Wozu braucht es interkulturellen Dialog? Wie werden Konflikt und Dialog in der Gesellschaft erlebt und in der Schule gelebt? Diese und andere Fragen standen im Zentrum der Podiumsdiskussion, die am Mittwoch, 12. März 2008, vom Paulo Freire Zentrum veranstaltet wurde.Göksel Yilmaz, Lehrer für muttersprachlichen Unterricht in Türkisch, und Gerald Faschingeder, Kulturwissenschafter und Direktor des Paulo Freire Zentrums, diskutierten in der kooperativen Mittelschule Schopenhauerstraße im 18. Bezirk über Kultur, Bildung und Politik. Schulleiterin Erika Tiefenbacher leitete die Diskussion.

Am Podium: Gerald Faschingeder, Erika Tiefenbacher und Göksel Yilmaz.
SchülerInnen und StudentInnen im Dialog
Hintergrund der Veranstaltung ist das Projekt Hauptschule trifft Hochschule, eine Kooperation zwischen dem Paulo Freire Zentrum, der Wirtschaftsuniversität Wien und der kooperativen Mittelschule Schopenhauerstraße. Bei dem heuer bereits zum dritten Mal auf der Wirtschaftsuniversität stattfindenden Seminar unter der Leitung von Andreas Novy arbeiten Studierende und SchülerInnen miteinander zum Thema Kultur. Heuer, im europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs, steht das Thema Konflikt oder Dialog der Kulturen? im Zentrum des gemeinsamen Projekts. Frau Tiefenbacher betonte die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit auf gleichberechtigter Ebene SchülerInnen sollen nicht als Forschungsobjekt zur Verfügung stehen, sondern ebenfalls die Ausrichtung des Projekts steuern. Gemeinsam erforschen SchülerInnen und StudentInnen die Vielfalt der Kulturen in der eigenen Stadt. Die kooperative Mittelschule Schopenhauerstraße ist durch ihre besondere Situation als einzige öffentliche Hauptschule im 18. Bezirk und mit einem Anteil von 85-95% der SchülerInnen mit Migrationshintergrund solch ein Ort des Zusammentreffens der Kulturen. Inwieweit sie damit auch Schauplatz von Konflikt und Dialog ist, stand bei dieser Veranstaltung zur Diskussion.
Lehrer trifft auf Kulturwissenschafter Theorie versus Praxis?

Göksel Yilmaz (Photo: Katharina Auer)
Göksel Yilmaz begegnete der Frage nach dem Zusammentreffen von Kulturen vor seinem eigenen biographischen Hintergrund. Als er vor achtzehn Jahren mit einem kleinen Koffer nach Österreich kam, habe er nicht gewusst, wie lang er bleiben werde. Heute sei er zufrieden hier und habe Kontakte zu Leuten verschiedener kultureller Herkunft. Entscheidend, um gut in Österreich Fuß fassen zu können, sei die Beherrschung der deutschen Sprache. Auch wenn er heute gerne Mozart höre, fühle Göksel Yilmaz sich als Türke – bei einem Fußballländerspiel würde er nach der Türkei aber zu Österreich halten. Ein komplexes Zusammenspiel beider Kulturen prägt seine Identität.
Gerald Faschingeder beschäftigt sich heute auf wissenschaftlicher Ebene mit Kultur, was für ihn aber nicht bedeute, sich abseits der Praxis zu befinden. Schließlich seien Theorie und Praxis Teil eines selben Reflexionsprozesses. Über eigene Erfahrungen mit Interkulturalität sei Gerald Faschingeder zur theoretischen Auseinandersetzung mit eigentlich nur dem einen Begriff Kultur gekommen. Kulturwissenschaft bestehe für ihn im Nachdenken darüber, was denn Kultur nun genau ist, wie damit umzugehen sei und welche Tücken und Gefahren dies berge.
Kultur ge-lebt und er-lebt

Gerald Faschingeder (Photo: Katharina Auer)
Mit kultureller Differenz kann auf sehr unterschiedliche Weise umgegangen werden. Zur Verdeutlichung stellte Gerald Faschingeder verschiedene Modelle von Interkulturalität vor. Keines davon entspreche der Realität, aber in allen sei etwas Wahres enthalten. Während im ersten Modell Kulturen unabhängig nebeneinander stehen, sind sie im zweiten Modell wie Blöcke, die sich an verschiedenen Punkten berühren miteinander verbunden. Man kauft beim Greißler ein, aber nicht nur die Wurstsemmel, sondern auch Fladenbrot, erklärte Faschingeder das Modell des Multikulturalismus. Das dritte Modell betont auch hierarchische Verhältnisse zwischen den miteinander in Kontakt tretenden Kulturen. Ein anderes Modell der transkulturelle Fleckerlteppich geht von einer gegenseitigen Durchdringung der Kulturen aus.




Konzepte der Interkulturalität (Darstellung: Gerald Faschingeder)
Schule als Spiegel der Gesellschaft
Göksel Yilmaz meinte in seiner Schule vor allem das Modell der Multi- und der Transkulturalität zu erkennen. Aber entstehen aus kultureller Vielfalt in der Schule auch Konflikte? Yilmaz war der Meinung, dass diese nicht in der Schule entstünden, sondern von zu Hause dorthin mitgebracht werden. Die Schule habe im Gegenteil eine positive Rolle, indem sie sich um die Lösung dieser Probleme bemühe. Erika Tiefenbacher nahm an, dies sei deshalb so, weil die SchülerInnen sich in einem Klassenverband befänden, dessen Identität die kulturellen Unterschiede verschwinden ließe.
Nur, welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede für die SchülerInnen außerhalb der Schule? Gerald Faschingeder vertrat die Meinung, dass Schule ein Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse darstelle und somit durchaus ein konfliktiver Raum sein könne, auch wenn offene Konflikte eher im Park als im Klassenraum ausgetragen werden. Der Schulhof sei nicht der Ort, an dem gesellschaftspolitische Probleme gelöst werden können. Dennoch habe Schule die positive Funktion eines Pausenraums, in dem SchülerInnen mit Distanz zu den gesellschaftlichen Konflikten ganz eigene Erfahrungen miteinander machen.
Fortsetzung folgt…
Eine Dokumentationssendung zur Veranstaltung finden sie hier.
Katharina Auer studierte Spanisch und Internationale Entwicklung und Nadine Mittempergher studiert Internationale Entwicklung. Beide sind derzeit Praktikantinnen des Paulo Freire Zentrums.