K.Theater: keine Therapie

Die Aufführung des Theaterstück "Unschuldig" des Ensembles 11%K.Theater
der Straßenzeitung Augustin bildete den krönenden Abschluss des zweiten
Veranstaltungstages zum Symposium "Volksbildung heute?".

Die Theatergruppe der Wiener Obdachlosenzeitung Augustin 11%K.Theater wurde 2002 ins Leben gerufen und wird bei ihrer Arbeit von den beiden SozialarbeiterInnen Eva Rohrmoser und Andreas Hennefeld unterstützt. Der Name bezieht sich einerseits auf die Reichweite der Zeitung, die von 11% der WienerInnen gelesen wird, andererseits stehe das "K" entweder für "Kein Theater" oder könne je nach Belieben als königlich oder kaiserlich interpretiert werden, so einer der DarstellerInnen.

Ihre selbst inszenierten Stücke sind eine bunte Collage zusammengesetzt aus eigenen Erfahrungen und Phantasievorstellungen. In Anlehnung an den brasilianischen Theatertheoretiker Augusto Boal wollen sie Realität nicht nur interpretieren, sondern auch verändern. In diesem Fall war es die Realität von Arbeitssuchenden beim Arbeitsmarktservice.

"Unschuldig"

Auf gewisse Art und Weise sind sie alle unschuldig und Opfer des Systems, die ProtagonistInnen des Theaterstücks: Da wäre einmal der AMS-Berater Kleinschmidt, der trotz rekordverdächtigen Höhenflügen bei der Cyber-Moorhuhnjagd immer noch genügend Arbeitszeit aufbringt, um einem arbeitslos gewordenen Totengräbern einen viel versprechenden Job im Irak anzubieten. Vorraussetzung ist jedoch der Besuch eines AMS-Kursmoduls. Ein derartiges Engagement muss natürlich belohnt werden, handelt es sich dabei immerhin um den fünfhundertsten Schulungsabschluss des Herrn Kleinschmidt in Folge. Doch statt einer satten Prämie zur Realisierung des lang ersehnten Florida-Urlaubs, bleibt es beim alljährlichen Familienrundumerlebnis "Neusiedlersee". Doch es kommt noch schlimmer. Frau Gabriele Schuster, Abteilungsleiterin des AMS, hört schon förmlich, wie Kleinschmidt an ihrem Sessel nagt und greift daher zur Notmaßnahme "423". Ein Dequalifizierungskurs für ArbeitnehmerInnen scheint der letzte Ausweg, um den ehrgeizigen Mitarbeiter in die Schranken zu weisen.

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Das 11%K.Theater …

Dort angekommen findet sich Kleinschmidt in guter Gesellschaft vom Gärtner bis hin zur Psychoanalytikerin kämpfen sie alle mit demselben Problem: Sie sind zu teuer, zu eigenwillig und zu alt! Aber es wäre doch gelacht, könnte man sie nicht innerhalb weniger Wochen in willige, billige und auf dem Niveau eines Kindes stehen gebliebene Arbeitskräfte verwandeln. Zu diesem Zeck haucht Margarethe Drill den KandidatInnen bereits morgens mit Parolen wie "Ihr seid nichts, ihr könnt nichts und ihr wisst nichts" neuen Lebensfrust ein, der durch tägliches Wiederholen so weit perfektioniert wird, bis es auch ganz ohne Drill funktioniert. Das war jedoch nur die Aufwärmphase. Zu stark ist noch der eigene Wille, der aufgrund der starken Belastung des Magen-Darm-Traktes, durch einfache mentale Übungen in der zweiten Kurseinheit einfach aus dem Körper hinausgeatmet wird, bis nur noch ein Gefühl von behaglicher Leere zurückbleibt. Wem damit immer noch nicht geholfen ist, der verliert spätestens nach der schnapsgetränkten und mit Dj-Ötzi-Klängen versüßten Entertainmentshow des Pischinger Sepps die letzten überflüssigen Gehirnzellen.

Erst dann kann zum feierlichen Teil übergegangen werden, der in der Überreichung der Zeugnisse für die bestandene Dequalifizierung besteht. Hart war der Weg, aber es hat sich gelohnt – zumindest für einige der TeilnehmerInnen. So beispielsweise für Herrn Kleinschmidt, der zum Sektionschef des Sozialministeriums befördert wurde. Die Zeiten als er sich noch mit Arbeitslosen herumärgern musste sind ein für alle mal vorbei. Störend ist jetzt nur noch die karibische Sonne, die nach einer durchzechten Nacht das Wohlbefinden bei der Sondersitzung unter Palmen etwas beeinträchtigt.

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… in Aktion …

Doch selbst unter diesen widrigen Umständen, kennt der neu erweckte Einfallsreichtum des Herrn Kleinschmidt keine Grenzen. Dem Dequalifizierungskurs ist es wohl zu verdanken, dass Reformvorschläge wie die Gehsteigsteuer, die Verstaatlichung des Augustin oder die Hinaufsetzung des Pensionsantrittsalters auf 95 nun endlich realisiert werden können. Doch wie die Erfahrung zeigt, wird es auch hier nicht ganz ohne Fortbildungskurse gehen. Zu diesem Zweck soll ein SeniorInnen-Aktivierungs-Kurs, müde PensionistInnen im Pflegeheim Sonnenschein wieder munter machen.

In Form von Rollenspielen sollen Vorstellungsgespräche nachgespielt werden. Welch ein Zufall, dass ausgerechnet die älteren Damen in der Runde vom Kursleiter aufgefordert werden, sich so flexibel wie möglich zu geben, selbst wenn es für eine Anstellung als Magd erforderlich wäre, den Knecht zu heiraten, weil der Bauer eines streng katholischen Hofs nicht mir dem sittlichen Desaster leben könnte, die beiden unverheiratet in ein und demselben Zimmer nächtigen zu lassen. Diese Forderung geht jedoch ein für allemal zu weit. Angesichts dieser sexistischen Szenerie bleibt frau nichts anderes übrig, als das Theater wortwörtlich zu beenden.

"Wir sind eine Theater- und keine Therapiegruppe"

Nach der gelungenen Vorstellung nahmen sich die SchauspielerInnen noch Zeit für ein Gespräch mit dem Publikum. Auf die Frage, wie ein solches Stück zustande komme, antworteten die DarstellerInnen, dass nach einem kurzen Brainstorming zu Beginn der Proben viele Ideen erst durch Improvisation und "Herumblödeln" entstünden und erst dann den einzelnen Charakteren zugeteilt würden. Anregung für ihre Arbeit holten sie sich zwar schon vom Boalschen "Theater der Unterdrückten", vieles würde sich aber ganz ohne theoretische Anleitung oder bewusste Übernahme seiner Theaterelemente in diese Richtung entwickeln.

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… und danach in der Diskussion. (Alle Photos: Vera Brandner, ipsum)

Doch als unterdrückt fühlten sie sich in ihrer Arbeit ganz und gar nicht. Demnach seien sie auch keine "Therapie- sondern eine Theatergruppe", die ihr Publikum unterhalten will. Ein Vorhaben, das ihnen bestens gelungen ist und darauf hoffen lässt, dass sie aufgrund des Publikumerfolgs bald auf 12%K. Theater umbenannt werden müssen.

Die Autorin ist Studentin der Ethnologie und Politikwissenschaft und Praktikantin des Freire-Zentrums.

Zum Bericht auf okto.tv über das Augustin-Theater – diesen kann man auf www.christopolis.net mit Flash Player anschauen.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.