In Österreich für Bildungsgerechtigkeit kämpfen? – II

Im zweiten Teil dieser Artikelserie führt die Autorin die Bildungsungerechtigkeit im österreichischen Schulsystem weiter aus. Die Hierarchie unter den Schulformen und die Elitenbildung in den Gymnasien sind dabei genauso Thema wie Deutschkenntnisse als Ausschlusskriterium im Bildungssystem.


Die Bewahrung der Elitenbildung

Ich komme zurück auf Konfuzius:  „Wo es um Bildung geht, darf es keine Stände geben.“ Nun, in Österreich gibt es natürlich keine Stände mehr, dennoch ist unser ganzes Bildungssystem noch ständisch geprägt. Es gibt für schulpflichtige Kinder unterschiedliche Schultypen, in die man bereits im Alter von zehn Jahren auseinanderselektiert wird. Genau genommen findet die Entscheidung bereits mit neun Jahren statt, nämlich zur Halbzeit der letzten Klasse in der Volksschule. Kinder aus sozial benachteiligten Milieus besuchen nachweislich in weitaus höherem Ausmaß die Hauptschule als Kinder aus höherer sozialer Schicht. Kinder, deren Kenntnisse der deutschen Sprache noch mangelhaft sind,  haben schon von den gesetzlichen Voraussetzungen her keine Chance, in das prestigeträchtige Gymnasium aufgenommen zu werden, denn sie dürfen im Halbjahreszeugnis der vierten Volksschulklasse keine schlechtere Beurteilung als „Gut“ haben, also die Note „2“ auf einer Skala von „5“. Wer mit Defiziten in der deutschen Sprache im österreichischen Schulsystem sozialisiert wurde, hat an dieser Schnittstelle keine Chance. Gar nicht zu reden von den so genannten „QuereinsteigerInnen“, also denen, die erst neu ins Land gekommen sind und Deutsch noch gar nicht beherrschen. Auch sie müssen draußen bleiben aus dem heiligen Bildungstempel des Bürgertums. In Wirklichkeit ein Skandal. Es fügt sich aber gut ins Bild.

Dahinter steht nämlich die Vorstellung, dass das Gymnasium der Elitenbildung dienen soll, wobei in Österreich damit meist so genannte Herkunftseliten reproduziert werden. „Nicht jedeR muss ins Gymnasium gehen“, heißt es dann. Politisch korrekter ausgedrückt hört es sich heute so an: „JedeR soll die Schule besuchen, die seinen Talenten am besten entspricht.“ Die Diskussion darüber, dass eine solche Prognose keinesfalls mit neun Jahren erstellt werden kann, wird dabei ebenso wenig geführt wie die über die Tatsache, dass diese frühe Trennung nachweislich die soziale Selektion verstärkt. Unterschiedliche Bildung führt heute mehr denn je dazu, soziale Unterschiede zu verstärken, einzuzementieren und gegeneinander auszuspielen. Der Soziologe Heinz Bude hat dies in seinem Buch „Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet“ eindrücklich dargelegt. Diese Entwicklung, die nicht österreichspezifisch ist und eng mit der Ökonomisierung der Bildung und einem damit einhergehenden Konkurrenzkampf verbunden ist, wird in Österreich (wie teils auch Deutschland) noch dadurch verschärft, dass sie auf die bereits erwähnte ständische Tradition aufsetzt, die gerade bei uns noch nachhaltig wirkt. So verwundert es nicht, dass – leider maßgebliche – Teile der ÖVP, deren Partei ja historisch im Ständestaat verwurzelt war, auf die unterschiedlichen Schultypen ab zehn beharrt, mit unerbittlicher Vehemenz und um den Preis des Stillstands jeglicher Bildungsreform. Ich behaupte, es geht – bewusst oder nicht – in erster Linie um die Bewahrung des Status Quo und nicht so sehr um die Aufrechterhaltung des Gymnasiums.

Hierarchisierung des Systems

Doch nicht nur in der frühen Aussortierung wirkt dieses ständische Moment noch nach, sondern auch in den verschiedenen Schultypen ab zehn, für die es verschiedene Ausstattungen, finanzielle Zuwendungen, verschiedene dienstrechtliche Bestimmungen, unterschiedliche Bezahlung und auch unterschiedliche Ausbildungswege gibt. Grob vereinfacht kann gesagt werden: Je höher und angesehener der Schultyp, desto größer das Ansehen, desto länger die Ausbildung und desto besser die Bezahlung. Ganz schlecht sieht es derzeit in den Kindergärten aus. Fünf Jahre Ausbildung müssen genügen, um in den Lehranstalten zu unterrichten, in denen die grundlegenden Weichen für den künftigen Bildungsweg gestellt werden. Dazu kommt eine eklatant schlechte Bezahlung, die sich noch dazu nach Bundesländern unterscheidet. Die LehrerInnen an Hauptschulen und/oder an den Neuen Mittelschulen werden an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet, die LehrerInnen an den Höheren Schulen (Gymnasien, Berufsbildende Höhere Schulen) hingegen an den Universitäten.

Über die Qualität der jeweiligen Ausbildungswege sagt das zwar noch gar nichts aus, doch zeigt sich doch auch in der Tatsache dieser Unterscheidung die Hierarchisierung, die sich durch das System zieht. Eine weitere Unterscheidung besteht darin, dass eine AHS-Lehrperson die Fächer unterrichtet, die er oder sie studiert hat. Eine Hauptschullehrkraft hingegen muss noch vier bis fünf weitere Fächer unterrichten, je nach Bedarf an der jeweiligen Schule und ohne dafür qualifiziert zu sein. Was für eine Zumutung für die Betroffenen, vor allem aber auch welche Geringschätzung, ja Verachtung der Schülerinnen und Schüler in diesen Schulen kommt darin zum Ausdruck! Die Botschaft: Für euch muss das genügen, auch wenn ihr in Wirklichkeit die bestqualifizierten LehrerInnen braucht. Wie anders kann man verstehen, dass dieser unerfreuliche Zustand bis vor kurzem unhinterfragt aufrechterhalten wurde?

Hier geht’s zum 3. Teil der Artikelserie.

Die Autorin ist Vorsitzende der Bildungsinitiative BildungGrenzenlos und ehemalige Direktorin einer Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS). Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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