Im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und Entwicklung“ referierte Daniel Künzler vom Lehrstuhl für Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit der Universität Freiburg am 20. April 2015 über die globale Bildungsdiskussion.
Am Anfang des Vortrags nahm Künzler sowohl Bezug zu dem kürzlich veröffentlichen Monitoring Report der Initiative „Bildung für alle“ als auch auf das World Education Forum 2015. Der Redner betonte in diesem Zusammenhang, dass sich die Welt momentan in der globalen Bildungsdiskussion in einer Phase des Umbruchs befände und es deshalb nicht ganz einfach sei, einen Überblick zu behalten.
2015 stelle zudem das Ende einer Periode in der globalen Bildungsdiskussion dar, die sehr stark von den Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs) sowie den Zielen der Initiative „Bildung für alle“ (Education for all – EFA) geprägt war.
Grundschulbildung für alle.
Eines der Ziele der MDGs sei eine Grundschulbildung für alle, deren Umsetzung Künzler anhand des Millennium Development Goals Report 2014 genauer erläuterte. Bezüglich der Einschulungsraten in der Primarstufe stellte Künzler heraus, dass in den sogenannten Entwicklungsländern zwar ein Anstieg der Rate erreicht worden sei, jedoch diese Steigerung nicht der Zielsetzung von 100 % entspräche. Zudem betonte der Redner ebenfalls, dass die Wirtschaftskrise sich negativ auf die Zielerreichung auswirkte. Regional betrachtet sei das Ziel in Nordafrika sowie West- und Südasien mehr oder weniger erreicht worden. Im Gegensatz dazu konnten Ozeanien und Afrika südlich der Sahara ihre Einschulungsquoten zwar verbessern, jedoch seien sie weit von der 100%-Zielsetzung entfernt.
Geschlechterparität auf allen Bildungsstufen?
Ähnlich verhalte es sich mit der Geschlechtergleichheit. Auch hier zeigte Künzler, dass die geringste Geschlechterparität in Afrika südlich der Sahara und Ozeanien vorzufinden sei. Er stellte zudem fest: „Die Benachteiligung von Frauen in diesen Teilen der Welt steigt im Allgemeinen mit zunehmender Bildungsstufe an. Dementsprechend wurden die definierten Ziele verfehlt“. Eine Ausnahme hierzu stellen unter anderem Lateinamerika und die Karibik dar, wo beispielsweise in der sekundären und tertiären Bildung mehr Frauen als Männer zu finden seien.
Ungleichheiten im Bildungszugang.
Nach Künzler habe sich in den letzten Jahren zunehmend ein globaler Konsens darüber entwickelt, dass sozioökonomische Ungleichheiten sehr eng mit Bildungszugang verbunden seien und dass gegen diese Tatsache vorgegangen werden müsse. Künzler betonte: „Es ist eindeutig, dass es in allen Entwicklungsländern sehr große Unterschiede im Bildungszugang gibt“. So seien beispielsweise Armut, Geschlecht und Wohnort sowie auch Behinderung zentrale Faktoren für einen ungleichen Bildungszugang. Die finanzielle Situation des Herkunftshaushalts sei dabei von besonderer Bedeutung.
Ein Trend in eine gewisse Richtung lasse sich nicht feststellen: So habe die Ungleichheit in einigen Ländern abgenommen, wohingegen sie in anderen stagniert sei (Fahrstuhleffekt) oder zugenommen habe. Besonders benachteiligt und von Bildungsangeboten ausgeschlossen, so Künzler, seien Kinder mit Behinderung, wobei der Grad der Behinderung eine zusätzliche Rolle spiele. Zudem sei auch die Benachteiligung aufgrund der Unterrichtssprache eine entscheidende, wenn auch oft vernachlässigte Komponente. Zusammenfassend hielt Künzler fest: „Bildungsbenachteiligungen gehen über sozioökonomische Aspekte hinaus“.
Ökonomische Nützlichkeit der Bildung als Qualitätsmerkmal?
Künzler warf die Frage auf, ob durch die Konzentration auf eine Erhöhung der Bildungsbeteiligung der letzten Jahre die Qualität der Bildung vernachlässigt wurde. Er verwies hierbei auf die Ergebnisse mehrerer Studien, die als Fazit hervorbrachten, dass die Kinder zwar in die Schule gehen, jedoch teilweise sehr schlechte Lernbedingungen vorfänden und dementsprechend häufig kaum Lernerfolge erzielten. Zudem betonte Künzler: „Obwohl derartige Qualitätsprobleme mehrfach festgestellt wurden, müssen diese nicht notwendigerweise mit erhöhten Einschulungsraten zu tun haben“. Außerdem machte er auch klar, dass Bildung sehr kontextabhängig sei und ein Bildungsprozess nicht von einem Land auf ein anderes übertragen werden könne. Ländervergleichende Studien wie PISA suggerieren eine realitätsferne Übertragbarkeit. Derlei Studien werfen zudem das Problem auf, dass sie auch fragwürdige Anreize stellen (Vernachlässigung der Inhalte und Fokus auf Platzierung im Ranking) und dabei nicht messbare Phänomene des Unterrichts und Lernens vernachlässigt werden. Somit bleibe nach Künzler auch der Zusammenhang zwischen Testergebnissen diverser Studien und einem ökonomischen Nutzen zu hinterfragen. Dennoch halten Organisationen wie die UNESCO und die Weltbank weitgehend an diesem Bildungsoptimismus und der Relevanz von internationalen Bildungsstudien fest und seien überzeugt, man könne damit auch ökonomischen Fortschritt einleiten und erklären.
Umbruch in der internationalen Bildungsdebatte.
Auch in der globalen Bildung werde inhaltlich vor allem auf arbeitsmarktrelevante Kompetenzen sowie verwertbare Basisqualifikationen (Life Skills) gesetzt. Weiterhin versuche man erfolgreiche Bildungsmodelle auf andere Länder zu übertragen, ohne den länderspezifischen Kontext zu berücksichtigen. Dieser Zugang werde auch in den neuen Diskussionen und Konzepten um zukünftige globale Bildungsziele (z. B. SDGs) fortgeführt. Die wenigen großen internationalen Organisationen haben zudem je eigene Schwerpunkte gesetzt. Dennoch gebe es in einzelnen Bereichen auch divergente Entwicklungen (z. B. Frauenüberschuss in der tertiären Bildung in Lateinamerika).
Letztendlich, so schließe Künzler, befänden wir uns momentan zwar im Umbruch in der internationalen Bildungsdebatte, aber an keinem großen Scheidepunkt, da dieselben Strukturen und Akteure ihre verfestigten Positionen weiterhin verfolgen.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Artikel zum Thema Bildung für Kinder mit Behinderung. Bericht von Astrid Hanl über den gleichnamigen Vortrag im Rahmen der Vorlesung „Bildung und Entwicklung“.