Was ist wirksame Bildung? Was kann politische Bildung? Was will Bildung? Diese Fragen lassen sich aus den Biographien jener Menschen beantworten, die sich der Volksbildung gewidmet haben. Einer davon war mein Onkel Alfred Faschingeder. Er ist Ende September 2010 im 84. Lebensjahr verstorben.
Alfred Faschingeder war mir auf merkwürdige Art und Weise ein besonderer Onkel. Ein Häuselbauer, Kirchgänger, Autofahrer. So ganz normal und bürgerlich. Er pflegte seinen Rasen exakt zu mähen, das Gras stand lotrecht, kein Unkraut, keine Wildnis im Garten. Seine Geschichte ist so normal. Und doch so besonders wie viele Biographien in diesem Land.
Schulfunk im Rundfunk
Sein Berufsleben verbrachte er beim Österreichischen Rundfunk. In einer Zeit, als man noch nicht vom ORF sprach. Er machte Schulfunk, oder besser: Er selbst war der Herr Schulfunk. Schnörkellos und präzise stelle ich mir seine Sendungen vor. Ich habe niemals eine davon gehört, denn als er in Pension ging, war ich noch nicht Zielgruppe.
Schulfunk. Was für eine Idee war das? Uns sagt das nichts mehr. Erfunden 1932, instrumentalisiert in der Nazizeit, nach dem Krieg bis 1984 betrieben. Vom Schulfernsehen bedrängt, und doch erfolgreich. Nicht eingestellt, als es in der Schule immer weniger gehört wurde, weil ihn so viele Frauen zuhause hörten, beim Bügeln, Kochen oder einfach so. Schulfunk, das war Volksbildung über den Äther. Täglich von 9.00 bis 10.00 Uhr. 700 Sendungen sollen es 1955 gewesen sein, 900 im Jahr 1984, drei bis vier in einer Stunde, fünf Tage die Woche (Graier 2009). Als der Schulfunk und bald darauf auch mein Onkel in Pension gingen, 1984, wurde das Radiokolleg daraus, zur selben Sendezeit. Bis heute eine Kathedrale der Radio-Bildung, der Weltbefassung, der Selbstveränderung.
Ich stelle mir die 35 bis 40 SchülerInnen vor, in einer österreichischen Mittelschule, wie sie vor dem Radio sitzen und zuhören. Oder sich langweilen. Sich U-Hakerl zuschießen. Liebesbriefe schreiben. Wofür alles wird diese Stunde genutzt worden sein? Und Alfred Faschingeder erklärt ihnen die Welt, über den Äther hinweg. Oder nur Teile der Welt: Die österreichische Volkswirtschaft. Die verstaatlichte Industrie. Der Landwirt im Marchfeld. Vielleicht etwas Historisches: Den Dreißigjährige Krieg. Den korsischen General. Die Gründung der Ersten Republik. Ich fantasiere über Themen.
Politische Bildung
Ausgabe von 1966
Schulfunk, das war nicht einfach nur Wissensvermittlung. Schulfunk war politische Bildung. Das Medium Radio zur politischen Aufklärung genutzt. Kein dialogisches Medium, nein, das nicht. Aber ist der Unterricht denn sonst dialogisch? Auf einer europäischen Schulfunkkonferenz wurde 1977 festgehalten, dass Schulfunk mehr Motivation und weniger Stoffvermittlung bedeute. Damit den methodischen Wandel des Unterrichts, weg vom autoritären und lehrerzentrierten Unterricht, hin zum offenen Lernen befördere.
War das Volksbildung? Schulbildung über das Radio, das war einmal neu, und zwar 1932. Ab 1962 gab es das Schulfernsehen, eine ernsthafte Konkurrenz. Beides wird an seinem Beginn fast so aufregend wie facebook vor zwei Jahren gewesen sein. Oder das Internet, als ich 1993 meinen ersten e-mail-account in der Blackbox anlegte. Doch solche Aufregung legt sich bald. Schulfunk galt irgendwann dann als altmodisch, als überholt. Spätestens 1984, als mein Onkel und mit ihm sein Schulfunkprogramm in Pension gingen.
Er war damals 57 Jahre alt. Zwei Jahre arbeitete er noch im ORF mit, für das Radiokolleg, dann kam endgültig der Abschied. Der Arbeit überdrüssig, mit Vorfreunde auf das Landleben als Frühpensionist? Von ORF-internen Intrigen ermüdet? Oder hinauskomplimentiert, weil man schon seit Jahren wusste, dass der Schulfunk zwar eine große Vergangenheit, aber sicher keine Zukunft hat?
Ich mache heute nichts wesentlich Anderes als mein Onkel:Komplexe Inhalte mit Hilfe neuer Medien aufbereiten. Bei mir bedeutet das heute, Webartikel zu verfassen, Videos für you-tube zu produzieren. Experimente mit neuen Medien, bis auch diese so grau sind wie meine Haare heute schon.
Die Partei und die Bildung
Vor dem Schulfunk in der ÖVP. Arbeit in der Landesparteizentrale Niederösterreich. Woher sonst wäre mein Onkel damals in den Rundfunk gekommen? Und: Wie sonst hätte man damals etwas werden sollen, wenn man aus einer niederösterreichischen Provinzstadt kam? Die Partei konnte helfen. Das was damals so. Das ist heute anders. Ist das heute anders?
Politik wollte er offensichtlich nicht als Geschäft betreiben. Sondern Bildung. Oder doch Politik über Bildung? Waren seine Sendungen parteipolitisch gefärbt? Oder nur proporzpolitisch ausgeglichen? Mein Vater erzählte, dass ihn sein Bruder das eine oder andere Mal gefragt hatte: die eine Passage zu ungenau, jene zu distanzlos zur Sichtweise einer Partei. Man stand in Österreich im Kulturkampf zwischen Schwarzen und Roten. Mein Onkel wusste, wo er hingehörte. Und über den Schulfunk wachte ein Kommission im Unterrichtsministerium, natürlich paritätisch besetzt. Die Ausgewogenheit war Institution.
Ich denke doch, dass er Volksbildner war. Volksbildung war nie neutral: Sie war schwarz oder rot. Sieben lange Jahre war sie braun. Erst spät, ab den 1980er Jahren, wurde sie bunt: alternativ, umweltschützerisch, feministisch. Aber kritisch, ja kritisch war die Volksbildung immer: kritisch gegenüber denen von der anderen Farbe, gegenüber parteiinternen Simplifizierungen. Es galt, Terrain zu gewinnen, Zustimmung zu erringen, über den Weg der Überzeugung, der Aufklärung. Nicht Propaganda, nicht Werbung, sondern durch Bildung. Ein Gruß von Antonio Gramsci.
War sie wirksam, diese Volksbildung? Langweilten sich die SchülerInnen vor den Empfangsgeräten, 1932 oder 1977 oder noch 1984? Oder folgten sie begeistert den Ausführungen meines Onkels und anderer SendungsmacherInnen? Man kannte damals nicht das Instrument der Evaluierung und der Ergebnismessung. War das ein Schaden?
Fortsetzung hier: Mein Onkel, der unbekannte Volksbildner – Teil 2.
Lesen Sie auch den Nachruf auf Ö1.
Quelle: Melanie Christel Graier, Bildung über den Äther. Vom Schulfunk bis zum Postcast. Diplomarbeit an der Universität Wien. Wien 2009.
Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums und seit Jahren in der Erwachsenenbildung sowie universitären Lehre tätig.
Reaktionen: gerald.faschingeder@paulofreirezentrum.at