Eine Präsentation des Buches „Pädagogisierung: Die Kunst, Menschen mittels Lernen immer dümmer zu machen!“ herausgegeben von Erich Ribolits und Johannes Zuber.

Wird man durch Lernen wirklich klug? Erhöht permanente Weiterbildung
die Chancen auf einen sicheren Arbeitsplatz und sozialen Aufstieg? Und
warum wird eigentlich soviel gelernt?
Antworten auf diese Fragen bietet neben Stoff zum Nachdenken und der Zerstörung so mancher Illusion Band 116 der Reihe schulheft.
In zehn (selbst-)kritischen, teilweise ausgesprochen ironischen
Beiträgen beschäftigen sich die zumeist selbst im Feld der
Erziehungswissenschaften tätigen AutorInnen mit dem schon in den 1960er
Jahren konstatierten und kritisierten Phänomen der "Pädagogisierung".
Die totale Erziehung
Mit "Pädagogisierung" meinen die AutorInnen in erster Linie die Übertragung pädagogischer Begriffe und Inhalte auf andere gesellschaftliche Bereiche, wie etwa Politik oder Wirtschaft. Diese beobachten sie zum Beispiel an der zunehmenden Tendenz, politische oder gesellschaftliche Missstände der Öffentlichkeit gegenüber als pädagogische Probleme abzutun. Pädagogisierung passiert in ganz alltäglichen Lebensbereichen, wo für alle Lebenslagen BeraterInnen, Coaches und TrainerInnen bereitstehen, Volkshochschulprogramme die Briefkästen, "Coaching-TV" das Fernsehprogramm und Lebensberatungsbücher die Regale der Buchhandlungen füllen. Karlheinz Geißler spricht von der "Vervolkshochschulung der Gesellschaft": Lernen wird zum universellen Problemlösungs- und Veränderungsmodell; das jeweilige Problem – sei es Rassismus, Arbeitslosigkeit oder Beziehungsstress wird pädagogisch behandelbar gemacht.
Nach Ansicht der AutorInnen ist das Phänomen Pädagogisierung die logische Antwort auf den neoliberalen Wandel und globale Modernisierungsprozesse. Wie diese hat die Expansion pädagogischer Methoden und Strategien mittlerweile das Subjekt, den Menschen als Individuum, erreicht. Wo gesellschaftliche und technologische Veränderungen immer rascher vollzogen, Lebens- und Arbeitssituationen immer prekärer werden, wird vom Menschen die totale Flexibilisierung, Anpassungs- und Selbstorganisationsfähigkeit verlangt. Die von allen Seiten gepredigte Strategie, im ständigen Wandel mithalten zu können, heißt fortlaufendes Lernen, Umlernen, Dazulernen, Verlernen ohne Unterlass und ohne Aussicht auf ein Ende. Der Individualisierungsprozess, der mit dem zunehmenden Zwang zur Selbstvermarktung ("Ich-AG") und wachsender Konkurrenz auf dem "überfüllten" Arbeits"markt" einhergeht, macht vor den Bildungsinstitutionen nicht halt.
Domestizierung des Denkens
Die AutorInnen kritisieren, dass das Ideal der Aufklärung, den Menschen durch Bildung aus seiner Unmündigkeit zu befreien, in keinem dieser lebenslangen Aus- und Weiterbildungskonzepte mehr mitschwingt. Der Mensch wird zu Humankapital, zum "Rohstoff Geist" – nicht mehr nur seine Arbeitsleistung, sondern auch sein "Selbst", der Mensch als Ganzes, mit seinen Charaktereigenschaften und Beziehungen, ist gefragt. Wo die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwinden, wird, Michael Sertl zufolge, "eben alles Lernen (oder alles Arbeit)". Wer nicht mitmacht, hat keine Chance, am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzuhaben und beruflich erfolgreich zu sein. Laut Thomas Höhne hat Macht in der Moderne eine "pädagogische Ausrichtung"; Elke Gruber spricht von der für die "Etablierung neoliberaler Logiken" notwendigen pädagogischen Strategie, das Subjekt zu aktiver und permanenter "Selbst-Kontrolle", "Selbst-Ökonomisierung" und "Selbst-Rationalisierung" zu zwingen. Durch lebenslanges Lernen werden neoliberale Charaktereigenschaften wie "Entgrenzung, Flexibilität, Autonomie und Selbstorganisationsfähigkeit" ausgebildet. Die Subjekte werden an die Verhältnisse angepasst, nicht die Verhältnisse an die Subjekte.
Der Mensch lernt demzufolge nicht für seine Selbstentfaltung: er lernt, sich besser an das System anzupassen und dies auch noch in der festen Überzeugung, durch die permanente Weiterbildung freier, sicherer und unabhängiger zu werden. Denn in der Tendenz zur Individualisierung und Pädagogisierung schwingt immer auch die Botschaft mit, jedeR sei seines/ihres "eigenen Glückes Schmied": an Widrigkeiten ist nicht die Gesellschaft oder das System schuld, sondern das Individuum selbst. "Gesellschaftliche Probleme werden versubjektiviert", meint Ingolf Erler in seinem Beitrag zur "Selbstdisziplinierung des flexiblen Menschen". Statt sich zu wehren und die Probleme verursachenden Strukturen zu verändern, muss mensch lernen, mit der jeweiligen Situation besser zurecht zu kommen.
Für eine Ökologie und wider eine Ökonomisierung des Lernens
Während sich die Beiträge im ersten Teil des Bandes vorwiegend mit der Definition von "Pädagogisierung" befassen, widmet sich der zweite Teil aus unterschiedlichen Perspektiven ihren konkreten Auswirkungen. So räumt Karl-Heinz Geißler in seiner Schimpftirade auf das Konzept des "life-long learning" mit den Illusionen des Lernens auf und hofft, dass die "Bildungspolitik unseres Landes mehr Fähigkeiten und Fertigkeiten bei den Subjekten entwickelt, als der Staat und die Wirtschaft brauchen können". Frank M. Orthey, selbst Berater und Trainer, geht streng mit der eigenen ("Lernhelfer"-)Szene ins Gericht, die seiner Meinung nach nur "für sich selbst arbeitet" – sich und seine KollegInnen bezeichnet er als "postmoderne Hofnarren". Er ruft zu Widerständen auf, "für eine Ökologie des Lernens und wider seiner Ökonomisierung!" Mit der Frage, ob die neuen interaktiven, berufsvorbereitenden Unterrichtsmethoden Paulo Freires "dialogisches Prinzip" nicht (absichtlich) missverstehen, beschäftigt sich Erich Ribolits. Am radikalsten schließlich argumentiert Franz Schandl er fordert nichts weniger als die Abschaffung der Arbeit.
Trotz Verständnisses für den bissigen Tonfall, der die eigentlich sehr sachliche Argumentation mitunter übertönt (gleichwohl er die Lektüre des Heftes sehr amüsant macht) bleibt man angesichts des Ausmaßes der thematisierten Problematik von Zeit zu Zeit dem Wortwitz den verdienten Lacher schuldig. Das Prädikat "lehrreich" ist in diesem Fall wohl das verkehrte Kompliment.
Erich Ribolits, Johannes Zuber (Hg.): Pädagogisierung: Die Kunst, Menschen mittels Lernen immer dümmer zu machen! schulheft 116/2004. Studienverlag Innsbruck-Wien-München-Bozen. 127 Seiten. 9,90. ISBN 3-7065-1993-3.