reflexion über den eigenen sozialen Kontext genutzt wurde.

Die Expansion informeller Bildungsprozesse

Dieses Projekt erwies sich in seiner Ausführung als dermaßen erfolgreich, dass es auf andere soziale Gruppen erweitert wurde. Ausgehend von Projekten für Erwachsene wurden derartige Initiativen, nach einer entsprechenden theoretisch-didaktischen Abänderung, in Folge auch speziell mit Jugendlichen durchgeführt. Die beteiligten Jugendlichen entwickelten im Laufe der Zeit eine ungewöhnlich hohe Diskussionskultur, beschäftigten sich intensiv mit sozialen Problemen der Gemeinde und versuchten Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Eines der Ziele war die politische Partizipation einer möglichst großen Anzahl von BürgerInnen und konnte sowohl im Fall der Erwachsenen als auch der Jugendlichen erreicht werden.

Der Zusammenhang von Bildung und Politik

Abschließend lässt sich beurteilen, dass derartige Projekte eindrucksvoll zeigen, wie unmittelbar Bildungsprozesse von Individuen und Politik zusammenhängen. Durch die Entwicklung von spezifisch politischen Instrumenten, wie zum Beispiel Nachbarschaftsversammlungen, kamen BürgerInnen zusammen, diskutierten gemeinsam über die Analyse von Problemen und versuchten Lösungen zu finden. Solche Projekte stellen eine kollektive Praxis des Dialoges dar, bei der demokratische Lernprozesse von Individuen stattfinden. Diese Initiativen fördern soziale Inklusion und kollektives Lernen und versuchen so, eine Kultur des Friedens und den Respekt der Menschenrechte zu etablieren. Partizipative Demokratie wird dabei als Teil eines Lernprozesses verstanden. Partizipative Prozesse waren seit jeher ein Anliegen Paulo Freires und sollte mit seinen Methoden erarbeitet werden, so Alicia Cabezudo am Ende dieser Unterhaltung.

Die Autorin ist Praktikantin des Paulo Freire Zentrums und studiert Politikwissenschaft und Bildungswissenschaft.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.