Lebenslanges Lernen kritisch hinterfragt

Am 22. Mai 2013 lud die Hauptbücherei am Gürtel zu einer Podiumsdiskussion der „Initiative Kritische Erwachsenenbildung„. Erich Ribolits, Daniela Holzer, Christian Kloyber und Walter Schuster stellten ihre Initiative und das unter ihrer Verantwortung entstandene 148. Schulheft „Kritisch denken: für eine andere Erwachsenenbildung“ vor und hinterfragten Entwicklungen und Ziele des Lebenslangen Lernens.
Zum Missfallen der Podiumsgäste und einiger ihrer KollegInnen aus dem Bildungsbereich bot und bietet sich in Österreich wenig Diskussionsraum, um in letzter Zeit zunehmend gepriesene und nachgefragte Dienstleistungen des Lebenslangen Lernens (LLL) kritisch zu hinterfragen. Da Bildung längst keinen formalen Endpunkt, wie den früher mit einem Bildungsabschluss verbundenen Eintritt in ein abgesichertes Arbeitsverhältnis, mehr kennt, sind heutige ArbeitnehmerInnen zunehmend angehalten, an einem bunten Angebot von Fort- und Weiterbildung teilzunehmen. Der Druck im Rennen um Abschlüsse und Zertifikate nimmt zu. Galt für öffentliche Schul- und Universitätsbildung noch an, dass sie zumindest in gewissem Rahmen der Allgemeinbildung und Emanzipation des Menschen diente, so zeigt sich bei Angeboten des LLL die reine Marktorientierung wesentlich deutlicher.

Um diesen Entwicklungen zumindest etwas Diskussionsraum entgegenzusetzen, richten die AutorInnen der „Initiative Kritische Erwachsenenbildung“ im kommenden Herbst bereits die fünfte Tagung zur „dunklen Seite“ lebenslangen Lernens aus – dieses Jahr zum Themenschwerpunkt „Utopien des Besseren – Wunschorte des Kritischen“. Aus der letzten Tagung ist auch das 148. Schulheft „Kritisch denken: für eine andere Erwachsenenbildung“ (2012 im Studienverlag) entstanden. Es möchte kritische Erwachsenenbildung wieder etwas in den Fokus rücken, aber es nicht nur bei Theorie und Diskussion belassen, sondern diese mit Praxis verschränken.

CIMG2406a.JPGv.l.n.r: Erich Ribolits, Daniela Holzer, Barbara Kreilinger (Moderation), Christian Kloyber und Walter Schuster; Foto: Julian Lasinger

Ausbau auch Rückschritt

Denn wie Erich Ribolits, pensionierter Professor der Bildungswissenschaften an der Universität Wien, feststellt, gingen kritisches und politisches Potential von Bildung immer mehr verloren, während LLL zunehmend etabliert und institutionalisiert würde. Dies müsse nicht so sein, wäre doch kritische Erwachsenenbildung ein geeignetes Vehikel, um Menschen ihre individuellen politischen Möglichkeiten erfahr- und sichtbar zu machen. Vor allem für jene, die wenig Aufmerksamkeit des formellen Schulbildungswesens genossen haben, könnten kritische Fort- und Weiterbildung einen elementaren Beitrag zur Orientierung in der Gesellschaft bieten. Humanressource und Humankapital als geleugnete Ziele unseres Bildungswesens trügen leider nicht dazu bei, Gesellschaft und ihre Machtstrukturen zu hinterfragen. Auch unterlaufe diese Entwicklung des Bildungswesens ein wünschenswertes Miteinander, sei doch Bildung heute die primäre Ressource des globalen Kampfes der Individuen zum eigenen Vorteil im Marktwettbewerb.

Darauf aufbauend erläutert Walter Schuster, Direktor der Volkshochschule Brigittenau, wie schon die begriffliche Durchdringung des Bildungssektors mit Termini der Wirtschaftswissenschaften zeige, dass Bildung ihre propagierten aufklärerisch-humanistischen Ziele von Mündigkeit und Kritikfähigkeit weit verfehle. Für Christian Kloyber, Leiter des Geschäftsfeldes Bildungsentwicklung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung, zeige sich mit der zunehmenden Institutionalisierung und Verbreiterung des Sektors LLL ein weiteres Kernproblem der Erwachsenenbildung: Trotz ihrer zunehmenden Bedeutung sei sie nach wie vor meist überaus prekär finanziert. Gleichzeitig sei durch die Vielfalt des Angebotes Qualität und Nutzen im Einzelfall nur bedingt nachvollziehbar.

Bildung ist für jedeN gut?

Wie Daniela Holzer, Assistenzprofessorin im Fachbereich Weiterbildung der Universität Graz, hervorhebt, komme dem Aufzeigen der Brüche und Unstimmigkeiten hinter dem Bildungswesen eine zentrale Aufgabe kritischer Bildungsarbeit zu. Behauptungen, dass Lebenslanges Lernen für jedeN gewinnbringend sei und persönlicher Erfolg dadurch sichergestellt werden könne, ebenso wie eine Gleichsetzung von Weiterbildung mit Bildung, seien schlichtweg nicht haltbar. Ihrer begrenzten Möglichkeit zu „kritischer Kritik“ durch die eigene Funktion als erhaltende Rädchen im offiziellen Bildungswesen sind sich alle vier AkademikerInnen am Podium bewusst. Inwieweit die Wissenschaft als Elite entsprechend systemverändernde Kritik üben kann, sei dahingestellt. Dass Starke für Schwache eintreten und Solidarität und Zugang zu Bildung für diese fordern, ist jedoch ein wichtiges Zeichen. Das Ziel kritischen Unterrichts und kritischer Bildung sei laut Walter Schuster daher die Befähigung zu Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität. Hoffentlich ermutigt die Arbeit der Initiative Kritische Bildungsarbeit andere, diesem Beispiel zu folgen. Denn wie Daniela Holzer schloss: Eine bessere Gesellschaft ist machbar – durch viele kleine Schritte aller.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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