Unter diesem Motto stand die einleitende Podiumsdiskussion der Konferenz NIC 09 Interkulturelle Bildung in Österreich. Gegenwart und Zukunft, welche am 15. Oktober 2009 im Veranstaltungssaal der Hauptbücherei in Wien abgehalten wurde.
Die fünf Podiumsgäste, die aus unterschiedlichen Zusammenhängen von Bildung und/oder Interkulturalität kamen, diskutierten unter der Moderation von Hakan Gürses über den Stellenwert interkultureller Bildung in unserer Gesellschaft. Der Fokus der Diskussion lag auf der Erwachsenenbildung und der universitären Bildung in Österreich.
Harmonisch , aber dennoch gefährlich
Die DiskutantInnen waren sich einig, dass der Begriff interkulturell nicht eindeutig definierbar ist. Dass darunter vieles verstanden wird sowie zahlreiche Funktionen, Aufgaben und Begriffe damit verbunden werden, zeigte sich schon anhand der verschiedenen Arbeitsbereiche der Podiumsgäste. Die primären Assoziationen mit dem Begriff interkulturell reichten von harmonisch, herausfordernd, integrierend und problemlösend über die Gefährdung der Sicherheit und die Begegnung mit dem Fremden bis hin zur kulturellen Vielfalt. Beate Wegerer, Bibliothekarin mit Arbeitsschwerpunkt auf Kinder- und interkultureller Büchereiarbeit, wies darauf hin, dass bereits vor 20 Jahren multikulturelle Feste, mehrsprachige Lesungen und internationale Veranstaltungen innerhalb der Büchereien abgehalten, diese jedoch damals noch nicht mit dem Begriff interkulturell verknüpft wurden. Der Moderator und wissenschaftliche Mitarbeiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung, Hakan Gürses, führte in diesem Zusammenhang an, wie wichtig es sei, die Entwicklung des Diskurses über Interkulturalität mit dem nationalen Kontext zu verbinden. Für Österreich sei demzufolge zum Beispiel die Arbeitsmigration ein Anlass zur Diskussion über Interkulturalität, die zusätzlich medial sehr präsent ist. Aktuell macht Gürses in Österreich die Erfahrung, dass sich Lehrangebote bezüglich interkultureller Bildung teilweise in ihrem Angebot widersprechen. Dies zeugt von einer gewissen Beliebigkeit im Themenbereich.
Interkulturell ein Begriff mit steiler Karriere
Die wirtschaftliche Perspektive auf den Diskussionsgegenstand interkulturelle Bildung wurde vor allem von Fatma Stieger und Margarete Friedl eingebracht. Letztere ist unter anderem Geschäftsführerin von SPIDI the Language of Life, in dessen Rahmen Fremdsprachenweiterentwicklung, Trainings und Beratungen rund um das Thema Kultur für wirtschaftliche Unternehmen angeboten werden. Ihrer Erfahrung nach sei der Begriff interkulturell innerhalb der Unternehmensberatung auf Trainings und Fremdsprachenkurse beschränkt, um sich auf das Interkulturelle, das was außerhalb der österreichischen Grenze liegt vorzubereiten. Dem stimmte Fatma Stieger, Senior Beraterin und interkulturelle Trainerin, zu. Im wirtschaftlichen Zusammenhang, so Stieger, beziehe sich Interkulturalität auf die Geschäftsbeziehungen außerhalb der österreichischen Landesgrenzen, innerhalb des Unternehmens werde sie jedoch ignoriert. Interkulturell sei heutzutage schick und modisch, darüber hinaus sei es bereits in einem Rahmen von 15 Stunden möglich, eine zertifizierte interkulturelle TrainerInnenausbildung zu absolvieren und folglich spezifische Trainings, im geläufigen Ausmaß von vier Stunden, zur Kompetenzbildung abzuhalten. Dies soll möglichst schnell, effektiv und ohne Reflexionsübungen geschehen. Die vermittelten DOs and DONTs sollen den MitarbeiterInnen eines Unternehmens den Kontakt mit internationalen KundInnen erleichtern. Zu ihrem durchaus kritischen Beitrag fügte Fatma Stieger zynisch hinzu, dass das Interkulturelle innerhalb der Wirtschaft eine steile Karriere ermögliche.
Der Begriff diversity als Alternative?
Im Zusammenhang mit der Frage, welche Ziele und Erwartungen die DiskutantInnen bezüglich interkultureller Bildung haben, entwickelte sich eine Diskussion rund um den Begriff diversity. Dieser sei laut dem Bildungswissenschafter und Psychotherapeut Mikael Luciak, dessen Forschungsschwerpunkt unter anderem die interkulturelle Pädagogik ist, brauchbarer, weil er die Vielfalt der Gesellschaft erweitert erfasse. Für seinen Arbeitsbereich bedeute dies, dass SchülerInnen egal ob aus Österreich oder der Türkei, alt oder jung, reich oder arm, Mann oder Frau, BuddhistIn oder ChristIn lernen miteinander umzugehen, sich zu verstehen und zu respektieren. Auch für Beate Wegerer sei diversity der passendere Begriff, zumal dieser den sozialen Faktoren eine größere Wichtigkeit zuschreibt.
Wirkung und Ausblick
Österreichs Beitrag im Bereich der interkulturellen Bildung widmete sich ausführlich Franz Gmainer-Pranzl, Theologe und Philosoph. Er ist der Meinung, dass noch lange nicht genug getan werde, oft der politische Wille zur Umsetzung fehle und auf institutioneller Ebene mehr passieren müsse. Darauf aufbauend forderte Luciak eine Veränderung des österreichischen Bildungssystems. Aktuell kreiere es für ihn Ungleichheiten, die vielfach kulturell und sprachlich festgemacht werden. Außerdem werde die Diskussion um Machtverhältnisse und Chancengleichheiten in Österreich kaum geführt, so der Bildungswissenschafter. Gegen Ende der Veranstaltung wurde auch das Publikum in die Diskussion miteinbezogen. Diese ergab Forderungen nach mehr Entwicklungsarbeit im Bereich der Bildungs- und Migrationsforschung sowie einer Verankerung der interkulturellen Bildung im Grundschulbereich. Außerdem wurde das Dilemma der interkulturellen Trainings zwischen Nachfrage der Kunden nach raschen DOs and DONTs und der Kritik an einem starren Kulturbegriff ausführlich besprochen.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.