Eine beeindruckende Veranstaltung fand am 29. April 2010 zu den Themen „Werte, Konflikte und Identität“ im Europahaus statt. Mithilfe verschiedener Formen des interkulturellen Dialogs soll ein Gegengewicht zum steigenden Einfluss von rechten Parteien, Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie in Europa geschaffen werden.
Jugendliche, SchülerInnen, Lehrende und JugendarbeiterInnen aus acht verschiedenen Ländern der EuroMediterranen PartnerInnenschaft Österreich, Dänemark, Ungarn, Israel, Jordanien, Libanon, Niederlande und Türkei kamen Ende April 2010 zu Theater- und Schreibworkshops in Wien zusammen. Im Zentrum dieser Treffen stand der Dialog zwischen jungen Menschen verschiedener kultureller und sozialer Herkunft. In diesem Sinne nahmen sowohl SchülerInnen aus öffentlichen und privaten Schulen als auch benachteiligte Jugendliche und VertreterInnen von Minderheiten teil.
Über Articulating Values zu konstruktivem Dialog
Das seit September 2009 laufende Projekt „ARTiculating Values: Young people act in EuroMed“ stellt das Nachfolgeprojekt des internationalen Schulprojekts EuroMed School Form dar, das 2006 vom BMUKK/ Abteilung für Internationale Beziehungen ins Leben gerufen wurde. Ziel des letzten Projekts bestand in der Schaffung von Netzwerken zwischen Schulen im euro-mediterranen Raum. Der interkulturelle Dialog nahm demnach schon in den letzten Jahren eine wichtige Rolle ein.
Im Rahmen des Nachfolgeprojekts wird ein besonderer Fokus auf Werte im Allgemeinen, Demokratie und interreligiösen Dialog gelegt. Einbezogen sind diesmal nicht nur Schulen, sondern auch außerschulische Jugendliche (vor allem von Minderheiten) und VertreterInnen aus außerschulischen Organisationen (Jugend- und Kulturzentren etc.). Auf diesem Weg soll eine Synergie zwischen formaler und non-formaler Bildung geschaffen werden. In den Worten der Projektbeschreibung wird durch eine solche Einbeziehung diverser AkteurInnen „eine Plattform für interkulturellen Dialog und globale Bildung entstehen, die einen nachhaltigen und positiven Einfluss auf ein friedliches Zusammenleben und aktive Bürgerschaft in der gesamten Region“ (Projektbeschreibung, Interkulturelles Zentrum) entstehen.
Das Projekt wird vom Interkulturellen Zentrum koordiniert und u.a. von der Anna Lindh Foundation, dem BMUKK und der UNESCO Österreich unterstützt.
Mit Texten und Theater zu mehr interkultureller Verständigung
Im Rahmen des Internationalen Trainingsseminars vom 25.-30. April 2010 in Wien setzten sich einige der ProjektteilnehmerInnen im Rahmen von Theater- und Schreibworkshops mit den Themenbereichen „Werte, Konflikte und Identitäten“ auseinander. Dabei sollten eigene Werte und Vorurteile gegenüber dem/der „Anderen“ kritisch hinterfragt werden. Die Theaterworkshops wurden nach den Methoden des Theater der Unterdrückten unter der Leitung von den TheaterpädagogInnen Birgit Fritz (Österreich) und Chen Alon (Israel) konzipiert. Darunter sind Theatermethoden zu verstehen, bei denen mit den Erfahrungen der Teilnehmenden gearbeitet wird.
In der Schreibwerkstatt enstanden unter der Leitung eines Journalisten zum Motto „Pages for Peace“ Texte, bei denen ein positives Bild des „Anderen/Fremden“ vermittelt wird. Diese Texte werden im Jänner 2011 veröffentlicht.
Mit dem Trainingsseminar ist es jedoch nicht getan. Dieses sollte nämlich einen Rahmen für Anstöße zu weiteren Text- und Theaterproduktionen in den verschiedenen Ländern bieten. Wieder in ihren Herkunftsländern angekommen, werden die Workshop-Teilnehmenden ihren FreundInnen, Familien, KlassenkameradInnen usw. von ihren Erfahrungen erzählen und neue Text- und Theaterproduktionen realisieren.
Dadurch können auch jene ProjektteilnehmerInnen, die nicht in Wien dabei sein konnten, von dem Trainingsseminar profitieren. Diese waren aber auch schon während der Zeit des Seminars auf virtuelle Weise in Wien präsent. Ihre kreativ gestalteten Arbeiten zu den Lebensrealitäten ihrer Großeltern sind seit 25. April im Europahaus zu bewundern.
Bühne frei für Werte
Die während der Theater- und Schreibworkshops entstandenen Szenen und Texte wurden am 29. April 2010 im Europahaus rund 150 Gästen präsentiert. Aus der Schreibwerkstatt wurde eine von den Teilnehmenden durchgeführte Online-Befragung von ÖsterreicherInnen und LibanesInnen zu einem fiktiven Land namens „Begonia“ vorgestellt. Trotz des fiktiven Charakters gaben die Befragten klare Antworten zu Fragen wie z.B. der Beziehung zwischen ihrem Land und Begonia oder der Forderung, dass Frauen in Begonia das Wahlrecht erhalten sollten. Dadurch wurde deutlich, wie stark die Macht von Vorurteilen und Stereotypen in unseren Gesellschaften ist, da diese sogar zu Aussagen und Urteilen über fiktive Länder führen.
Den Hauptteil des Abends nahmen Theaterszenen ein. Beeindruckend war die Vielfalt an Inhalten, die in Form von theatralen Collagen wie z.B. Standbildern dargestellt wurden. Die Szenen beinhalteten u.a. die Themen Krieg, Gewalt innerhalb von Familien, traditionelle Beziehungsvorstellungen, Diskriminierung am Arbeitsplatz und in Lokalen und Ausgrenzung. Die Vorstellung war sowohl von Ängsten als auch von Hoffnungen der Teilnehmenden geprägt.

Fotos: Interkulturelles Zentrum

Ganz im Sinne des Theater der Unterdrückten wurde am Schluss das bis dahin „passive“ Publikum zum Mitmachen angeregt. Eine der vorgestellten Szenen zu Diskriminierung am Arbeitsplatz und in einem Lokal wurde in eine Forumtheaterszene „verwandelt“ und jeder/jede aus dem Publikum konnte in die Unterdrückten-Rolle schlüpfen und versuchen, die Situation zu verändern. Wie die Versuche zeigten, fehlte es dem Publikum auch nicht an Kreativität.

Abschlussbild (Foto: Interkulturelles Zentrum)
Interkultureller Musikdialog
Im Anschluss an die Theaterpräsentation wurde Interkulturalität noch in Form von Musik vorgeführt bzw. gelebt. Marwan Abado, palästinensischer Sänger, Komponist und Oudspieler und Aliosha Biz, Geigenspieler mit österreichisch-russisch-jüdischem Hintergrund, gaben Ausschnitte aus ihrem Musikprojekt „Friedenssaiten“ zum Besten. In Form eines Dialogs zwischen traditioneller jüdischer Volksmusik und klassischer orientalischer Improvisationskunst Taqsim zeigten die zwei Musiker, wie interkulturelle Begegnungen mithilfe von Musik stattfinden können.

Aliosha Biz und Marwan Abado (Foto: Interkulturelles Zentrum)
Raum für weitere interkulturelle Begegnungen gab es dann noch abschließend bei einem üppigen Buffet.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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