Österreichs umkämpfte Hochschule Teil I: „Entnazifizierung“.

Die geplante Novelle des Universitätsgesetzes, die die österreichische Regierung im Corona-Jahr 2020 ausgearbeitet hat, trifft bei Studierenden wie Lehrenden auf Widerstand. Ein historischer Rückblick auf Protest und Widerstand an Österreichs Hochschulen.

Die 1960er Jahre markierten den Beginn einer Ära, in der sich Studierende weltweit als laustarke Kritiker*innen eines verkrusteten ‚Establishments‘ (dt.: Einrichtung, hier: die herrschende Klasse) bemerkbar machten und sich damit als „68er“ in das kollektive Gedächtnis einschrieben.

Auch in Österreich kämpften die Studierenden der 68er-Bewegung für eine Universität, die Ausgangspunkt für eine gesamtgesellschaftliche Transformation sein sollte. Entsprechend umfassend waren die Forderungen an die Politik: Die österreichische Anti-Bundesheer-Bewegung verband sich in diesem Kontext mit der globalen Anti-Kriegsbewegung, Studierende forderten eine solidarische Politik mit der damals sogenannten ‚Dritten Welt‘, Sexualität solle nicht länger als Tabu gelten, Presse- und Meinungsmonopole sollten zerschlagen werden, innerhalb der Gesellschaft sollte soziale Mobilität ermöglicht und radikale Demokratie gelebt werden. Gerade hinsichtlich der letzten beiden Punkte sahen viele Studierende die Hochschulstrukturen als herrschaftsstabilisierendes Instrument, die es zu reformieren galt. Doch mit welcher Ausgangssituation waren die „68er“ in Österreich konfrontiert? Inwiefern hat die NS-Zeit die Hochschule geprägt und was konnte durch die Studierendenbewegung erreicht werden?

Uni im „Parteienstaat“.

„Typisch österreichisch“ würde so manche*r den Start der Studierendenrevolten in Österreich nennen. Denn „die 68er“ wurden hierzulande erst in den frühen 1970ern in vollem Umfang spürbar. Und das, obwohl sich die Leitung der Universitäten durch das sogenannte ‚Establishment‘ – also durch Parteipolitik – in Österreich deutlicher zeigte als andernorts. Der starke ‚Parteienstaat‘, wie ihn der Politikwissenschaftler Anton Pelinka bezeichnet, rührt von der Gründung der Zweiten Republik 1945 her. Der Staat sei als Produkt zweier Parteien – also von ÖVP und SPÖ – entstanden und nicht die Parteien als Produkt des Staates, so Pelinka. 1956 kam als dritte Kraft noch die FPÖ hinzu, die jedoch über lange Zeit eher unbedeutend blieb.

Der Parteienstaat fand seine Entsprechung auch in der Hochschüler*innenschaft. So existierten als studentische Vertretungen ausschließlich die von ÖVP und dem konservativen Cartellverband kontrollierte „Mehrheitsgruppe Wahlblock“, der von den Sozialdemokrat*innen kontrollierte „Verband Sozialistischer Studenten“ und der von den Freiheitlichen kontrollierte „Ring Freiheitlicher Studenten“. Diese Verbände erfüllten vor allem einen Zweck: Ihren Mitgliedern den Weg zur Parteikarriere zu ebnen.

Schließlich kam es jedoch im Kontext der 68er unter vielen Studierenden zur Entfremdung von der jeweiligen Parteiloyalität. Entsprechend wurde auch die parteipolitische Kontrolle der Hochschule zunehmend kritisiert. Mit den eingangs genannten Forderungen fühlten sich viele Studierende nicht gehört. Neben mangelnder sozialer Mobilität durch die bestehenden Hochschulstrukturen, war es besonders die Erfahrung mit Faschismus und Nationalsozialismus, die vor allem Studierende aus dem linken Spektrum radikalisierte.

