Internationalität leben – Fokus: österreichische Hochschulen

Am 26. und 27. April 2012 lud der Runde Tisch Bildungszusammenarbeit (RT-BZA) zu einer Tagung im FH Campus Wien-Favoriten ein, um über entwicklungspolitische Aktivitäten der Hochschulen zu informieren und Anregungen zur Weiterentwicklung entwicklungspolitischer Aspekte in Lehre und Forschung im Rahmen von Internationalisierungsstrategien und hochschulpolitischen Zielsetzungen zu geben.


Internationalität oder Hinternationalität?

In seiner Eröffnungsrede fragt Michael Obrovsky (ÖFSE) absichtlich provokant: Ist Entwicklungspolitik den österreichischen Hochschulen zumutbar? Angesichts der stets einengenden Rahmenbedingungen geht es ihm um die Erweiterung der entwicklungspolitischen Dimension und die Vorbereitung der Studierenden auf globale Herausforderungen. Am Beispiel der vermutlichen Abschaffung des Bachelorstudiums Internationale Entwicklung an der Universität Wien hinterfragt er die aktuelle Ausrichtung der Bildungsinstitutionen: Den Hochschulen scheint das disziplinäre Hemd näher als der transdisziplinäre Rock.

Der Widerspruch zwischen dem Anspruch an Internationalität und der aktuellen restriktiven Bildungspolitik werde zu groß. Außerdem herrsche nach wie vor eine Europa- und USA-Zentriertheit. Für den Aufbau und Austausch von Kapazitäten seien deshalb Wissenskooperationen mit PartnerInnen im Süden nur zu begrüßen, ansonsten müsse sich die österreichische Entwicklungspolitik den Namen Hinternationalität gefallen lassen, schließt Obrovsky. Helmut Kramer (Politikwissenschaftler an der Universität Wien) schuf diesen Begriff, um den Verlust des Weitblicks der österreichischen Hochschulpolitik zu verdeutlichen.

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Foto: Lilli Malin Röth, Paulo Freire Zentrum


Internationalität ist eine Voraussetzung

Andreas Obrecht (ÖAD) betont, dass es trotz der großen Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Inhalte nach wie vor die Aufgabe der Hochschulen sei, profundes Wissen zu vermitteln und für qualitative Forschung zu sorgen. Internationalität sei keine Folge, sondern Voraussetzung dafür, da sich die Wissenschaft per se globalisiert habe, so Obrecht. Die globalen Herausforderungen auf transnationaler Ebene sollten ganz oben auf der politischen Liste stehen. Entwicklungspolitisches und transdisziplinäres Forschen seien deswegen gefragt und wichtig.

Das aktuelle Positionspapier des RT-BZA, das unter anderen von dessen Koordinatorin und der Mitinitiatorin der Tagung Margarete Kernegger vorgestellt wird, informiert in diesem Zusammenhang über die Ergebnisse einer Umfrage zur entwicklungspolitischen Relevanz der Internationalisierungsprozesse an Hochschulen sowie über ExpertInneneinschätzungen. Weiters werden darin die Veränderungen innerhalb der Hochschulen und in ihrem institutionellen Umfeld dargestellt. Es zeigten sich negative und positive Entwicklungen, berichtet Atiye Zauner (ÖFSE). Einige Initiativen von österreichischen Hochschulen gäben Hoffnung, dass der Internationalisierungsdiskurs um die entwicklungspolitische Relevanz erweitert werden kann. Darin sieht Zauner Impulse für die Weiterarbeit.

Hochschulkooperationen und entwicklungspolitische Verantwortung

Für die konkrete Umsetzung an Hochschulen wird vor allem der Ausbau der Hochschulkooperation betont. Dafür werden drei interessante und motivierende Beispiele vorgestellt: Jakob Lederer (TU Wien) berichtet über Wissen und Wissensschaffung am Beispiel städtischer Abfallwirtschaft in Uganda, Helmut Schmitz (FH Kärnten) erzählt von einer fruchtbaren Wissenschaftskooperation in Ostafrika und Maria Wurzinger (BOKU Wien) informiert über die Kooperation zur Verbesserung der Lehre an Hochschulen in Lateinamerika.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Eva Blimlinger (Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien), Sylvia Hahn (Forum Internationales, uniko), Helmut Holzinger (Präsident FH Kärnten), Anton Mair (Stv. Leiter der Sektion EZA im BMeiA) und Moderator Andreas Obrecht wird die entwicklungspolitische Verantwortung der Hochschulen betont und über konkrete strategische Lösungen beziehungsweise bisherige Hindernisse für die Umsetzung nachgedacht. So müsse jede Universität auch einzeln aktiv werden, was die individuelle Unterstützung von StudentInnen aus Ländern des Südens betreffe. Dafür brauche es Offenheit und eine intensive Partnerschaftspflege. Interkulturelle Coachings für Lehrende könnten dabei helfen, den interkulturellen Blick zu schärfen.

Um innerhalb und außerhalb finanzieller und institutioneller Rahmenbedingungen die Situation für internationale StudentInnen positiv verändern zu können, scheint es eine transparente Informationsweitergabe sowie eine inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit zu brauchen. Die Bündelung der vielen kleinen, bereits existierenden Projekte, aber auch insgesamt die Stärkung des Interesses an der Entwicklungsforschung könnten dafür äußerst hilfreich sein.

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Fotos von Lilli Malin Röth, Paulo Freire Zentrum; links: Arbeit in den Workshops;

rechts: Beatrice Achaleke

Capacity-Building, Diversität und Lebendigkeit der Kooperation

In parallelen Workshops konnten sich die TeilnehmerInnen der Tagung vertiefend mit den Ansätzen des Capacity-Buildings, des Diversitäts-Konzepts oder mit einer besseren Verankerung der entwicklungspolitischen Dimension an Hochschulen auseinandersetzen. Aus der Abschlussreflexion konnten die TagungsteilnehmerInnen mitnehmen, dass es für die globalen Herausforderungen der Zukunft das Bewusstsein für die entwicklungspolitische Relevanz des Handelns braucht. Die Sichtbarmachung und Sensibilisierung auf den Aspekt der Internationalisierung an Hochschulen seien dabei zentral. Die Beispiele der lebendigen Kooperationen zeigen den Mehrwert für alle Beteiligten. Dafür brauche es jedoch finanziellen und personellen Aufwand, welcher in den Hochschulen geschaffen werden solle.

Der Schlusssatz von Beatrice Achaleke entlässt die TeilnehmerInnen ins Wochenende und motiviert sie zum Handeln: Diversität ist kein Problem, das gelöst, sondern ein Potenzial, das genutzt werden soll!

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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