Im Frühjahr 2020 brachte der Soziologe Aladin El-Mafaalani anhand von Zitaten aus seinem Buch „Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“ und darauf basierenden wissenschaftlichen Thesen dem Publikum das Thema Bildung und ungleiche Entwicklung näher.
Die Diskussion des Abends des 5. März 2020 an der Volkshochschule München drehte sich darum, ob Bildung gleich Erfolg bedeutet, was man tatsächlich von dem Bildungswesen abverlangen kann und wie Bildung und Ungleichheit zusammenhängen. Frau Fatema Mian vom Bayerischen Rundfunk moderierte.
Begriff Bildung: Humankapital, Persönlichkeitsbildung und Habitus.
Obwohl Aladin El-Mafaalani schreibt „Bildung ist ein Mythos, weil es ein unbestimmbarer Begriff ist, der dann […] immer herhalten muss, wenn man nicht mehr weiterweiß.“, sagt er gleichzeitig der Begriff würde sich eigentlich in drei Begriffsfamilien teilen: Zum einen würde man darunter Humankapital, zum anderen Persönlichkeitsbildung und zu guter Letzt Habitus verstehen.
Dabei wäre aktuell Humankapital, also die gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Verwendung von angeeigneten Kenntnissen das, was man auf internationaler Ebene am geläufigsten als Definition für ‚Bildung‘ verwendet. Dies sei insbesondere der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und der durch sie geförderten PISA-Studie zu verdanken, die im Grunde Bildung global vereinheitlichen und primär auf wirtschaftlichen Aufschwung ausrichten. Humankapital, so El-Mafaalani, wird somit in erster Linie dazu verwendet, um sich Macht anzueignen.
Persönlichkeitsbildung hingegen, basiert weniger auf der gesellschaftlichen Verwertbarkeit von Eigenschaften, sondern auf individueller.
Beide sind jedoch, so El-Mafaalani, blind für soziale Ungleichheiten, weshalb der Habitus-Begriff hier notwendig ist, um diese zwei Perspektiven zu verbinden, um auch soziale Disparitäten offenkundig zu sehen. Der Grundgedanke des Habitus beruht nämlich auf der Auffassung, dass Bildung größtenteils darauf basiert, was wir als Individuen in unseren jeweiligen Milieus lernen. Habitus steht zudem für eine Mentalität, die es einem erst ermöglicht, bestimmte Bildung aufzunehmen.
Bildung vor dem Hintergrund ungleicher Lebensrealitäten.
Betrachtet man das Phänomen Bildung im Zusammenhang mit (ungleicher) Entwicklung, so wird in prominenten Diskursen angenommen, Bildung wäre das Nonplusultra und würde per se für mehr Chancengleichheit sorgen.
Das Misskonzept, wenn es um Chancengleichheit geht, beruht dabei fälschlicherweise auf der Annahme alle Menschen gleich machen zu müssen z. B. alle sollen einen höheren Schulabschluss erreichen. Im Kern ist Chancengleichheit jedoch darauf bedacht Menschen lediglich gleiche Möglichkeiten zu gewährleisten etwas zu erreichen, ungeachtet ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft oder ihres sozialen Status‘.
Der Hauptgrund, warum Menschen ungleiche Chancen haben, entspringt nämlich bereits den Prozessen, die wir durchlaufen, noch bevor wir überhaupt eingeschult werden. Diese werden wiederum von Aspekten wie soziale Klasse, Ethnizität, Geschlecht sowie geografische Lage stark beeinflusst. Problematisch wird es zudem dadurch, dass diese persistenten Unterschiede durch die Institution ‚Schule‘ nicht verringert werden, sondern zuweilen sogar verstärkt werden.
Leistungen im Kontext sehen.
Die von El-Mafaalani im Zuge seiner Buchrecherche angestellten Untersuchungen ergaben, dass Leistungen von Schulkindern ungeachtet ihres privaten Hintergrundes anders eingeschätzt werden, als wenn dieser mitberücksichtigt wird. Ein Kind, welches mit einem alkoholkranken Vater sowie einem körperlich behinderten Bruder in seinen Schulleistungen als ‚durchschnittlich‘ eingestuft wurde, würde nach der Untersuchung seines Lebensfeldes und den darin herrschenden Umständen in seinen schulischen Leistungen eher als ‚überdurchschnittlich‘ gelten, setze man das in direkten Vergleich zu einem privilegierten Kind.
Im Zusammenhang damit bezeichnet El-Mafaalani Kinder als ‚Insolvenzverwalter ihres Alltages‘, und bezieht sich dabei jeweils auf den unterschiedlichen Planungshorizont von unterprivilegierten (finanziell schwächer gestellt, mit einem Elternteil aufwachsend, Migrationshintergrund, Behinderung etc.) und privilegierten Kindern. Die in der Gesellschaft schlechter gestellten Kinder haben weniger Ressourcen und denken daher eher kurzfristig, funktional und sind ebenfalls risikoscheu, da eine falsche Entscheidung gleich mit ‚Verschwendung‘ zu setzen wäre.
Diversifizierte Förderung fehlt.
Ausgehend von solchen Erkenntnissen ist El-Mafaalani der Meinung, das schulische System in seiner aktuellen Funktionsweise sei nicht in der Lage, solche Diskrepanz rechtzeitig zu erkennen und diese effizient zu bekämpfen, nämlich durch diversifizierte Förderungen. Das Fehlen solcher Fördermaßnahmen spiegelt sich direkt in dem Paradox der steigenden Bildung und aber der damit mitsteigenden Ungleichheit. In den letzten 15 Jahren haben ohne Frage Millionen von Menschen von Bildungsförderung profitiert, jedoch bekam die untere Klasse nie etwas, ohne, dass die obere Schicht ebenfalls etwas bekam.
Die Bildungsbeteiligung von Mädchen hat sich weit verbessert, jedoch hat sich diese auch bei den Jungs. Die effektive Förderung von den in der Bildungsexpansion explizit benachteiligten Gruppen gab es wenn, dann nur selten und auch ausschließlich außerhalb des formellen Bildungssektors.
Systematische Ungleichheit bleibt.
Diese Gesichtspunkte beleuchten ein grundlegendes Problem des aktuellen Schulsystems, und auch wenn sich El-Mafaalanis Forschung ausschließlich auf deutsche Schulen und Bildungsinstitutionen bezogen hat, so können sich die hier genannten Diskrepanzen leicht auf weltweite Disparitäten in den verschiedenen Bildungsstrukturen beziehen lassen. In seinem Buch sowie dem daran orientierten Gesprächsabend hat er die Schwachstellen der Bildungssysteme offen gelegt, die es zu beseitigen gilt, wenn Ungleichheit auf systemischer Ebene effektiv anzugehen wäre.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Zum Buch „Mythos Bildung“ von Aldain El-Mafaalani
Foto: Mythos Bildung. Cover © Sigloch Distribution Kiepenheuer & Witsch.