„Unter den Talaren – der Muff von tausend Jahren.“

Der Nationalsozialismus hatte Österreichs Universitäten entscheidend geprägt. Lehrende und Studierende mit (teilweiser) jüdischer Abstammung waren 1940 von den Universitäten vertrieben worden. Nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945 konnten jene, die überlebt hatten und nicht geflüchtet oder wieder aus dem Exil zurückgekommen waren, allmählich wieder an die Hochschule zurückkehren. Aktuelle Forschungsbefunde legen außerdem nahe, dass Kriegsgefangene und womöglich auch Jüd*innen sowie damals als ‚Ausländer‘ kategorisierte Personen an verschiedenen Uni-Instituten während der Kriegsjahre als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt worden waren.

Die Erfahrung des faschistisch und später nationalsozialistisch regierten Österreichs inklusive der Universitäten hatte kritische Studierende dazu motiviert, ab 1945 sogenannte „Demokratische Studentenschaften“ an den Unis aufzubauen. Gleichzeitig schien jedoch die von Regierung und Alliierten veranlasste „Entnazifizierung“ an der Hochschule (sowie in den meisten anderen Strukturen) nicht ernsthaft zu erfolgen. Vor allem nach Abzug der Besatzungsmächte demonstrierten die rekonstituierten Burschenschaften und der Ring Freiheitlicher Studenten wieder in aller Öffentlichkeit ihr deutschnationales und neonazistisches Gedankengut. Auch der „Fall Borodajkewycz“ Mitte der 1960er Jahre zeigt die erschreckende Persistenz von und Inkonsequenz gegenüber nazistischem Gedankengut an den österreichischen Universitäten. Taras Borodajkewycz war nationalsozialistischer Wirtschaftshistoriker und lehrte noch bis zu seiner Zwangspensionierung 1966 an der Hochschule für Welthandel in Wien. Der „Muff von tausend Jahren“ (eine Anspielung auf das von den Nazis herbeigesehnte tausendjährige Reich) sei in den Augen der „68er“-Studierenden nicht aufgearbeitet worden. Er reproduziere sich weiterhin in den hierarchischen Hochschulstrukturen, in denen die Studierenden kaum Möglichkeiten zur Mitbestimmung hatten. Der Staat Österreich sollte noch bis in die 1990er Jahre die Mittäterschaft am Aufstieg der Nazis leugnen.

Auch auf inhaltlicher Ebene hatte sich der Nationalsozialismus auf die Universitäten ausgewirkt. So flossen beispielsweise nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland hohe Fördergelder an die Technische Hochschule (heutige TU), die der Rüstungsforschung dienen sollten. Während des Zweiten Weltkrieges wurde dort überhaupt nur mehr der „kriegswichtige“ Lehr- und Forschungsbetrieb genehmigt. Aber auch die geisteswissenschaftliche Forschung war von der NS-Ideologie sowie Fragen zur Kriegsführung und Besatzungspolitik geprägt.

Trotz dieser festgefahrenen Strukturen konnten die Studierenden im Kampf um eine demokratischere Hochschule auch Siege verbuchen. Was es beispielsweise mit dem Allgemeinpolitischen Mandat auf sich hat, wird im zweiten Teil dieser Artikel-Serie erläutert.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Literatur:

  • Ash, Mitchell G., Wolfram Nieß, und Ramon Pils. 2010. Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus: Das Beispiel der Universität Wien. Wien: V&R Unipress.
  • Ebner, Paulus, und Juliane Mikoletzky. 2016. Geschichte Der Technischen Hochschule Wien 1914-1955: Anschluss, Krieg und Rekonstruktion. Wien: Böhlau Verlag.
  • Kniefacz, Katharina. 2019. „Die Universität Wien im Nationalsozialismus“.
  • Kniefacz, Katharina. 2020. „Die Borodajkewycz-Affäre 1965“
  • Pelinka, Anton. 1998. „Anton Pelinka: Die Studentenbewegung der Sechziger Jahre in Österreich“. In Wendepunkte und Kontinuitäten: Zäsuren der demokratischen Entwicklung in der österreichischen Geschichte, hrsg. Forum Politische Bildung. Wien: Studien Verlag, 148 – 57.

 

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