Am Abend des 15. Mai 2013 luden BildungGrenzenlos und DiePresse.com zum Auftakt einer gemeinsamen Diskussionsreihe in die Universität Wien, um mit Ulrich Steffens, Heidi Schrodt und Franz Randits die vielbeachtete Mega-Bildungsstudie „Visible Learning“ des neuseeländischen Pädagogen John Hattie kritisch zu evaluieren.Wie Vizerektorin Christa Schnabl in ihrer Eröffnungsrede anmerkt, entscheide heute ein komplexes Bündel an Faktoren – unter anderem Intelligenz, soziale Herkunft, aber auch die LehrerIn-SchülerIn-Beziehung – über den Bildungserfolg junger Menschen. Nur begrenzt könnten Einzelne diese Faktoren beeinflussen. Insbesondere die Betroffenen – Schülerinnen und Schüler – seien ihren Lernbedingungen oft recht machtlos ausgesetzt. Trotzdem sieht Bildungswissenschafter Ulrich Steffens vom hessischen Landesschulamt die „Hattie-Studie“ Visible Learning über Faktoren, die zu Bildungserfolg beitragen, als wegweisend für Bildungsplanung und -politik, so sie entsprechend kritisch und reflektiert aufgenommen wird.
In seiner Studie hat der neuseeländische Pädagoge und Bildungswissenschafter John Hattie die Ergebnisse von 800 Metaanalysen, die 50.000 Einzelstudien und darin wiederum 250 Millionen SchülerInnen untersuchen, statistisch in Relation gesetzt, um daraus 138 Einflussgrößen für hochwertigen Schulunterricht zu ermitteln.
Wie soll die Schule der Zukunft aussehen?
Aus seiner Analyse dieser Studie leitet Ulrich Steffens übergeordnete Faktoren für den Bildungserfolg ab: Entscheidend sind demnach insbesondere Vorwissen, kognitive Fähigkeiten und soziale Herkunft der Lernenden. Dabei sei der Strukturfaktor des Bildungswesens weniger wichtig als der Personenfaktor. Der Fokus in der Bildungsevaluation und -verbesserung sollte entsprechend nicht so sehr auf dem strukturellen Umfeld, dafür mehr auf der konkreten Unterrichtssituation liegen. Außerdem seien Lehr- und Lernstrategien entscheidend: Insbesondere klare Regeln, eine kooperativ-aktivierende Lehrhaltung und evaluatives Lernen würden einen humanen Umgang und ein positives Lernklima fördern. Das evaluative Lernen zeichne sich durch gegenseitige Feedback-Schleifen zwischen LehrerIn und SchülerIn, ähnlich Freires dualer Konzeption vom „Lehrer-Schüler“ und „Schüler-Lehrer“ aus. Im Vergleich reformpädagogischer Konzepte bezüglich der erfolgreichen Vermittlung von Fachwissen würden forschendes Lernen und Rollenspiel bessere Resultate erzielen als der klassische Frontalunterricht.
Schule aus der Sicht der Lernenden sehen
Stark macht Hattie sich für eine zunehmende Orientierung der Schulen an ihren SchülerInnen. So sollten LehrerInnen versuchen, ihren Unterricht einfühlend und primär aus der Perspektive ihrer Schützlinge zu gestalten, um diesen deutlicher an seinem Ziel – erfolgreicher Bildung – ausrichten zu können. Lehrende sollten sich als Lernende der eigenen Praxis verstehen und nicht ihre Persönlichkeit sondern ihr Handeln im Bildungsvorgang in den Mittelpunkt stellen. Entsprechend leitet Steffens Bausteine einer erfolgreichen direkten Instruktion im Klassenzimmer ab: transparente Ziele, aktive Einbeziehung der Lernenden, genaues Verständnis wie Inhalte vermittelt werden können, beständige Verständnisüberprüfung sowie angeleitetes Üben. Jedoch erfindet er mit dieser Zusammenstellung das Rad nicht neu, retrospektiv wird solch elementare Grundlagen des Lehrens wohl kaum einE PraktikerIn bestreiten.
Steffens möchte das LehrerInnenbildungswesen, vor allem auch die Bedeutung von Fortbildung und lebenslangem Lernen, weiter ins Zentrum staatlicher Bildungspolitik gerückt sehen, anstatt sich dort weitere Jahre mit nachrangigen Strukturaspekten aufzuhalten. Er versinnbildlicht deren Nutzen mit der Metapher des „Doppeldeckers“: Was für SchülerInnenbildung gilt, könne auch auf LehrerInnenbildung angewendet werden. Umgekehrt würden kompetent ausgebildete LehrerInnen wohl auch kompetente SchülerInnen ausbilden.
Kritik
In der anschließenden Diskussion entfalten sich konträre Sichtweisen auf das österreichische Bildungssystem zwischen Heidi Schrodt, pensionierte Leiterin einer Wiener Allgemeinbildenden Höheren Schule, und Franz Randits vom Kompetenzzentrum für Didaktik der Biologie an der Universität Wien. Während er die effektivsten Handlungsempfehlungen Hatties‘ und Steffens‘ in Österreich bereits umgesetzt und folglich keinen Handlungsbedarf auf politischer Ebene sieht, wähnt sie Österreich „weit vom Schuss“. So sei z.B. strukturierter, störungsfreier Unterricht an einigen Schulen nicht umsetzbar. Auch seien LehrerInnen vielfach nicht entsprechend ausgebildet. Insbesondere das Fortbildungswesen gelte es auszubauen. Eine offene Feedbackkultur würde Österreichs Schulen nicht schaden.
Abschließend möchte gesagt sein, dass mich bei der Auseinandersetzung mit der „Hattie-Studie“ das Gefühl beschleicht, diese sei „too big to fail“. Allein der gigantische Umfang der Forschungsgrundlage mag manch eineN BildungspraktikerIn zu vorschneller Umsetzung abgeleiteter Handlungsempfehlungen verleiten. Jedoch sollte die kritische Reflexion der Forschungsmethode und ihrer Grenzen nicht zu kurz kommen. Sicherlich lohnt es, sich der grundlegenden Aussage Hatties zu erinnern, dass Lehren und Lernen einander gegenseitig bedingen und sich in Toleranz und Offenheit am besten entfalten. Ob es dafür eine Auswertung von 250 Millionen SchülerInnen bedarf, sei dahingestellt.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.