Ökonomische Bildung: Nachdenken über ein gutes Leben für alle.

Ökonomische Bildung ist umkämpft. Sie kann junge Menschen zum Nachdenken über das aktuelle Wirtschaftssystem anregen, oder sie dazu erziehen, zu dessen Aufrechterhaltung beizutragen. Im ersten Beitrag zu diesem Thema wurde dargelegt, weshalb eine am wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream orientierte ökonomische Bildung nicht dazu geeignet ist, die Widersprüche kapitalistischen Wirtschaftens zu bearbeiten. Inwiefern können von der Politischen Ökonomie inspirierte Zugänge im Schulunterricht Alternativen anbieten?

Die grundlegenden Voraussetzungen.

Die Politische Ökonomie begreift Wirtschaft als gesellschaftliches Verhältnis und eröffnet damit Perspektiven auf grundlegende Fragen der menschlichen Entwicklung. Statt den Fokus allein auf die Funktionsweise von Märkten zu legen, untersuchen politökonomische Ansätze die Auswirkungen bestimmter Produktionsweisen auf menschliche Gesellschaften und deren Umwelt. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die Akteur*innen im Produktionsprozess nicht in Produzent*innen und Konsument*innen eingeteilt werden, sondern in Kapitalist*innen (diejenigen Menschen, welche über Kapital verfügen) und Lohnabhängige (diejenigen, welche ihre Arbeitskraft verkaufen müssen). Der damit etablierte Klassenbegriff ist Voraussetzung für das Verständnis von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen, die mit der kapitalistischen Produktionsweise untrennbar verbunden sind. Klasse erhält als grundlegende Analysekategorie im politökonomischen Denken auch eine globale Dimension, mit Hilfe derer im Schulunterricht der Blick auf die ungleiche Verteilung von Wertschöpfung, Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung in Nord und Süd gerichtet werden kann.

Ein weiteres zentrales Konzept politökonomischer Theoriebildung, das sich für den schulischen Kontext eignet, ist der bereits von Karl Marx beschriebene Akkumulationsimperativ. Dieser dem Kapitalismus inhärente Zwang zur Anhäufung von Kapital kann etwa als Anstoß für Diskussionen darüber dienen, ob eine ökologisch nachhaltige Produktionsweise in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem überhaupt möglich ist. Darüber hinaus bietet etwa die maßgeblich durch feministische Ansätze in der politischen Ökonomie geprägte Unterscheidung von Produktions- und Reproduktionsarbeit einen guten Ausgangspunkt zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschlecht im Wirtschaftskundeunterricht.

Normativität statt Neutralität.

Politökonomische Forschung ist mit einer klaren Positionierung verbunden. Ausgehend von einer Analyse konkreter Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse und deren ideologischer Verklärung wird versucht, Strategien zur Überwindung hierarchischer Strukturen zu entwickeln. Das Ziel ist dabei eine gerechtere und solidarischere Weltgesellschaft, mithin ein gutes Leben für alle.

Die Praxis im Klassenzimmer.

In Österreich ist ökonomische Bildung nicht nur im Schulfach Geographie und Wirtschaftskunde verankert. Vielmehr haben die Lehrkräfte aller Schulstufen aller Schularten dank des Unterrichtsprinzips Wirtschafts- und Verbraucher*innenbildung, die Möglichkeit und Verpflichtung, wirtschaftliche Themen aufzugreifen. Da die fächerübergreifenden Unterrichtsprinzipien, zu denen etwa auch Politische Bildung oder Sexualpädagogik gehören, jedoch keiner konkreten Lehrperson zugeordnet sind, werden sie auch nicht systematisch erarbeitet. Wollen Lehrer*innen diese Prinzipien umsetzen, sind sie in hohem Maße auf Eigeninitiative und externe Unterrichtsmaterialien angewiesen.

Welche Ziele werden durch den Unterricht verfolgt?

Paulo Freire hat erkannt, dass Pädagog*innen immer politisch handeln. Ihre Arbeit ist niemals neutral, weshalb sie sich der Frage stellen müssen, ob sie sich auf der Seite der Herrschenden oder der Beherrschten positionieren. Aus der Perspektive der Politischen Ökonomie kann diese Frage klar beantwortet werden, da die Solidarisierung mit jenen Menschen im Vordergrund steht, die unter den Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise leiden. Doch auch in der pädagogischen Auseinandersetzung mit Wirtschaft ist diese Positionierung von höchster Dringlichkeit, etwa in Bezug auf die Auswahl der eben genannten externen Unterrichtsmaterialien.

Es gibt eine ganze Reihe an gesellschaftlichen Akteur*innen, die Materialien zur ökonomischen Bildung publizieren. Da die finanzielle Ausstattung dieser Organisationen jedoch sehr unterschiedlich ist, erhalten gerade Wirtschaftsverbände und große Unternehmen aus der Privatwirtschaft leichter Zugang zu Schüler*innen und können so deren Verständnis von Wirtschaft prägen. Besonders klar ersichtlich ist dies etwa in einem Erlass der Bildungsdirektion Oberösterreich vom 25. Februar 2020, in welchem dem gesamten Lehrkörper des Landes die kostenlosen Unterrichtsmedien der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Schule (AWS) nahegelegt werden. Die AWS wird von Wirtschaftskammer und Sparkassenverband finanziert, nimmt laut letzterem „eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Sparkassen und Schule ein“ und möchte „eine positive Grundeinstellung zur Wirtschaft fördern“. Kritisches Denken, jenseits von Wachstumsimperativ und Profitlogik, wird durch diese von der öffentlichen Hand zusätzlich geförderte Fokussierung auf die Publikationen derartiger Organisationen erschwert.

Gerade deshalb soll hier auch auf Initiativen hingewiesen werden, welche Schüler*innen die der kapitalistischen Produktionsweise inhärenten Probleme begreifbar machen wollen. Denn herrschaftskritische Bildungsarbeit stellt klar, dass Kapitalismus nur für wenige funktioniert und seine sozialen und ökologischen Kosten enorm sind.
Endlich Wachstum ist eine sehr gelungene Sammlung von Unterrichtsmaterialien zu einer sozial-ökologischen Transformation, die von den Initiativen FairBindung und Konzeptwerk Neue Ökonomie gestaltet wurde. Ausgehend von kritischer Begriffsarbeit zu Wirtschaft und Wirtschaftswachstum können die Schüler*innen damit anhand lebensweltnaher Beispielsituationen das Versprechen, dass Wachstum Wohlstand und Glück für alle bringt, selbst bewerten. Auch der Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, der übrigens schon von Marx erkannt wurde, wird so nicht länger verleugnet.

 

Weiterführende Links:

Endlich Wachstum!

 

Titelbild © classroom, mangin. Flickr. All Creative Common License.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.